Skulpturen wirken lebendiger als Menschen

Was für ein Gesicht! Von Falten gezeichnet, zerfurcht, ledern. Das Gesicht eines alten Menschen, worin die Zeit tiefe Spuren gemeißelt hat. Es ist das Porträt der Bildhauerin Louise Bourgeois (* 1911), vom französischen Fotografen Gérard Rondeau (* 1953), der seit über zwanzig Jahren mit der Tageszeitung "Le Monde" zusammenarbeitet, im März 1993 in New York aufgenommen. Meistens in schwarz-weiß porträtiert er französische und internationale Geistesgrößen: Künstlerinnen und Künstler, Schriftstellerinnen und Schriftsteller, Sängerinnen, Designer und Filmleute. Wenngleich die von ihm Porträtierten im Bildrahmen bleiben, fällt seine Serie "Hors cadre" programmatisch aus dem Rahmen. Es sind Aufnahmen aus französischen Museen, die sozusagen außerhalb des üblichen Rahmens entstehen: während des Ausstellungsaufbaus oder Abbaus, verpackt, in Teile zerlegt, während des Transports. Diese Bilder sind poetisch, stellenweise auch skurril und witzig, denn sie zeigen die Begegnung zwischen erhabener und zeitloser Kunst, Zeugin vergangener Zeiten und der Zeit trotzender Werte, die durch die Museumsmitarbeiter, also heutige Zeitgenossen, "entweiht", von den Wänden und den Sockeln genommen, verpackt und auf Reisen geschickt wird.

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Die Schöpfer sind erschöpft

Sowohl in seinen Porträts als auch in seiner ungewöhnlichen Museumsserie ist Gérard Rondeau ein Fotograf, der den Blick gern auf und hinter die Kulissen wirft. Die von ihm angebildeten Menschen nimmt er meistens in deren Behausungen, in Wohnungen und Ateliers, aber auch in ihrer unmittelbaren Umgebung: in Parks oder auf den Straßen auf. Es sind urbane Porträts, denn die darauf Verewigten leben oder lebten in den Metropolen dieser Welt. Auch wenn die Kulisse sehr fragmentarisch, verschwommen oder beiläufig erscheint, gibt sie Auskunft über den Menschen, der darin wirkt: es sind Räume, in denen er der geistigen, schöpferischen und erschöpfenden Arbeit nachgeht. Sie bilden sein natürliches Umfeld und deshalb arbeitet der französische Fotograf nur mit natürlichem Licht. Die von Rondeau Porträtierten, von denen er nur vier Aufnahmen fertigt, wirken wie eingefroren, müde und in sich gekehrt. Ihre Starre bildet einen Kontrast zum dynamischen Image, das sie in der Öffentlichkeit genießen: Georg Baselitz und Christo, um nur diese beiden Tatmenschen und Energiebündel zu erwähnen, sitzen erschöpft in ihren Ateliers, als ob sie Kräfte für neue Leistungen sammelten. In seinem privaten Refugium ist der Künstler auch nur ein Mensch, ein sich seiner Schwäche bewusstes Individuum, fernab des medialen Bildes, das von ihm vermittelt wird. Im Gegensatz zu den statischen, wie urbane Stillleben anmutenden Porträts der Berühmtheiten der geistigen Welt, besticht die Serie "Hors cadre" durch ihre Lebendigkeit und Dynamik. Jeder Ausstellungsabbau verändert die Museumsräume, denn, wie Gérard Rondeau sagt: "In leeren Sälen beginnen die Gegenstände zu sprechen. Freude, Lust und ein Begehren werden geweckt, diesen Zustand mit der Kamera festzuhalten. Skulpturen wirken dann lebendiger als Menschen, sie scheinen die Betrachter unserer Welt zu sein, der es nicht so gut geht."

Einblicke in die belebte und unbelebte Kunstwelt

Gérard Rondeau fotografiert Menschen und die von ihnen geschaffenen schönen, manchmal unvergänglichen Dinge, die in Museen aufbewahrt werden. Er gehört zu den bekanntesten französischen Fotografen, der Anfang 2007 von 3.000 französischen Journalisten zum "Künstler der Jahres" gekürt wurde. "Ich bin ein Auftragsfotograf, das steht jedoch nicht im Widerspruch zur künstlerischen Freiheit", sagt er. Dass diese Aussage stimmt, belegt die Ausstellung "Gérard Rondeau - Fotografien" im Berliner Martin-Gropius-Bau, die erste Einzelschau dieses Künstlers in Deutschland, in Zusammenarbeit der Berliner Festspiele mit der Französischen Botschaft und dem Institut français in Berlin entstanden. Mit 150 vorwiegend Schwarz-Weiß-Aufnahmen aus der Porträt- und der "Hors cadre"-Serie zeigt der Franzose sensible, melancholische und häufig vom subtilen Humor durchdrungene Einblicke in die belebte und unbelebte Kunstwelt. Zu sehen sind u.a. Porträts von Louise Bourgeois, Georg Baselitz, Susan Sontag, Jürgen Habermas, Jacques Derrida, Jim Jarmusch, Christo, Gilbert & George, Roy Lichtenstein, Jean Paul Gautier und Carla Bruni. Gérard Rondeau blickt hinter die Kulissen, in denen Menschen und Kunstwerke leben und veranschaulicht, dass das Leben fernab der von den Medien konstruierten Wirklichkeit eine recht unspektakuläre, vergängliche Inszenierung ist. Erhaben und profan, auf Zeit und zeitlos: wie Kunst und Leben eben zu sein pflegen.

Text © Urszula Usakowska-Wolff

5.05.2007


Gérard Rondeau - Fotografien
Martin-Gropius-Bau Berlin
9. März - 28. Mai 2007


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Weiter zum Text über die Ausstellung "Brassai (1899 - 1984). Die große Retrospektive" im Martin-Gropius-Bau Berlin, 9.03. - 28.05.2007