Elementare Mechanik des Alltags

Er war Grafiker, Zeichner, Maler, Musiker, Installations- und Aktionskünstler und Verleger, der seine eigenen Kunstbücher und Gedichte veröffentlichte: Das 1998 im Alter von 68 Jahren verstorbene künstlerische Multitalent Dieter Roth gehört zu den bedeutendsten und eigenständigsten Künstlerpersönlichkeiten der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts. Er war ein programmatischer Einzelgänger, der sein Leben zum Dreh- und Angelpunkt seiner Kunst machte. Seit Anfang der 1960er Jahre ist sein vielseitiges Werk eine Art Tagebuch, in dem er versuchte, mit einer manischen Gründlichkeit und Akribie, den Alltag in allen seinen Facetten sowie materiellen und intellektuellen Erscheinungsformen zu dokumentieren und seine eigene Vergänglichkeit für die Ewigkeit festzuhalten. Der deutsch-schweizerische Künstler mit Wohnsitz in Reykjavik und Basel war vor allem ein Bildhauer, der zeit seines Lebens aus den Abfallprodukten des Alltag sein eigenes Denkmal baute. Sein eigenes Leben war der wichtigste Gegenstand seiner Kunst und lieferte ihm das Material, das diese Kunst bedeutete: Bücher, die er zu Literaturwürsten verarbeitete, Salamischeiben, die er zwischen zwei Plexiglasscheiben presste und Gewürze, die er in Vitrinen zu bunten Skulpturen anordnete sowie mehr oder weniger wohlriechende Objekte aus Knoblauch, Käse, Schokolade und Karnickelköttel, ferner Zeitungsausschnitte und Papierschnipsel, die er in Ordnern als Flachen Abfall archivierte, aber auch unendliche Stunden aus seinem alltäglichen Leben, die er auf Videoband aufnahm und sie dann über Hunderte von Bildschirmen laufen ließ, und nicht zuletzt seine riesige Gartenskulptur und sein eigens Atelier, also die Große Tischruine, die in Museen wie Fremdkörper wirken.

Urszula Usakowska-Wolff: Gebührenfreie Information, 2004. © Urszula Usakowska-Wolff

Urszula Usakowska-Wolff: Gebührenfreie Information, 2004. © Urszula Usakowska-Wolff

 Weich, pelzig, malerisch

Das Leben ist ein kontinuierlicher Prozess, der jeden Tag neu anfängt: Ein permanentes Vergehen und Werden, für die das Angefangene, das Unfertige, das Unvollkommene und das Vergängliche stehen. Genauso wie die Lebensmittel, die Dieter Roth für seine Kunst entdeckte, hat das menschliche Leben auch eine Verfallsfrist, die jedoch nicht überschritten werden kann: Der Schimmel auf der Schokolade lebt länger als der Schokoladen- und Schimmelkünstler. Der Film lebt länger als der Filmer. Der Anfang und das Ende, also das alltägliche Leben in allen seinen Stadien und Ausdrucksformen, Höhen und Tiefen zwischen dem Anfang und dem Ende, sind Dieter Roths Hauptthemen, unabhängig davon, welcher künstlerischer Mittel er sich zur Visualisierung seiner obsessiven Beschäftigung mit der Vergänglichkeit bedient. Er ist ein Ästhet des Verfalls und zeigt dessen mörderische Schönheit und Beständigkeit: weich, pelzig und malerisch wie der Schimmel, der auf der verendenden Materie wuchert und sie zum neuen Leben erweckt. Die Beständigkeit der Unbeständigkeit, das Chaos, das zur Ordnung führt und die Ordnung, aus der Chaos entsteht: In Dieter Roths Bilder-, Formen- und Bücherwelt ist alles fließend, genauso wie in der realen Welt.

  Zergehen, vergehen, zerfallen

Von seinen Lehrern und dem Zeitgeist beeinflusst, versuchte sich Dieter Roth am Anfang seiner künstlerischen Laufbahn Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts als Konstruktivist. Eine Ausstellung des Kinetikers Jean Tinguely, die er 1960 in Basel besuchte, war ein Wendepunkt auf dem Weg zu einer eigenständigen Arbeitsweise, die er als Schmieren bezeichnete: Da waren diese Maschinen, die sich selber zerstören und die sich selber so Zeug wegschleudern. Da hat mich ein unglaublicher Neid gepackt, und ich war unglücklicher als vorher, weil Tinguely das gemacht hat, was mir richtig schien. Zwei Arbeiten markierten den Anfang seiner eigenständigen Kunst: 14 Zeitungs-Illustrationen von 1963/64 und die erste Literaturwurst von 1961. Aus dieser Zeit stammt auch eine große Zahl von Buchobjekten, in denen Dieter Roth Tageszeitungen als Kunst-Stoff benutzte. Die Verwendung vom vorgefundenem Material spielte in seinem nachfolgenden Werk eine große Rolle. So stellte er 1974 eine Literaturwurst her, für die er das 20-bändige Werk von Hegel wortwörtlich und bildlich verwurstelte. Immer häufiger setzte Roth auch organische Materialien wie Gewürze, Obst, Schokolade- und Wurstprodukte ein, die er in Plexiglas oder Kunstfolie presste und verschimmeln ließ. Im Gegensatz zu Joseph Beuys, der seine vergänglichen Kunstwerke aus Lebensmitteln teilweise mit Ölfarbe bedeckte und sie dadurch konservierte, war der Verfallskünstler Dieter Roth ein entschiedener Gegner jeglicher Restauration: Die Gegenstände, welche aus Schokolade oder Ähnlichem sind, dürfen (oder sollen) zergehen, vergehen, zerfallen, abgefressen, abgebrochen, zerschnitten, verkratzt werden - und das tut ihnen gut.

 Diese ganze Scheiße

Das Scheitern, das Kaputte und Unbrauchbare, das, was man beim Schreiben oder Zeichnen in den Papierkorb wirft, die Schmierereien auf den Bierdeckeln während eines Telefongesprächs, das Lallen im Alkoholrausch, das Gebell von tausend Hunden als Ausdruck ihres elenden Daseins in einem spanischen Tierheim, die zerstörerische Macht der Triebe, das Depressive und Kranke, Vergängliche, Verwesende und Stinkende: dieser ganze alltägliche Kram, den er unverblümt Scheiße nannte, war der Stoff aus dem Dieter Roth (der sich auch Diter Rot nannte) seine Kunst formte. Schwer verdaulich und zum leichten Konsum nicht geeignet, denn die Verfallsfrist war garantiert abgelaufen.

Bücher machen wie Tische

Ich glaube nicht, dass ich als Maler angefangen habe. Ich habe eigentlich als Dichter angefangen: Dieter Roth, der die Bücher der Geistesgrößen wie Hegel oder Grass zu richtigen, also gepökelten und entsprechend gewürzten Literaturwürsten verarbeitete, war seit Ende der 1950er Jahre selbst ein rastloser Wort- und Bücherproduzent: Ich habe diese Bücher gemacht wie man einen Tisch macht. Ich habe sie nicht einfach vollgeschrieben, sondern ich habe sie gemacht. Das Werk dieses Büchermachers umfasst über 100 Bände, sein Gesamtwerk ist auf 40 Bände angelegt, wovon 26 erschienen sind. Den Begriff des Buchs fasste der Künstler jedoch sehr breit auf: Bild, Skulptur, Objekt, alles konnte in seinen Händen zu einem Buch werden wie geschnittene und gebundene Zeitungen oder eine Comicparodie. Zugleich war ihm das Buch das Heiligste - der Büchermacher Roth war ein Fetischist des gebundenes Wortes.

 Rumpelkammer des Seins

Bilder wurden zu Worten, Worte zu Bildern, seine mit Kritzeleien bedeckten Ateliertische zu Skulpturen, seine Ateliers zu raumfüllenden Installationen, seine Skulpturen aus leichtverderblichen Lebensmitteln bildeten den Grundstock für sein einzigartiges Schimmelmuseum in Hamburg. Weil in der Natur und im Leben nichts verkommen und weggeworfen werden darf, war Dieter Roth ein geradezu manischer Sammler. Er sammelte gegen den Strom und nur das, was unserer Wegwerfgesellschaft als minderwertig und unbrauchbar erscheint. Er sammelte Reste des Alltags und baute daraus eine nostalgische Müllhalde der vergänglichen menschlichen Existenz, eine Rumpelkammer des Seins. Zeit seines Lebens wühlte er im Müll und zauberte daraus wahre Kunstschätze, die lange im Verborgenen blieben, denn sie waren nichts für feine Nasen und den feinen Kunstgeschmack, also lange noch keine Ware.

 Die Roth-Zeit ist reif

Das wahre Leben eines Künstlers beginnt häufig erst nach seinem Tod und ist ein Segen für den Kunstmarkt. So ist die Kunstwelt auf den Geschmack des vor fünf Jahren in Basel verstorbenen Dieter Roth erst so richtig auf der Documenta 11 gekommen, wo seine Große Tischruine zum ersten Mal einem breiten Publikum zugänglich gemacht wurde. Doch eine richtige Roth-Zeit brach erst in diesem Jahr aus. Seine erste posthume Retrospektive fand im Frühjahr und Sommer dieses Jahres in Basel statt, und zwar in einem neugebauten Museum, das sich Schaulager nennt und eine Mischung aus Kunsttempel und Kunstlager sein soll. Das Aufsehen erregende Bauwerk, das im Mai 2003 am südlichen Stadtrand Basels eröffnet wurde, ist das neueste Werk der Schweizer Stararchitekten Herzog & de Meuron, vor allem ein monumentales Depot für zeitgenössische Kunst und erst dann ein Ausstellungsraum, in dem vier mal im Jahr Wechselausstellungen stattfinden werden. Von den fünf Geschossen sind drei als Depots vorgesehen, nur zwei dienen als Ausstellungsfläche.

Über 550 Arbeiten des 1998 in Basel verstorbenen Dieter Roths konnten dort vorbildlich und mit reichlich Luft zum Atmen ausgestellt werden, darunter seine gigantischen Gesamtkunstwerke wie die 40 Meter lange Gartenskulptur, an der er über 30 Jahre arbeitete. Diese scheinbar wilde und ausufernde Mischung aus Pflanzen, Elektronikgeräten, Lebensmitteln, Kleidungsstücken und anderen seltsamen Objekten ist  die Verkörperung seiner Auffassung vom Kunstwerk als einem sich fortwährend verändernden, vergänglichen organischen Gebilde.

 Schimmel in Glasvitrinen

Genau wie seine über die Jahre sich verändernden und ständig wachsenden Kunstwerke, kannte auch ihr Schöpfer, der ständig in Bewegung und immer auf Reisen zwischen seinen Lebensmittelpunkten in Reykjavik und Basel, Hannover, Hamburg und New York war, keinen Stillstand. Nun ist die posthume „Roth-Zeit“ auch in anderen angesehenen Kunstzentren reif. Wie zuletzt im Museum Ludwig in Köln, von wo es im Frühjahr des nächsten Jahres nach New York wandern wird. Dieter Roth, der zu Lebzeiten an seinem dreidimensionalen Tagebuch, an seinem fragilen Denkmal aus dem vergänglichen Alltag bastelte, ist nun selbst zu einem musealen Objekt geworden. Die elementare mekanik des altags, die er 1959 in einem seiner Gedichte besang, wurde zu einem monumentalen internationalen Freizeitevent für ein Zeitgeist bewusstes Publikum. Mit Schimmel in Glasvitrinen für die Kunstwelt haltbar gemacht.

Text © Urszula Usakowska-Wolff 

ROTH-ZEIT
25.05. - 14.09.2003
Schaulager Basel
 


18.10.2003 - 11. Januar 2004
Museum Ludwig Köln

 


10.03. - 7.07.2004
The Museum of Modern Art Queens and P.S.1 Contemporary Art Center,
Long Island City, New York

Kuratoren:
Theodora Vischer, Kuratorin des Schaulagers Basel, Laurenz-Stiftung
Dr. Ulrich Wilmes, stellvertretender Direktor des Museum Ludwig
Gary Garrels, Chief Curator des MoMA  


Katalog
ROTH-ZEIT
Eine Dieter Roth Retrospektive
Herausgegeben von Theodora Vischer und Bernadette Walter
Texte von Dirk Dobke und Bernadette Walter
Schaulager
Lars Müller Publishers, 2003
ISBN 3.03778-006-1 (deutsche Ausgabe)
ISBN 3-03778-008-8 (englische Ausgabe)
Preis € 45

zu den Kunstnews

zum Text über die Ausstellung "Luginbühl total" im Museum Jean Tinguely in Basel