Elementare
Mechanik des Alltags
Er war Grafiker, Zeichner, Maler, Musiker, Installations- und Aktionskünstler und Verleger, der seine eigenen Kunstbücher und Gedichte veröffentlichte: Das 1998 im Alter von 68 Jahren verstorbene künstlerische Multitalent Dieter Roth gehört zu den bedeutendsten und eigenständigsten Künstlerpersönlichkeiten der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts. Er war ein programmatischer Einzelgänger, der sein Leben zum Dreh- und Angelpunkt seiner Kunst machte. Seit Anfang der 1960er Jahre ist sein vielseitiges Werk eine Art Tagebuch, in dem er versuchte, mit einer manischen Gründlichkeit und Akribie, den Alltag in allen seinen Facetten sowie materiellen und intellektuellen Erscheinungsformen zu dokumentieren und seine eigene Vergänglichkeit für die Ewigkeit festzuhalten. Der deutsch-schweizerische Künstler mit Wohnsitz in Reykjavik und Basel war vor allem ein Bildhauer, der zeit seines Lebens aus den Abfallprodukten des Alltag sein eigenes Denkmal baute. Sein eigenes Leben war der wichtigste Gegenstand seiner Kunst und lieferte ihm das Material, das diese Kunst bedeutete: Bücher, die er zu Literaturwürsten verarbeitete, Salamischeiben, die er zwischen zwei Plexiglasscheiben presste und Gewürze, die er in Vitrinen zu bunten Skulpturen anordnete sowie mehr oder weniger wohlriechende Objekte aus Knoblauch, Käse, Schokolade und Karnickelköttel, ferner Zeitungsausschnitte und Papierschnipsel, die er in Ordnern als Flachen Abfall archivierte, aber auch unendliche Stunden aus seinem alltäglichen Leben, die er auf Videoband aufnahm und sie dann über Hunderte von Bildschirmen laufen ließ, und nicht zuletzt seine riesige Gartenskulptur und sein eigens Atelier, also die Große Tischruine, die in Museen wie Fremdkörper wirken.
Weich,
pelzig, malerisch Das
Leben ist ein kontinuierlicher Prozess, der jeden Tag neu anfängt: Ein
permanentes Vergehen und Werden, für die das Angefangene, das
Unfertige, das Unvollkommene und das Vergängliche stehen. Genauso wie
die Lebensmittel, die Dieter Roth für seine Kunst entdeckte, hat das
menschliche Leben auch eine Verfallsfrist, die jedoch nicht überschritten
werden kann: Der Schimmel auf der Schokolade lebt länger als der
Schokoladen- und Schimmelkünstler. Der Film lebt länger als der
Filmer. Der Anfang und das Ende, also das alltägliche Leben in allen
seinen Stadien und Ausdrucksformen, Höhen und Tiefen zwischen dem
Anfang und dem Ende, sind Dieter Roths Hauptthemen, unabhängig davon,
welcher künstlerischer Mittel er sich zur Visualisierung seiner
obsessiven Beschäftigung mit der Vergänglichkeit bedient. Er ist ein
Ästhet des Verfalls und zeigt dessen mörderische Schönheit und Beständigkeit:
weich, pelzig und malerisch wie der Schimmel, der auf der verendenden
Materie wuchert und sie zum neuen Leben erweckt. Die Beständigkeit der
Unbeständigkeit, das Chaos, das zur Ordnung führt und die Ordnung, aus
der Chaos entsteht: In Dieter Roths Bilder-, Formen- und Bücherwelt ist
alles fließend, genauso wie in der realen Welt.
Zergehen,
vergehen, zerfallen Von
seinen Lehrern und dem Zeitgeist beeinflusst, versuchte sich Dieter Roth
am Anfang seiner künstlerischen Laufbahn Mitte des zwanzigsten
Jahrhunderts als Konstruktivist. Eine Ausstellung des Kinetikers Jean
Tinguely, die er 1960 in Basel besuchte, war ein Wendepunkt auf dem Weg
zu einer eigenständigen Arbeitsweise, die er als Schmieren
bezeichnete: Da waren diese Maschinen, die sich selber zerstören und
die sich selber so Zeug wegschleudern. Da hat mich ein unglaublicher
Neid gepackt, und ich war unglücklicher als vorher, weil Tinguely das
gemacht hat, was mir richtig schien. Zwei Arbeiten markierten den
Anfang seiner eigenständigen Kunst: 14 Zeitungs-Illustrationen
von 1963/64 und die erste Literaturwurst von 1961. Aus dieser
Zeit stammt auch eine große Zahl von Buchobjekten, in denen Dieter Roth
Tageszeitungen als Kunst-Stoff benutzte. Die Verwendung vom
vorgefundenem Material spielte in seinem nachfolgenden Werk eine große
Rolle. So stellte er 1974 eine Literaturwurst her, für die er
das 20-bändige Werk von Hegel wortwörtlich und bildlich verwurstelte.
Immer häufiger setzte Roth auch organische Materialien wie Gewürze,
Obst, Schokolade- und Wurstprodukte ein, die er in Plexiglas oder
Kunstfolie presste und verschimmeln ließ. Im Gegensatz zu Joseph Beuys,
der seine vergänglichen Kunstwerke aus Lebensmitteln teilweise mit Ölfarbe
bedeckte und sie dadurch konservierte, war der Verfallskünstler Dieter
Roth ein entschiedener Gegner jeglicher Restauration: Die Gegenstände,
welche aus Schokolade oder Ähnlichem sind, dürfen (oder sollen)
zergehen, vergehen, zerfallen, abgefressen, abgebrochen, zerschnitten,
verkratzt werden - und das tut ihnen gut. Diese
ganze Scheiße Das
Scheitern, das Kaputte und Unbrauchbare, das, was man beim Schreiben
oder Zeichnen in den Papierkorb wirft, die Schmierereien auf den
Bierdeckeln während eines Telefongesprächs, das Lallen im
Alkoholrausch, das Gebell von tausend Hunden als Ausdruck ihres elenden
Daseins in einem spanischen Tierheim, die zerstörerische Macht der
Triebe, das Depressive und Kranke, Vergängliche, Verwesende und
Stinkende: dieser ganze alltägliche Kram, den er unverblümt Scheiße
nannte, war der Stoff aus dem Dieter Roth (der sich auch Diter Rot
nannte) seine Kunst formte. Schwer verdaulich und zum leichten Konsum
nicht geeignet, denn die Verfallsfrist war garantiert abgelaufen. Bücher
machen wie Tische Ich
glaube nicht, dass ich als Maler angefangen habe. Ich habe eigentlich
als Dichter angefangen:
Dieter Roth, der die Bücher der Geistesgrößen wie Hegel oder Grass zu
richtigen, also gepökelten und entsprechend gewürzten Literaturwürsten
verarbeitete, war seit Ende der 1950er Jahre selbst ein rastloser Wort-
und Bücherproduzent: Ich habe diese Bücher gemacht wie man einen
Tisch macht. Ich habe sie nicht einfach vollgeschrieben, sondern ich
habe sie gemacht. Das Werk dieses Büchermachers umfasst über 100 Bände,
sein Gesamtwerk ist auf 40 Bände angelegt, wovon 26 erschienen sind.
Den Begriff des Buchs fasste der Künstler jedoch sehr breit auf: Bild,
Skulptur, Objekt, alles konnte in seinen Händen zu einem Buch werden
wie geschnittene und gebundene Zeitungen oder eine Comicparodie.
Zugleich war ihm das Buch das Heiligste - der Büchermacher Roth war ein
Fetischist des gebundenes Wortes. Rumpelkammer
des Seins Bilder
wurden zu Worten, Worte zu Bildern, seine mit Kritzeleien bedeckten
Ateliertische zu Skulpturen, seine Ateliers zu raumfüllenden
Installationen, seine Skulpturen aus leichtverderblichen Lebensmitteln
bildeten den Grundstock für sein einzigartiges Schimmelmuseum in
Hamburg. Weil in der Natur und im Leben nichts verkommen und weggeworfen
werden darf, war Dieter Roth ein geradezu manischer Sammler. Er sammelte
gegen den Strom und nur das, was unserer Wegwerfgesellschaft als
minderwertig und unbrauchbar erscheint. Er sammelte Reste des Alltags
und baute daraus eine nostalgische Müllhalde der vergänglichen
menschlichen Existenz, eine Rumpelkammer des Seins. Zeit seines Lebens wühlte
er im Müll und zauberte daraus wahre Kunstschätze, die lange im
Verborgenen blieben, denn sie waren nichts für feine Nasen und den
feinen Kunstgeschmack, also lange noch keine Ware. Die
Roth-Zeit ist reif Das wahre Leben eines Künstlers beginnt häufig erst nach seinem Tod und ist ein Segen für den Kunstmarkt. So ist die Kunstwelt auf den Geschmack des vor fünf Jahren in Basel verstorbenen Dieter Roth erst so richtig auf der Documenta 11 gekommen, wo seine Große Tischruine zum ersten Mal einem breiten Publikum zugänglich gemacht wurde. Doch eine richtige Roth-Zeit brach erst in diesem Jahr aus. Seine erste posthume Retrospektive fand im Frühjahr und Sommer dieses Jahres in Basel statt, und zwar in einem neugebauten Museum, das sich Schaulager nennt und eine Mischung aus Kunsttempel und Kunstlager sein soll. Das Aufsehen erregende Bauwerk, das im Mai 2003 am südlichen Stadtrand Basels eröffnet wurde, ist das neueste Werk der Schweizer Stararchitekten Herzog & de Meuron, vor allem ein monumentales Depot für zeitgenössische Kunst und erst dann ein Ausstellungsraum, in dem vier mal im Jahr Wechselausstellungen stattfinden werden. Von den fünf Geschossen sind drei als Depots vorgesehen, nur zwei dienen als Ausstellungsfläche. Über
550 Arbeiten des 1998 in Basel verstorbenen Dieter Roths konnten dort
vorbildlich und mit reichlich Luft zum Atmen ausgestellt werden,
darunter seine gigantischen Gesamtkunstwerke wie die 40 Meter lange Gartenskulptur,
an der er über 30 Jahre arbeitete. Diese scheinbar wilde und ausufernde
Mischung aus Pflanzen, Elektronikgeräten, Lebensmitteln, Kleidungsstücken
und anderen seltsamen Objekten ist
die Verkörperung seiner Auffassung vom Kunstwerk als einem sich
fortwährend verändernden, vergänglichen organischen Gebilde. Schimmel
in Glasvitrinen Genau
wie seine über die Jahre sich verändernden und ständig wachsenden
Kunstwerke, kannte auch ihr Schöpfer, der ständig in Bewegung und
immer auf Reisen zwischen seinen Lebensmittelpunkten in Reykjavik und
Basel, Hannover, Hamburg und New York war, keinen Stillstand. Nun ist
die posthume „Roth-Zeit“ auch in anderen angesehenen Kunstzentren
reif. Wie zuletzt im Museum Ludwig in Köln, von wo es im Frühjahr des
nächsten Jahres nach New York wandern wird. Dieter Roth, der zu
Lebzeiten an seinem dreidimensionalen Tagebuch, an seinem fragilen
Denkmal aus dem vergänglichen Alltag bastelte, ist nun selbst zu einem
musealen Objekt geworden. Die elementare mekanik des altags, die
er 1959 in einem seiner Gedichte besang, wurde zu einem monumentalen
internationalen Freizeitevent für ein Zeitgeist bewusstes Publikum. Mit
Schimmel in Glasvitrinen für die Kunstwelt haltbar gemacht. Text
© Urszula Usakowska-Wolff ROTH-ZEIT 18.10.2003
- 11. Januar 2004 10.03.
- 7.07.2004 Kuratoren: Katalog
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