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Die
Welt in Bewegung Seine Bilder sind sorgfältig komponiert als ästhetisch konstruierte Objekte und deshalb möchte Michael Ruetz nicht als Pressefotograf bezeichnet werden. Er ist auch kein 68er, ist aber zu einem ernannt worden, deshalb wirkt 1968 wie ein Witz auf ihn, weil er alle zehn Jahre darauf angesprochen wird. Was ist 68? Kein Mensch weiß das, behauptet der 68-jährige, der wie kein anderer mit seinen in den Zeitungen und Magazinen abgedruckten Bildern das Bild der Zeit prägte, als aufgebrachte Studentenmassen Universitäten besetzten und Straßen stürmten, für Demokratie und Freiheit, gegen den Vietnamkrieg und die totgeschwiegene Kriegsverstrickung ihrer Großeltern und Eltern protestierten. Als Sinologiestudent in Berlin der 1960er Jahre erlebte er die Unruhe, die keiner ignorieren konnte und die alle zu erfassen schien aus unmittelbarer Nähe. Er war Beobachter und Begleiter der Jugendrevolte, ohne – was er gern betont – ihr Akteur gewesen zu sein. Seine ersten Fotos machte der damalige Autodidakt 1964. Als die Proteste nach der Erschießung von Benno Ohnesorg (3. Juni 1967) ihren Höhepunkt erreichten, lichtete er ihre Teilnehmer und Protagonisten auf beiden Seiten der Barrikade ab: aufgebrachte Studenten und charismatische Studentenführer, eingreifende Polizisten, Siegeszüge der APO und Gegenkundgebungen der Springerpresse, Sitzblockaden und Besetzung der FU in Berlin, aber auch "spontane“ Massenkundgebungen in Ostberlin und die Demonstration auf dem Wenzelsplatz in Prag nach dem Einmarsch der Warschauer-Pakt-Truppen in die Tschechoslowakei Ende August 1968.
Beuys
boxt und Hund paradiert Rudi Dutschke, dessen Kopf von einem Heiligenschein umhüllt zu sein scheint, der lasziv-unschuldig blickende Andreas Baader, die schwebenden APO-Demonstranten auf der Fennbrücke in Berlin-Wedding, der sein Gesicht mit beiden Händen verdeckende Polizist, die alte und zierliche Dame, die gegen die Notstandsgesetze in Bonn demonstriert und Joseph Beuys als Boxer, der mit freiem Oberkörper und ohne den obligatorischen Hut auf der documenta V gegen Abraham David Christian kämpft: Michael Ruetzs Bilder aus der Zeit, die man die 68er bezeichnet, sind zu Ikonen, zum festen Bestandteil des visuellen Gedächtnisses geworden. Sie geben die Stimmung, die damals herrschte, wieder, als sich aus Protest gegen die Spießigkeit und Verlogenheit der Erwachsenen, gegen die Willkür der Politiker und konservativer Medien, gegen verkrustete Strukturen des öffentlichen Leben eine Bewegung formierte, die allmählich alle Gesellschaftsschichten erfasste und eine bürgerliche Gesellschaft in eine Bürgergesellschaft verwandelte. Diese Bilder brachten Michael Ruetz Ruhm, Ansehen, Anerkennung und auch ein gutes Auskommen, denn von 1969 – 1973 war er Mitglied der Stern-Redaktion. Zugleich verstellten und verstellen sie bis heute den Blick darauf, dass ihr Autor nicht nur bloß d e r Chronist der Studentenrevolte, der APO-Fotograf schlechthin war. Mit seinem einzigartigen Gespür für Orte, an denen etwas Außerordentliches und Einmaliges geschah, konnte er sich nicht auf seine Geburtsstadt Berlin und Deutschland beschränken. Er dokumentierte vielmehr eine Welt, die Ende der 1960er Jahre für ein Jahrzehnt in Bewegung geraten war, die sich an der Freiheit und dem Wunsch nach Emanzipation berauschte. In Deutschland, Griechenland, Angola, Portugal, Guinea-Bissau oder Chile strömten die Menschen auf die Strassen und es galt, ihren Willen nach Veränderungen, nach einem für alle gerechten Leben mit der Kamera einzufangen und auf Papier zu bannen. Auch davon, dass nicht überall das Fest der Freiheit lange währen wird, geben diese Bilder Auskunft und ahnen die nahende Katastrophe voraus. Das beste Beispiel ist Die Parade mit Hund, eine von oben aufgenommene Szene auf dem Plaza de la Moneda in Santiago de Chile im März 1973. Auf dem in der Mitte leeren, von der auf Salvador Allende wartenden Ehrengarde gesäumten Paradeplatz der chilenischen Hauptstadt, läuft ein Hund an den stramm stehenden Soldaten, die lange Schatten werfen, vorbei. So werfen die künftigen Ereignisse metaphorisch und wahrhaft prophetisch ihre Schatten voraus: ein halbes Jahr, nachdem der deutsche Fotograf dieses Bild aufgenommen hatte, putschte das chilenische Militär und der Präsident nahm sich das Leben.
Stille
nach dem Schuss Die Ausstellung 1968. Die unbequeme Zeit. Fotografien von Michael Ruetz steht im Mittelpunkt der Veranstaltungsreihe Kunst & Revolte, mit der die Akademie der Künste in Berlin einen Beitrag zum vierzigsten Jahrestag der Ereignisse leistet, die die Gesellschaft nicht nur in Deutschland dauerhaft veränderten. Die 130 meist Schwarz-Weiß-Arbeiten sind, wie ihr Autor sagt, Momentaufnahmen des Augenblicks, der ein Jahrzehnt lang dauerte. Er hat sich entschieden, sie nach der Zeit ihres Entstehens zu ordnen und zu hängen, denn Zeit ist der mächtigste Ordnungsfaktor. Es gibt viel Bekanntes zu sehen, aber auch Unbekanntes zu entdecken, wie etwa die Bilder, die während seiner Reisen nach Polen 1968 und 1970 entstanden. Doch es waren nicht die Studentenproteste, die sich im Frühjahr 1968 vor allem in Warschau und Krakau bemerkbar machten und denen die Volksmacht mit aller Härte begegnete, die die Aufmerksamkeit des jungen deutschen Fotografen weckten. Das Ergebnis seiner Reise nach Oświęcim und Rogoźnica sind die Bilder: Oktober 1968, Auschwitz. Blick auf die Schornsteine der Baracken und den Wachturm des Lagers 1 mit den über den Ruinen des ehemaligen Konzentrationslagers kreisenden Krähen; Oktober 1968, Auschwitz. Überlebender im Lager 1 mit einem Mann, der zwischen dem Stacheldraht stehend, hilflos in die Kamera blickt und Oktober 1968. Ehemaliger Häftling in der KZ-Gedenkstätte Groß Rosen mit einem von seinen Erlebnissen im KZ gezeichneten Mann in Häftlingskleidung, dessen Augen hinter dicken Brillengläsern stummes Entsetzen ausdrücken. Diese leisen Bilder bewegen auch heute zutiefst, denn sie zeigen das individuelle Gesicht der Opfer einer menschenverachtenden Ideologie, die von fehlgeleiteten Massen verwirklicht wurde. Man merkt, dass Michael Ruetz den Massen, die er fotografiert, misstraut. Was ihn nach dem gewaltsamen Tod von Benno Ohnesorg bewegte, war nicht mehr das bloße Aufzeichnen der Ereignisse sondern die Ratlosigkeit nach einer heftigen Aktion, die Stille nach dem Schuss. Die Nähe zu dem Geschehen, das die Fotoarbeiten der Unbequemen Zeit auszeichnet, hinderte den Fotografen nicht daran, kritische Distanz zu bewahren und stellenweise auch seinen Sinn für Humor erkennen zu lassen. Wie etwa auf dem Bild mit Joseph Beuys, der zusammen mit seiner Familie vor dem Fernseher sitzt und Raumschiff Enterprise guckt. Man sieht und staunt: Auch die revolutionärsten Künstler haben offensichtlich eine bürgerliche Seite. Text © Urszula Usakowska-Wolff 1968.
Die unbequeme Zeit
Dokumente zur Zeii
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