Zwischen Wortbild und Bildwort:

Ed Ruscha

und seine bildwörtlichen Wortbilder

Ed Ruscha ist einer der Pioniere der konzeptuellen Kunst, der bereits in den 1960er Jahren Sprache und Bild in seinen Arbeiten kombinierte. Am Anfang seiner künstlerischen Laufbahn widmete er sich der Malerei und Zeichnung, die zum Medium seiner Ideen wurden, woraus er Parameter entwickelte, die zur Grundlage der späteren Konzeptausstellungen wurden. Mehr noch als für Andy Warhol, der ein Chronist des Lebensgefühls der New Yorker Bohème der 1960er und 1970er Jahre zwischen Konsum und Provokation war und sie in der Pop-Art verarbeitete und verbreitete, bildet  für Ed Ruscha das visuelle Reichtum seines Landes die motivische Inspiration. Seine Bilder folgen den Mythen der Route 66 und dem Glamour Hollywoods. Mit seinen panoramaartigen Gemälden entführt er das Publikum in ein wide open, wie es nur vor dem Hintergrund der optimistischen Denkweise und der atemberaubender Weite der Vereinigten Staaten möglich ist.
Ed Ruscha, 1937 in Omaha, Nebraska geboren, wuchs in Oklahoma City auf. Obwohl er sich schon als Kind künstlerisch betätigte, kannte er nur wenige originale Skulpturen und Gemälde. Seit den jüngsten Jahren hatte er zwar großes Interesse am Malunterricht und den Schwarzweißreproduktionen, doch er bevorzugte die viel vitalere und dynamischere Sprache der Werbung und die Typografie, die er in Comics, Filmen, Magazinen und auf Briefmarken vorfand.

Urszula Usakowska-Wolff: Gebührenfreie Information, 2004. © Urszula Usakowska-Wolff

Der Blick aus dem Auto führt zur Kunst

Im Sommer 1956, unmittelbar nach Beendigung der Highschool, ging Ruscha nach Los Angeles, um dort eine Ausbildung zum Grafiker zu beginnen. Der Weg von Omaha nach Los Angeles mit dem Auto sollte von paradigmatischer Bedeutung für sein Erleben der amerikanischen Landschaft werden. Die Art Center School, die er sich für sein Studium ausgesucht hatte, war von Studenten überlaufen, weshalb er sich am Chouinard Art Institute einschrieb, das er die nächsten vier Jahre besuchte. Diese eher erzwungene Entscheidung brachte ihn mit bildenden Künstlern zusammen, weil dort angewandte und freie Kunst gleichermaßen unterrichtet wurde. In dieser Zeit entstanden Gemälde im Stile des abstrakten Expressionismus, beeinflusst von Franz Kline und Willem de Koonig. Um sein Studium zu finanzieren, arbeitete Ed Ruscha freiberuflich als Grafiker, Schildermaler und Schriftsetzer. Die selbstbewusste Freiheit der expressiven Malerei, wie sie an der Akademie unterrichtet wurde, stand in krassem Gegensatz zur Disziplin und Kontrolle, die bei seinen kommerziellen Aufträgen unentbehrlich waren. So begann sich Ruscha bald von der Malerei abzuwenden, zum Teil auch deshalb, weil er mit bereits existierenden Bildern arbeiten wollte. Allmählich wandte er sich von der kommerziellen Kunst ab, fasste den Abstrakten Expressionismus jedoch als künstlerisches Diktat auf, welches er in Frage stellte. Robert Rauschenberg und Jasper Johns waren die Künstler, die Ruscha in dieser Zeit am stärksten beeinflussten. 1960, nach Abschluss seiner Kunstausbildung, arbeitete Ruscha zunächst in einer Werbeagentur, bevor er 1961 zu einer mehrmonatigen Reise nach Europa aufbrach. Im Gegensatz zu Los Angeles hatte er in Europa, vor allem in Paris, Gelegenheit, die Kunst von Jasper Johns und Robert Rauschenberg ausführlich durch Ausstellungen kennen zu lernen. Nach seiner Rückkehr in die USA arbeitete er zunächst wieder für eine Werbeagentur, um der kommerziellen Kunst dann gänzlich abzuschwören und fortan ausschließlich als Künstler zu arbeiten, wodurch eine Reihe seiner wichtigsten Gemälde entstand. Den vorläufigen Höhepunkt  bildete Standard Station, Amarillo, Texas aus dem Jahr 1963. In dieser großformatigen Arbeit kamen Ruschas Hauptthemen der 1960er Jahre zum Ausdruck: Amerika als das Land der Mobilität, der Weite und der monumentalisierten Popkultur sowie sein Interesse an Schrift. Weitere Bilder aus dieser Zeit machen deutlich, warum Ruscha zunächst aufgrund seiner Bildsprache mit den Künstlern der Pop-Art in Verbindung gebracht wurde, eine Kategorisierung, die er selbst jedoch ablehnte. Die Fotografien der Serien Twentysix Gasoline Stations (1963) und Every Building on The Sunset Strip (1966) machen jedoch sein konzeptionelles Interesse und seine Auseinandersetzung mit Fragen der Urbanität deutlich.

Wortspinat und Blaubeermoiré in Cinemascope

1969 gab Ruscha die Malerei auf, was er zwei Jahre später in einem Interview so erklärte:
 I can´t bring myself to put paint on canvas. In find no message there anymore.1973 begann er mit den sogenannten Stain-Paintings, in welchen die titelgebenden Wörter der Bilder mit ungewöhnlichen Substanzen wie Kirsch- oder Blaubeersaft, Eigelb oder Spinat auf Bildträger wie Moiré, Leinwand oder Satin aufgetragen wurden. Dazu erklärte er später: I had to paint with unorthodox materials, so I used fruit and vegetable dyes instead of paint to stain the canvases rather than to put a skin on it.
In den 1970er und 1980er Jahren änderten sich die Bildthemen des Künstlers und nahmen mitunter cinemascopeartige Proportionen an. Sein Gebrauch der vornehmlich grellen Farben und großer typografischer Anteile in den Bildern ging immer mehr zurück. Ab der Mitte der 1980er Jahre entstanden die Shadow-Paintings in dunklen Grau- und Schwarztönen. Sie zeigen die Silhouetten von Häusern, Schiffen, Autos und Tieren, manchmal in Verbindung mit weißen Balken, die im Bildraum die Abwesenheit von Wörtern markieren. Ab Mitte der 1990er Jahre werden Ruschas Bilder immer geometrischer und abstrakter. Horizontale Bänder in den Gemälden verweisen auf die Auslöschung von Sprache und erinnern an Markierungen durch Zensurbehörden. Die Sprache kommt in diesen Bildern nur noch im Titel vor, der in Anzahl und Länge der Worte dem im Bild ausgeblendeten Text entspricht.

Das Wort versetzt die Berge

In zwei der jüngsten Bildserien spielen Sprache und Schrift wieder eine beachtliche Rolle. In der Serie der Mountain-Pictures hat Ruscha die Titel in monumentalen Buchstaben über die schneebedeckten Gipfel von Bildern majestätischer Berge eingeblendet. Die amerikanische Natur als paradigmatischer Ort des Begehrens und des Eroberns reflektiert ein geradezu klassisches Thema der amerikanischen Malerei. In den Metro-Plots hat Ruscha eine Reihe von Straßenkreuzungen in Los Angeles abgebildet, die er auf beschriftete Linien reduziert hat, wodurch sie an Stadtpläne erinnern. Damit widmet sich Ruscha wieder der Beziehung zwischen Wort und Bild sowie der Topografie und der Urbanität von Los Angeles.
Nachdem Ed Ruscha bereits in der Gruppenausstellung Sunshine & Noir: Kunst in Los Angeles 1960-1997 vor fünf Jahren im Kunstmuseum Wolfsburg vertreten war, widmet sich dieses Museum nun in einer retrospektiven Einzelausstellung erneut einem Protagonisten der amerikanischen Gegenwartskunst. Obwohl der Künstler in Gruppenausstellungen immer wieder in Deutschland zu sehen war und mit dem Plakat für die documenta 5 im Jahr 1972 gewisse Bekanntheit erlangte, stand eine Überblicksausstellung im deutschsprachigen Raum noch aus.

Landschaft mit Tankstelle im Kunstmuseum Wolfsburg

Die cirka 80 Werke umfassende Ausstellung in Wolfsburg zeigt - neben seinen Buchpublikationen und Fotoarbeiten - auch 39 seiner zum Teil großformatigen Gemälde. 
Mit dem Gemälde The Los Angeles County Museum On Fire aus dem Jahr 1965 verweist der Künstler einerseits auf die aus den Medien gewohnt sensationslüsterne Berichterstattung und artikuliert gleichzeitig eine Kritik an der Institution Museum, jenem Ort, an welchem Kunst klassifiziert und mit Anspruch auf Allgemeingültigkeit verwahrt wird.
Zeichnungen und Fotos ergänzen Ruschas ästhetische Praktiken und führen den Betrachter schließlich zu den Liquid Paintings (1966 - 1969), die ähnlich wie Roy Lichtensteins Brushstrokes als Kritik am Abstrakten Expressionismus gelten können.
Die Fotos sind eine Auswahl aus Fotobüchern, die Ruscha seit Beginn der 60er Jahre veröffentlichte. Seine Bücher von den Twentysix Gasoline Stations (1963) bis hin zu Hard Light (1978) haben dem Begriff des livre d’artiste, des künstlerisch gestalteten Buchobjektes, eine gänzlich neue Komponente gegeben. Das Medium des Buches hat insofern bei Ruscha einen besonderen Stellenwert, da es das Taschenbuchformat zunächst als Massenartikel ausweist. Was mich inspiriert, sind die Massenmedien, erklärte Ruscha im Jahre 1989.
Die Ausstellung setzt sich fort mit typografisch orientierten Arbeiten aus den achtziger Jahren: Sea of Desire (1983) und A Certain Form of Hell (1983), die durch ihren abstrakten Hintergrund das grandiose Farbspektakel eines Sonnenuntergangs oder eines blauen, diesigen Himmels evozieren.

Stadt, Land, Schrift

Die Ausstellung zeigt ferner die sogenannten Shadow oder Silhouette Paintings, die in ihrem leicht verschwommenen Schwarzweiß nicht nur den Smog und Nebel von LA, sondern auch die Grobkörnigkeit der frühen Schwarzweiß-Filme Hollywoods aufgreifen.
Die Ausstellung schließt mit Beispielen für Ruschas jüngste Bilderserien, die Metro Plots und die Mountain Paintings. Bei den Metro Plots verwischt sich die Unterscheidung zwischen Landschaft und Landkarte und historische Bezüge zu Landschaftsdarstellungen aus der Vogelperspektive scheinen evident. Los Angeles als endlose Agglomeration, aufgeteilt in Quadranten wird nach Arbeiten wie Twentysix Gasoline Stations und Every Building On The Sunset Strip abermals zum Thema. Die Mountains wiederum sind Zeichen für eine in Amerika heroisierte Landschaft im Cinemascope-Format, bedrohlich und majestätisch zugleich. Ruscha bezieht sich auch hier direkt auf die amerikanische Landschaftsmalerei des 19. Jahrhunderts und eine mit dem Nationenbegriff verbundene Landschaftsauffassung.

Ruschas Werk setzt sich also nicht nur kontinuierlich mit dem Medium Malerei auseinander, sondern befasst sich gleichermaßen mit den Bildwelten der Popkultur, mit Fragen nach der Rolle von Sprache und Schrift sowie der Idee von Landschaft und Stadt. Sein Einfluss auf die jüngste Künstlergeneration ist daher ungebrochen. Die Ausstellung im Kunstmuseum Wolfsburg ist die erste umfassende Darstellung dieses Künstlers in Deutschland und die einzige kontinental-europäische Station.

Gijs van Tuyl, der Direktor des Kunstmuseum Wolfsburg, sagt zur Schaffensweise und zur Aktualität Ruschas: Die jetzige Ausstellung zeigt seine ganze Komplexität, die sich eher jeder kunsthistorischen Klassifizierung zu entziehen scheint. Aufgrund seiner starken Individualität ist Ruscha zum Vorbildfigur der sich seit Anfang der Neunziger kräftig herausbildenden offenen Kunstszene von Los Angeles geworden, eine Szene, die sich von der Strenge und dem Puritanismus der rigorosen New York School vital unterscheidet und sich atmosphärisch eher mit London messen lässt.

Die Ausstellung „Ed Ruscha“ im Kunstmuseum Wolfsburg ( (2. Februar- 28. April 2002) wurde vom Hirshhorn Museum und Sculpture Garden, Smithsonian Institution, in Washington D.C. und dem Museum of Modern Art in Oxford, England, organisiert. Hauptförderer dieser Ausstellung ist The Henry Luce Foundation, die zusätzlich von Melva Bucksbaum, J. Tomilson und Janine Hill sowie von The Broad Art Foundation unterstützt wurde. Weitere finanzielle Unterstützung wurde von The Ansley I. Graham Trust und von Emily Fisher Landau gewährt.

Zur Ausstellung erscheint ein reich bebildeter Katalog im SCALO Verlag, Zürich, mit einem Vorwort von Gijs van Tuyl und Essays von Neal Benezra, Kerry Brougher und Phyllis Rosenzweig zum Preis von Euro 29,-.

 

zum Interview mit Dr. Jan Hoet, Direktor des MARTa Herford, 2001