Zwischen Wortbild und Bildwort:Ed Ruschaund seine bildwörtlichen Wortbilder Ed
Ruscha ist einer der Pioniere der konzeptuellen Kunst, der bereits in
den 1960er Jahren Sprache und Bild in seinen Arbeiten kombinierte. Am
Anfang seiner künstlerischen Laufbahn widmete er sich der Malerei und
Zeichnung, die zum Medium seiner Ideen wurden, woraus er Parameter
entwickelte, die zur Grundlage der späteren Konzeptausstellungen
wurden. Mehr noch als für Andy Warhol, der ein Chronist des Lebensgefühls
der New Yorker Bohème der 1960er und 1970er Jahre zwischen Konsum und
Provokation war und sie in der Pop-Art verarbeitete und verbreitete,
bildet für Ed Ruscha das visuelle Reichtum seines Landes die
motivische Inspiration. Seine Bilder folgen den Mythen der Route 66 und
dem Glamour Hollywoods. Mit seinen panoramaartigen Gemälden entführt
er das Publikum in ein wide open, wie es nur vor dem Hintergrund
der optimistischen Denkweise und der atemberaubender Weite der
Vereinigten Staaten möglich ist.
Der Blick aus dem Auto führt zur Kunst Im Sommer 1956, unmittelbar nach Beendigung der Highschool, ging Ruscha nach Los Angeles, um dort eine Ausbildung zum Grafiker zu beginnen. Der Weg von Omaha nach Los Angeles mit dem Auto sollte von paradigmatischer Bedeutung für sein Erleben der amerikanischen Landschaft werden. Die Art Center School, die er sich für sein Studium ausgesucht hatte, war von Studenten überlaufen, weshalb er sich am Chouinard Art Institute einschrieb, das er die nächsten vier Jahre besuchte. Diese eher erzwungene Entscheidung brachte ihn mit bildenden Künstlern zusammen, weil dort angewandte und freie Kunst gleichermaßen unterrichtet wurde. In dieser Zeit entstanden Gemälde im Stile des abstrakten Expressionismus, beeinflusst von Franz Kline und Willem de Koonig. Um sein Studium zu finanzieren, arbeitete Ed Ruscha freiberuflich als Grafiker, Schildermaler und Schriftsetzer. Die selbstbewusste Freiheit der expressiven Malerei, wie sie an der Akademie unterrichtet wurde, stand in krassem Gegensatz zur Disziplin und Kontrolle, die bei seinen kommerziellen Aufträgen unentbehrlich waren. So begann sich Ruscha bald von der Malerei abzuwenden, zum Teil auch deshalb, weil er mit bereits existierenden Bildern arbeiten wollte. Allmählich wandte er sich von der kommerziellen Kunst ab, fasste den Abstrakten Expressionismus jedoch als künstlerisches Diktat auf, welches er in Frage stellte. Robert Rauschenberg und Jasper Johns waren die Künstler, die Ruscha in dieser Zeit am stärksten beeinflussten. 1960, nach Abschluss seiner Kunstausbildung, arbeitete Ruscha zunächst in einer Werbeagentur, bevor er 1961 zu einer mehrmonatigen Reise nach Europa aufbrach. Im Gegensatz zu Los Angeles hatte er in Europa, vor allem in Paris, Gelegenheit, die Kunst von Jasper Johns und Robert Rauschenberg ausführlich durch Ausstellungen kennen zu lernen. Nach seiner Rückkehr in die USA arbeitete er zunächst wieder für eine Werbeagentur, um der kommerziellen Kunst dann gänzlich abzuschwören und fortan ausschließlich als Künstler zu arbeiten, wodurch eine Reihe seiner wichtigsten Gemälde entstand. Den vorläufigen Höhepunkt bildete Standard Station, Amarillo, Texas aus dem Jahr 1963. In dieser großformatigen Arbeit kamen Ruschas Hauptthemen der 1960er Jahre zum Ausdruck: Amerika als das Land der Mobilität, der Weite und der monumentalisierten Popkultur sowie sein Interesse an Schrift. Weitere Bilder aus dieser Zeit machen deutlich, warum Ruscha zunächst aufgrund seiner Bildsprache mit den Künstlern der Pop-Art in Verbindung gebracht wurde, eine Kategorisierung, die er selbst jedoch ablehnte. Die Fotografien der Serien Twentysix Gasoline Stations (1963) und Every Building on The Sunset Strip (1966) machen jedoch sein konzeptionelles Interesse und seine Auseinandersetzung mit Fragen der Urbanität deutlich. Wortspinat und Blaubeermoiré in Cinemascope 1969
gab Ruscha die Malerei auf, was er zwei Jahre später in einem Interview
so erklärte: Das Wort versetzt die Berge In
zwei der jüngsten Bildserien spielen Sprache und Schrift wieder eine
beachtliche Rolle. In der Serie der Mountain-Pictures hat Ruscha
die Titel in monumentalen Buchstaben über die schneebedeckten Gipfel
von Bildern majestätischer Berge eingeblendet. Die amerikanische Natur
als paradigmatischer Ort des Begehrens und des Eroberns reflektiert ein
geradezu klassisches Thema der amerikanischen Malerei. In den Metro-Plots
hat Ruscha eine Reihe von Straßenkreuzungen in Los Angeles abgebildet,
die er auf beschriftete Linien reduziert hat, wodurch sie an Stadtpläne
erinnern. Damit widmet sich Ruscha wieder der Beziehung zwischen Wort
und Bild sowie der Topografie und der Urbanität von Los Angeles. Landschaft mit Tankstelle im Kunstmuseum Wolfsburg Die
cirka 80 Werke umfassende Ausstellung in Wolfsburg zeigt - neben seinen
Buchpublikationen und
Fotoarbeiten - auch 39 seiner zum Teil großformatigen Gemälde. Stadt, Land, Schrift Die
Ausstellung zeigt ferner die sogenannten Shadow oder Silhouette
Paintings, die in ihrem leicht verschwommenen Schwarzweiß nicht nur
den Smog und Nebel von LA, sondern auch die Grobkörnigkeit der frühen
Schwarzweiß-Filme Hollywoods aufgreifen. Ruschas Werk setzt sich also nicht nur kontinuierlich mit dem Medium Malerei auseinander, sondern befasst sich gleichermaßen mit den Bildwelten der Popkultur, mit Fragen nach der Rolle von Sprache und Schrift sowie der Idee von Landschaft und Stadt. Sein Einfluss auf die jüngste Künstlergeneration ist daher ungebrochen. Die Ausstellung im Kunstmuseum Wolfsburg ist die erste umfassende Darstellung dieses Künstlers in Deutschland und die einzige kontinental-europäische Station. Gijs van Tuyl, der Direktor des Kunstmuseum Wolfsburg, sagt zur Schaffensweise und zur Aktualität Ruschas: Die jetzige Ausstellung zeigt seine ganze Komplexität, die sich eher jeder kunsthistorischen Klassifizierung zu entziehen scheint. Aufgrund seiner starken Individualität ist Ruscha zum Vorbildfigur der sich seit Anfang der Neunziger kräftig herausbildenden offenen Kunstszene von Los Angeles geworden, eine Szene, die sich von der Strenge und dem Puritanismus der rigorosen New York School vital unterscheidet und sich atmosphärisch eher mit London messen lässt. Die Ausstellung „Ed Ruscha“ im Kunstmuseum Wolfsburg ( (2. Februar- 28. April 2002) wurde vom Hirshhorn Museum und Sculpture Garden, Smithsonian Institution, in Washington D.C. und dem Museum of Modern Art in Oxford, England, organisiert. Hauptförderer dieser Ausstellung ist The Henry Luce Foundation, die zusätzlich von Melva Bucksbaum, J. Tomilson und Janine Hill sowie von The Broad Art Foundation unterstützt wurde. Weitere finanzielle Unterstützung wurde von The Ansley I. Graham Trust und von Emily Fisher Landau gewährt. Zur Ausstellung erscheint ein reich bebildeter Katalog im SCALO Verlag, Zürich, mit einem Vorwort von Gijs van Tuyl und Essays von Neal Benezra, Kerry Brougher und Phyllis Rosenzweig zum Preis von Euro 29,-.
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