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Kuschelige Anarchie im Kurort Fjodor Dostojewski, der in Baden-Badens Casinos vergeblich auf den großen Gewinn hoffte, verewigte die "Roulettenburg" im tragikomischen Roman "Der Spieler". Nun ist der namhafte russische Romancier wiederauferstanden und in seinem künstlerischen Wiedergänger Wladislaw Mamyschew-Monroe leibhaftig in den mondänen Kurort zurückgekehrt. Denn Baden-Baden und Russland: das ist eine lange Geschichte. So wie es in der Vergangenheit die Wohlgeborenen, Reichen, Intellektuellen und Glückssucher des Zarenreiches in die Badestadt an der Oos zog, scheint sie auch heute ein beliebter Kurort und gar Domizil der "Neuen Russen“ zu sein.
Kurort
heißt KYPOPT Das Wort Kurort heißt im Russischen genauso wie im Deutschen: das und die ungebrochene Popularität Baden-Badens bei den alten und neuen Bebsucherinnen und Besuchern aus dem fernen Russland bewog die Staatliche Kunsthalle zur Ausstellung "HA KYPOPT!" (Auf zum Kurort!), die noch bis zum 27. Juni in Baden-Baden gezeigt wird und aus Installationen, Fotografien, Videos und Performances von mehr als 35 jungen und junggebliebenen Künstlerinnen und Künstlern besteht, die Aspekte der russischen Kunstszene in Moskau und Berlin aus den letzten zehn Jahren widerspiegeln. Soziale
Härten im Alltag Performance und Gesellschaftskritik, Ironie, Clownerie und Aggressivität, Poesie und der Hang zur Anarchie sind die Hauptmerkmale der russischen Kunst nach Gorbatschow und Kabakov. Im Gegensatz zum intellektuellen Moskauer Konzeptualismus der 1980er Jahre sucht die nachfolgende Generation den direkten Dialog mit dem Sozialen und dem Alltäglichen. Künstler wie Boris Mikhailov und Georgij Perwow zeigen in ihren Fotoarbeiten die Umbrüche und sozialen Härten des gesellschaftlichen Wandels in Russland oder greifen als soziale Plastiker direkt in gesellschaftliche Strukturen ein. Sie setzten sich mit der gesellschaftlichen Realität unmittelbar auseinander und verkünden eine unbedingte Freiheit der Kunst. Selbstgebastelte
Kreativität und Sozaktivismus So initiiert der Künstler Nikolaj Polisski in dem russischen Dorf Nikola-Leniwez kollektive Aktionen, an denen die ganze Gemeinde beteiligt ist. Auch Wladimir Archipow sucht den Dialog mit der Nicht-Kunst des Alltags. In seinem in Baden-Baden durchgeführten Projekt "Funktionierende Bildhauerei aus Baden" hat er Alltagserfindungen und Selbstgebasteltes aus Baden-Baden und Umgebung aufgespürt, um die Gebrauchsgegenstände als Dokumente alltäglich angewandter Kreativität in der Ausstellung zu präsentieren. Als Vertreter eines linken sozialen Aktivismus versteht sich auch die Moskauer Künstlergruppe "Radek". In Gemeinschaftsprojekten und politischen Demonstrationen versuchen die Mitglieder, den Wert kollektiver schöpferischer Prozesse in einer sich zunehmend individualisierenden und konsumorientierten Gesellschaft zu retten. Body
Art zwischen zart und hart Der Ort unmittelbarer Auseinandersetzung mit der physischen Realität ist der Leib - eine häufig wiederkehrende Metapher in der zeitgenössischen russischen Kunst. Künstler wie Irina Korina oder "Die Blauen Nasen" hinterfragen den gesellschaftlich geformten Körper. Auch für den international gefeierten Künstler Oleg Kulik ist der menschliche Körper ein wichtiger - wenn nicht der einzige übrig gebliebene - Anhaltspunkt individueller Selbstvergewisserung. In der Ausstellung ist er mit seinen erotisch aufgeladenen "Lolita"-Darstellungen vertreten. Symbolisch stehen sie für den Versuch, den Leib als Individualität zurückzugewinnen, den Leib, der im Kommunismus als sozialisierter Körper tendenziell enteignet war. Ein wichtiges Ausdrucksmittel ist der menschliche Körper auch im Bereich der Performance-Kunst, die zu Beginn der Ausstellung großen Raum einnimmt (La Rose Sauvage, Natalia Mali / Andrei Prigov, Marina G. M. Ljubaskina-S., Wladislaw Mamyschew-Monroe, Nina und Torsten Römer, Leonid Sochranski). Monroe
als Bin Laden und andere Spieler Elena Kovylina, eine Vertreterin der bis zur Autoaggression radikalen Performance, wird im Rahmen der Ausstellung eine Teezeremonie ausrichten, die vor ihr und um sie herum in Flammen aufgeht. Der Performance-Künstler Wladislaw Mamyschew-Monroe dagegen nutzt seinen Körper als historische Projektionsfläche. Regelmäßig versetzt er sich performativ in zeitgenössische und historische Persönlichkeiten wie Hitler, Bin Laden oder auch Lenin. In Baden-Baden nimmt er auf die deutsch-russische Vergangenheit der Stadt Bezug und verkörpert die Figur Fjodor Dostojewski. Die Rückkehr Dostojewskis als "Der Spieler" wird über die Eröffnung hinaus in der Ausstellung anhand von Fotografien dokumentiert. Gegenkraft
zum Neoliberalismus Wie Wladislaw Mamyschew-Monroe nutzen viele zeitgenössische Künstler in Russland die Kunst zur Selbstbestimmung in dem vom Umbruch geprägten postsowjetischen Land. Nach der ersten Perestroika-Begeisterung ist man heute ernüchtert. Da sich manche künstlerische Hoffnungen auf einen Dialog zwischen dem Sozialen, Politischen und den Medien bis heute nicht erfüllt haben und sich manche Künstler (in Moskau spöttisch die "Neoliberalen" genannt) zunehmend nach dem Kunstmarkt ausrichten, fordern Künstlerpersönlichkeiten wie Oleg Kulik bereits eine Rückbesinnung auf das Atelier (was in seinem Video "Das Koordinatensystem" zum Ausdruck kommt ). Damit ist kein Rückzug verbunden, vielmehr soll aus der Konzentration des Ateliers Kunst als kritisches Korrektiv und als kulturelle Gegenkraft umso klarer hervorgehen. Die
Ausstellung "Auf zum Kurort!“ zeigt auch eine deutsch-russische
Kuschelperformance auf einer Grabplatte vor dem Ehrendenkmal der ehemals
siegreichen Roten Armee in Berlin-Treptow. Kuschelrussen haben Deutsche
halt liebend gern - nicht nur in Baden-Baden. Text
© Urszula Usakowska-Wolff Quelle: Staatliche Kunsthalle Baden-Baden "HA
KYPOPT!" Katalog |