Ein Kreuzzug mit dem Meister großer und kleinerer Geister

"Kunst muss ein Schlag in die Magengrube sein und kein Grundseminar, so wie es im Moment auf den Biennalen zu sehen ist. In der Kunst muss es um Tiefe und Reichtum gehen und nicht darum, irgendwelche abseitigen Themen zu besetzen, und damit den Kern zu vergessen“, sagte Thomas Schütte der Zeitung Welt am Sonntag (24.05.2004) vor der Eröffnung seiner Ausstellung in der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen K21. Der 1954 in Oldenburg geborene und in Düsseldorf lebende Künstler ist ein Meister markanter Sprüche und polarisierender Werke, zu denen überlebensgroße Skulpturen aus der Serie "Große Geister“ und mehr oder weniger verstümmelte "Frauen“ gehören, von denen er bisher fünfzehn Stück in Bronze und Stahl gegossen hat. Beachtliche Dimensionen erreichen auch seine Köpfe, Eier und Urnen aus Keramik sowie seine Architekturmodelle, in denen er die zeitgenössische Bauweise belächelt. Vor kleineren Formaten schreckt er aber auch nicht zurück und beglückt das Publikum und die Kritik mit handlichen Radierungen und Aquarellen, auf denen Blumenmotive, Selbstportraits, keimende Kartoffeln und Wortspiele zu entdecken sind, wie zum Beispiel "Terror - Error“, worin manche seinen hintergründigen Sprachwitz erkennen. Kleinformatig, aber in einen großformatigen Regal abgelegt, sind auch seine Keramikplastiken, die seltsam entstellte Frauenkörper darstellen. Darin bemüht er sich, die zu Unrecht als "Volkshochschulkunst“ verpönte Töpferware als Kunst, da sie seiner Künstlerhand entspringt, zu nobilitieren.

Bare Quengelware

Dass Thomas Schütte ein vielseitiger und mehrdeutiger Künstler ist, dem es im "Kern um Tiefe und Reichtum geht“, deutet der Titel seiner gegenwärtigen Ausstellung in der Düsseldorfer K21 an. "Kreuzzug“ heißt sie, was bedeutet, dass sich in ihr verschiedene künstlerische Ausdrucksformen kreuzen, zu denen er sich als Grafiker, Keramiker, Modellbauer und Bildhauer berufen fühlt."„Kreuzzug“ ist aber auch eine Anspielung an die heutige Zeit, in der verschiedene Heilsbringer ihr Verständnis von Gut und Böse mit brutaler Gewalt in die Welt tragen. Thomas Schütte macht es eher auf sanfte Art. Sein "Kreuzzug“ ist räumlich viel bescheidener, obwohl er sich über Platzmangel nicht beklagen dürfte: Die Ausstellung, in der seine Werke aus den letzten sechs Jahren gezeigt werden, beginnt im Tiefgeschoss und wird im Obergeschoss fortgesetzt. Julian Heynen, künstlerischer Leiter des Museums, nennt  Schüttes Arbeiten "Sinnbilder vom Nichts“, "in feste Form gepackte Nichtigkeiten“, die eine "Mischung aus Zorn und Liebe“ darstellen. Der Künstler nennt seine Radierungen, von denen 104 an den Wänden hängen und als Mappe für knappe 3000 € erstanden werden können, "Quengelware“, was als eine Anspielung an die mit Süßigkeiten gefüllten, kindliches Begehren weckenden Warenständer vor den Supermarktkassen verstanden werden soll. Und so gleicht der "Kreuzzug“ im Tiefgeschoss der Kunstsammlung Nordrhein-Westfallen K21 einem elegantem Kaufhaus mit Nippes für die, die es sich leisten können, schöner zu wohnen und wenn sie dann gestorben sind, schöner verwahrt zu werden: Die Eier, Köpfe, Frauen und Urnen aus Keramik sind in erster Linie so offensichtlich dekorativ, dass sie die Zierde eines entsprechend geräumigen Wohnzimmers sein könnten, genauso wie die Radierungen mit Blumen und dem Konterfei des Künstlers, der sich gern selbst Modell steht. Auch in seinen Modellbauten, die "Ferienhäuser für Terroristen“ oder "Tanke Deutschland“ heißen, sucht man etwas ratlos nach einem tieferen Sinn. Will er dem Publikum schmeicheln, wie das Julian Heyen in Abwesenheit des Künstlers behauptete, oder macht er sich über dessen Geschmack lustig? Vom "Schlag in die Magengrube“ ist im "Kreuzzug“ wenig zu spüren, manchmal dreht sich der Magen um beim Anblick der Masse der "Nichtigkeiten“, perfekt ausgeführt, glasiert, aufgehängt, aufgestellt und ins rechte Licht gerückt. Auf die Verpackung kommt es an, der Inhalt ist unbedeutend. Wenn das das Ansinnen des ersten Abschnitts seines "Kreuzzugs“ war, hat Thomas Schütte sein Ziel erreicht, sagte er doch der Welt am Sonntag: "Ich habe festgestellt, dass sich die Wahrnehmung von Kunstwerken in den letzten Jahren stark verändert hat. Sie nähert sich der Warenwelt an, denn es scheint nur noch darum zu gehen, einen Scannerblick zu bedienen, nur wiederzuerkennen. Das frische Sehen, die Wahrnehmung von Kunst, ist auf Null gestellt.“

Gefragte Frauenakte

Während man also unten eher leichte Kost, eben "Quengelware“ mehr schlecht als recht genießen kann, geht es im Obergeschoss tonnenschwer zu. Dort begegnet man den stehenden und kämpfenden "Großen Geistern“, einem Kraftwerk, das wie ein monumentaler Vogelkäfig anmutet und den vom Schicksal geplagten, auf Tischen liegenden "Frauen“, die Thomas Schütte aus Bronze und Stahl gießt und die zu seinen stärksten Arbeiten gehören. Seine Frauenakte sind mal klassisch und in verlockenden Posen, mal verstümmelt und verzerrt: Meisterstücke in bester Tradition eines Henri Laurens. Denn die Kunst, in der Thomas Schütte Großes leistet, ist und bleibt hoffentlich die Bildhauerei.

Text © Urszula Usakowska-Wolff

12.05.2004

Flyer der Ausstellung "Thomas Schütte - Kreuzzug" in K21 Kunstsammlung NRW in Düsseldorf, 08.05. - 19.09.2004

Thomas Schütte
Kreuzzug
08.05. - 19.09.2004
K12 Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen Düsseldorf

Katalog der Ausstellung "Thomas Schütte - Kreuzzug" in K21 Kunstsammlung NRW in Düsseldorf, 08.05. - 19.09.2004

Katalog der Ausstellung "Thomas Schütte - Kreuzzug" in K21 Kunstsammlung NRW in Düsseldorf, 08.05. - 19.09.2004

Katalog
 mit Texten von
 Jan Thorn-Prikker, Hans Rudolf Reust, Guy Tosatto und Dieter Schwarz.
 95 meist farbige Abbildungen, 116 Seiten, 
ISBN 3 - 906664 - 37 - 6
 21 € Museumsausgabe

   Thomas Schütte: Biografie >>>

Thomas Schütte bei RP-Online >>>

Thomas Schütte: Interview in der Welt am Sonntag >>>

zu den Kunstnews

Weiter zum Text über die  Ausstellung "After Images - Kunst als soziales Gedächtnis" im NMWB