Der Komfort ist schlicht und einfach

"Erst seit kurzem kann ich mir selbst meine eigenen Möbel leisten“, sagte der belgische Designer Maarten van Severen, nachdem Mitte der 1990er Jahre die deutsch-schweizerische Firma Vitra begann, seine Entwürfe, wie etwa den freischwingenden Stuhl 03 oder die Chaise Lounge MVS Chaise in Serie zu produzieren. Heute muss man tief die Tasche greifen, um sich ein von van Severen entworfenes Möbelstück oder eine Lampe zu leisten, die zwischen 200 bis weit über 1000 Euro kosten. Seinen internationalen Durchbruch und seine Anerkennung als einer der innovativsten und eigenwilligsten Designer unserer Zeit erlebte der belgische Designer Ende der 1990er, u.a. durch seine Zusammenarbeit mit dem namhaften Architekten Rem Koolhaas. Er entwarf Möbel, Wohnungseinrichtungen und Besteck, er bestückte öffentliche Räume wie Bibliotheken, Konzertsäle und Museen mit einem Mobiliar, das durch Schlichtheit, Eleganz und Funktionalität kaum zu übertreffen war, stets seiner Devise treu, "ein Möbelstück muss immer so aussehen, als ob es immer dort gewesen sei.“ Marten van Severen war eine Ausnahme in der illustren Riege der Zeitgeistdesigner, der Stararchitekten und Gestalter, die sich in seinen Bauwerken und Objekten vor allem selbst in den Vordergrund stellen und sich selbst Denkmäler bauen. Er verschwand immer programmatisch hinter seinen Werken, nahm sich zurück, war der unsichtbare Schöpfer von zweckmäßigen und ergonomischen Produkten, die vor allem einem Ziel dienen sollten: der Bequemlichkeit, Wohn- und Arbeitsqualität ihrer Benutzer, denn wie er sagte "Ich bin kein Designer, sondern jemand, der Dinge macht, um damit zu leben.“ Seine auf den ersten Blick schlicht und einfach wirkenden, aus Kunststoff und Metal gefertigten Stühle, Sessel und Liegen entfalten ihre komfortablen Eigenschaften erst dann, wenn man sie benutzt: sie passen sich dem Körper an und bilden mit ihm eine Einheit. Es sind Möbel, die gleichermaßen einer bequemen Arbeit und der Entspannung dienen. Auf dem Höhepunkt seines vorläufigen Ruhmes, kurz nachdem ihn das Designmuseum in Gent mit einer ersten großen Retrospektive (18.12.2004 - 27.02.2005) würdigte, starb Maarten van Severen - knapp 49jährig - am 21.Februar 2005 an Krebs.

  Design als Ordnungssystem

Der belgische Designer, dessen Karriere durch den zu frühen Tod unterbrochen wurde, war Sprössling einer Familie mit langen künstlerischen und handwerklichen Traditionen. Er kam am 5. Juni 1956 als Sohn des minimalistisch-konstruktivistischen Malers Dan van Severen (* 1927), Teilnehmer der documenta 4, in Antwerpen zur Welt. In den 1970er Jahren studierte und absolvierte er ein Architekturstudium an der Kunstakademie in Gent, wonach er sich aber für den Beruf eines Designers entschied. Nachdem er als Mitarbeiter verschiedener Designstudios Erfahrungen gesammelt hatte, gründete er 1987 seine eigene Möbelwerkstatt in Gent, in der er mit radikal einfachen, geradezu asketischen Stühlen, Tischen und Regalen experimentierte und sie in kleinen Serien produzierte. Er war Entwerfer und Handwerker in einer Person, ein Praktiker, der mir seinen eigenen Händen die Realisierbarkeit seiner gestalterischen Ideen testete. Da er seine Objekte auf das Wesentlichste: die Funktionalität und den Benutzerkomfort reduzierte und die Spuren des Produktionsprozesses (z.B. Nägel) verbarg, brachte ihm das das Etikett eines "Minimalisten“ ein. In der Tat sind seine Stühle, Sessel, Liegen, Tische, Regale, Lampen und Besteck schnörkellos und mitnichten dekorativ. Sie bestechen durch klare, dezente Formen und eine Einfachheit, die sich in jeden Raum mühelos integrieren lässt, ohne mit den anderen Einrichtungsgegenständen zu konkurrieren oder sie gar zu dominieren. Seine in einem aufwendigen und zeitintensiven Prozess entworfenen und produzierten Objekte sind Ausdruck einer atemberaubenden Schlichtheit, einer kühlen Eleganz, die den Betrachter manchmal frösteln lässt. Doch die aus mattem Aluminium gefertigten Regale sind keine Schau- sondern Gebrauchsobjekte, die ihre Funktionalität und ihren Charme erst dann entfalten, wenn sie mit Büchern gefüllt werden: das matte Metall lässt die Bücherrücken um so bunter erstrahlen. Das Design Maarten van Severens hat eine dienende Funktion. Es ist ein auf den ersten Blick "armes“ Design, das erst im täglichen Gebrauch seinen Reichtum entfaltet. Sein Design ist ein Ordnungssystem, das das Chaos des Alltags - in einem Büro oder einer Bibliothek - bändigt.

Martin van Severen: Stapelstühle "Chair .03",  Vitra. MARTa Herford, 2005. Foto © Manfred Wolff

Martin van Severen: Stapelstühle "Chair .03", Vitra.  MARTa Herford, 2005. Foto © Manfred Wolff

Martin van Severen: Löffel für Alessi, 2003/04, MARTa Herford, 2005. Foto © Manfred Wolff

Martin van Severen: Löffel für Alessi, 2003/04, MARTa Herford, 2005. Foto © Manfred Wolff

  Beglückende Lösungen

Neben Vitra arbeitete Maarten van Severen auch für andere renommierte internationale Designfirmen wie Edra, Kartell, Alessi, Durlet und Bulo. In letzter Zeit widmete er sich zunehmend der Farbe: das beste Beispiel ist das 2000 in Kleinserie produzierte Aluminiumregal "Alu Laqué“ mit unaufdringlich bunten, harmonisch ausgewogenen Schiebetüren. Der belgische Designer machte sich auch als Innenarchitekt einen Namen: er entwarf u.a. den Eingangsbereich, die Garderobe und die Bibliothek im S.M.A.K. Gent (1999), den Buchladen, die Bibliothek, den museumspädagogischen Bereich, den Hörsaal und das Restaurant im niederländischen Van Abbemuseum Eindhoven (2001). Mit dem niederländischen Architekten Rem Koolhaas arbeitete er in den letzten Jahren an zwei Aufsehen erregenden Projekten zusammen: für die 2004 eröffnete Seattle Public Library entwickelte er ein eigenes Regalsystem. Die Casa da Música in Porto stattete er mit 1300 beige-ocker bezogenen Stühlen mit nach vorn ausfahrbaren Sitzflächen aus, die er speziell für das portugiesische Konzerthaus entwarf. Die Zusammenarbeit zwischen dem niederländischen Stararchitekten und dem belgischen Designer fing Mitte der 1990er Jahre an. Ihr Höhepunkt war der Bau des Hauses für einen Rollstuhlfahrer in Floirac bei Bordeaux, der nach zwei Jahren 1999 fertiggestellt wurde. "Hier gelangen van Severen so viele überzeugende - man kann es nicht anders sagen: beglückende - gestalterische Lösungen, dass ihm schon dafür ein Platz in der Designgeschichte gewiss wäre. Erwähnt seien nur die Hebebühne, mit deren Hilfe sich der Hausherr durch das Gebäude bewegt, die spektakuläre, über drei Stockwerke reichende, transluzente Bibliothekswand, das Badezimmer mit seinem aus mattiertem Plexiglas gefertigten Waschtisch und die Küche mit dem in einen Betonwinkel eingelassenen Herd“, schreibt die Zeitschrift Design Report (Nr. 9.05).

Marten van Severen: Ausstellungsfragment, MARTa Herford, 2005. Foto © Manfred Wolff

Marten van Severen: Ausstellungsfragment, MARTa Herford, 2005. Foto © Manfred Wolff

Marten van Severen: Ausstellungsfragment, MARTa Herford, 2005. Foto © Manfred Wolff

Marten van Severen: Ausstellungsfragment, MARTa Herford, 2005. Foto © Manfred Wolff

  Das Eigentliche ist unsichtbar

Weil Maarten van Severen seine als "minimalistisch“ verschrieenen Entwürfe mit maximalem Aufwand realisierte und sie erst dann zur Produktion freigab, wenn sie perfekt durchdacht und praktisch getestet waren, hinterlässt der belgische Designer und Innenarchitekt ein relativ kleines, aber um so feineres Werk. Ein Großteil davon ist gegenwärtig in der ersten Designausstellung des am 7. Mai 2005 eröffneten Museums MARTa in Herford zu sehen, das die van Severen-Retrospektive vom Designmuseum in Gent übernommen hat. Die Ausstellung, in der Entwürfe, Prototypen, die in kleinen und größeren Serien produzierten Stühle, Sessel, Liegen, Regale, Besteck und ein Film über Maarten van Severen gezeigt werden, beweist, dass das Einfache, Bescheidene und Unprätentiöse zeitlos wirken. Sie passen sich jedem Raum an, auch wenn sie in dem ziemlich engen Saal im ersten Stock des MARTa Herford etwas kühl und teilnahmslos anmuten. Denn die Objekte, die van Severen in langwierigen Denk- und Arbeitsprozessen entwarf, sind keine Schauobjekte, auch wenn sie bereits Museumsstatuts erreicht haben: das Eigentliche, in diesem Fall der Komfort, den diese schlichten und unscheinbaren Möbel bieten, ist unsichtbar. Man muss unbedingt Probesitzen! Vom Probeliegen in einem Museum ganz abgesehen...

Text © Urszula Usakowska-Wolff

22.09.2005


Maarten van Severen
Work
9. 09. - 9. 10. 2005
MARTa Herford
Konzeption: Design Museum Gent


Maarten van Severen: Schrank mit bunten Türen, 2001,  MARTa Herford, 2005. Sammlung Design Museum Gent. Foto © Manfred Wolff

Maarten van Severen: Schrank mit bunten Türen, 2001,  MARTa Herford, 2005. Foto © Manfred Wolff


Katalog
Maarten van Severen
Werken/Work
Flämisch/Englisch
273 S., mit zahlreichen bunten und schwarz-weißen Illustrationen
und einem Werkverzeichnis
Stichting Kunstboek bvba, Oostkamp, 2004
ISBN 90-5856-155-0
Preis: 30 Euro (an der Museumskasse), 39 Euro (im Buchhandel)


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