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Die
Macht des Dinglichen "Nach
der Malerei ist vor der Skulptur", stellte die FAZ in ihrem Bericht
über die Kunstmesse Artforum Berlin im September 2006 fest. Und in der
Tat war die Skulptur schon lange nicht mehr so dominierend auf einer
Messe vertreten wie im vergangenen Herbst in Berlin. Fast alle Galerien
hatten die freie Fläche zwischen den Boxenwänden voll gestellt und
dann auch verkauft, was angeboten wurde. Die Sammler haben entdeckt,
dass die Wände voll sind, neben der Sitzgruppe aber durchaus noch Platz
für ein Kunstwerk ist. Nachdem
die Bildhauerei sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts immer
mehr von ihrem klassischen Sujet entfernt hat und mit Land Art,
Sozialskulptur, Installation und Performance neue Räume erobert hatte,
scheint sich die Bildhauerei auf ihr eigentliches Sujet zurückzubesinnen.
Die Skulptur tritt wieder in den Vordergrund. Ob man aber schon von
einer "Renaissance der Skulptur" sprechen kann, wie es der
Kurator der Ausstellung "Die Macht des Dinglichen. Skulptur
heute" Dr. Marc Wellmann anlässlich der Ausstellungseröffnung
tat, bleibt abzuwarten.
Skulptur
als Importware Mit
"Die Macht des Dinglichen" ist die Bernhard-Heiliger Stiftung
zu Gast im Georg-Kolbe-Museum und schlägt somit eine Brücke vom
Klassiker der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts Georg Kolbe über den
Klassiker der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts Bernhard Heiliger zum
zeitgenössischen skulpturalen Schaffen. Kurator Dr. Marc Wellmann fiel
es relativ leicht, diese repräsentative Schau zusammenzustellen, da er
die meisten Autoren in Berlin, sozusagen vor der Haustür fand. Er erklärt
das mit der zentralen Rolle, die Berlin im Kunstleben der Gegenwart
spielt. Wer was kann, kommt nach Berlin. Solche Sicht ehrt die Stadt,
wirft aber auch die Frage auf: Ist denn der Rest der Republik
skulpturale Ödnis? Die jüngste Vergangenheit war in der Tat eine
weitgehend skulpturenfreie Epoche, aber nur in der deutschen Kunstszene.
Vor allem im angelsächsischen Bereich blühte diese Kunstform nach wie
vor. Dort gab es diese Furcht vor dem Raum und der Dauerhaftigkeit
nicht. Namen wie Richard Deacon, Jeff Koons, Anish Kapoor und der in
Wuppertal lebende Tony Cragg, mögen beispielhaft dafür stehen. Die
Skulptur im öffentlichen Raum in Deutschland war in den letzten Jahren
weitgehend Importware. Deren Einflüsse sind auch den Exponaten dieser
Ausstellung anzusehen. Was
dieser neue Aufbruch zur Skulptur wirklich wert ist, wird sich spätestens
im Sommer zeigen, wenn mit der documenta XII in Kassel und Skulptur
Projekte Münster 2007 internationale Maßstäbe zur Verfügung stehen. Und
noch dies: Zur Ausstellungseröffnung waren zwei ehemalige Regierende Bürgermeister
erschienen, aber nicht der amtierende Regierende Bürgermeister, der
zugleich auch noch Kultursenator ist. Und
das ist zu sehen: Axel
Anklam (*1971), lebt und arbeitet in Berlin. Sein Objekt "Muleta"
(2006) ist eine mit rotem Latex überzogene Edelstahlkonstruktion, die
sowohl durch ihre Struktur wie durch ihre transparente Leichtigkeit an
Luftfahrtgeräte denken lässt. Angelika
Arendt (*1975), lebt und arbeitet in Karlsruhe. Sie zeigt zwei
Objekte aus PU-Schaum, die in ihrer intensiven Farbigkeit an Naturformen
wie Korallen oder Pilze erinnern. Wie sie aus dem eingesetzten
Polyurethanschaum nur bedingt durch die Künstlerin kontrolliert
gewachsen sind, scheinen sie auch noch im fertigen Zustand weiter zu
wachsen. Bara
(*1968), lebt und arbeitet in Berlin. Er arbeitet mit Beton, den er in
Gummimasken gießt und mehrfach staucht, so dass verzerrte Fratzen
entstehen, die grotesk erscheinen, teils klagend teils anklagend, schon
weit entfernt vom menschlichen Antlitz. In einem groben Holzregal
aufgestellt, sind sie ein Beinhaus der Zukunft. Florian
Baudrexel (*1968), lebt und arbeitet in Berlin. Sein Wandrelief
"Halt mich fest" (2006) hat er aus "armen"
Materialien - Verpackungsresten - gefügt zu einer dynamischen Masse, in
der die abstrakte Form figurative Assoziationen weckt.
Oliver
van den Berg (*1967), lebt und arbeitet in Berlin. Er greift
technische Objekte auf und baut sie nach und analysiert so ihre
Wesensmerkmale. In Berlin ist sein Nachbau einer Leuchtreklame als
geschlossenes Objekt zu sehen: "Spielhölle" (2003). Stefanie
Bühler (*1976), lebt und arbeitet in Dresden. Ihr
"Urwald" (2006) erinnert an die Dioramen der naturkundlichen
Museen, sind aber eine Bühne, auf der die Illusion inszeniert wird, die
in faszinierendem Naturalismus den Betrachter verblüfft und zu einer
Entdeckungsreise in eine märchenhafte, fremde Welt einlädt. Birgit
Dieker (*1969), lebt und arbeitet in Berlin. Ihre "Olga"
(2006/2007) ist der erste Blickfang der Ausstellung: eine lebensgroße
Figur, die aus unzähligen Stoffschichten aufgebaut ist und durch
Einschnitte ihr Innenleben preisgibt, das keinen festen Kern bildet,
sondern sich aus den gewachsenen Häuten entwickelt.
Berta
Fischer (*1973), lebt und arbeitet in Berlin. Eine Acrylglasplatte
wird mäandrierend aufgeschnitten und thermisch verformt. So entstehen
komplexe und filigrane Gebilde, die teils verspielt, teils aggressiv in
den Raum fassen, mit ihren intensiv leuchtenden Schnittkanten eine
geheimnisvolle Kalligraphie bilden.
Harry
Hauck (*1964), lebt und arbeitet in Berlin. "70 Liter"
(2002) ist das ungefähre Raummaß des menschlichen Körpers. In dieser
Größe schafft Hauck Tonfiguren, auf denen er Gummi gießt, das schließlich
über ein Ventil mit seiner Atemluft "beseelt" wird. Kerben
und Schrammen verweisen auf die Verletzlichkeit der menschlichen Haut. Thomas
Helbig (*1967), lebt und arbeitet in Berlin. Helbigs Skulpturen
bestehen aus Fragmenten und Fundstücken, die mittels verbindender
Kunststoffe und Lacke zu energievollen Figuren gefügt werden. Tony
Matelli (*1971), lebt und arbeitet in New York. Sein
"Wanderer" (2001) eine lebensgroße Mixed-Media-Figur ist eine
absurde und ironische Auseinandersetzung mit dem Figürlichen, die den
Betrachter einbezieht, bis an den Abgrund, und ihn doch verwirrt zurücklässt. Reiner
Maria Matysik (*1967), lebt und arbeitet in Berlin und Braunschweig.
Seine PVC-Plastiken geben Einblick in einen Kosmos aus scheinbar
bekannten biologischen Formen und Hybriden, die er aus einer
postevolutionären Fauna entwickelt. Eine Naturgeschichte der Phantasie. Anna-Kavata
Mbiti (*1976), lebt und arbeitet in Berlin. In ihrer Arbeit dreht
sich alles um die Sumo-Ringer. Aus großen Pappelholzblöcken schlägt
sie grob die Figuren, die ineinander verkeilt sind
- Kraft und Nähe zugleich ausdrückend. Jonathan
Meese (*1970), lebt und arbeitet in Hamburg und Berlin. Mit der
Bronzebüste "Son" (2004) stellt Meese seine bildzerstörerischen
und überbordenden Arbeiten in Frage, lässt aber in der Figur, die
einem Horror-Comic zu entstammen scheint, seine Trash-Kunst auch im
edlen Bronzeguss fortleben.
Anke
Mila Menck (*1973), lebt und arbeitet in Berlin. Mit der Arbeit
"Petite Mère" (2006), einem weiß lackierten Trichter aus
Hartfaserplattenringen, greift sie entschieden in den Raum, zieht sich
aber zugleich auf eine meditative Ebene zurück, die in ihrer
Leichtigkeit mit der Schwere des Materials korrespondiert. Katharina
Moessinger (*1974), lebt und arbeitet in Berlin. Große Haustiere,
die ein natürliches Fell tragen, sind zu einer Kuscheltiergruppe
zusammengebracht und zeigen den Widerspruch von natürlicher Autonomie
und zweckbestimmter Künstlichkeit auf.
Joel
Morrison (*1976), lebt und arbeitet in Berlin und Los Angeles. Er
greift die Philosophie von Jeff Koons auf und verbindet Hoch- und
Popkultur, hier: eine Replik der Venus von Milo, "Venus"
(2006), in poliertem Edelstahl, die mit aufgeblasenen Gummihandschuhen
und einem Korkenzieher im Knie verfremdet wird.
Nadine
Rennert (*1965), lebt und arbeitet in Berlin. Eine
"Einbeinige" (2001) lehnt an der Wand, eine erotische Figur,
die mit dem Weiblichen spielt, sie aber in hermaphroditischen Formen
gleichzeitig auch wieder zurücknimmt. Thomas
Rentmeister (*1964), lebt und arbeitet in Berlin. Mit seiner
polierten Polyesterarbeit ist er der klassischen Bildhauerei am nächsten.
Er schafft in dieser Technik Gebilde, die sich sowohl einer haptischen
Erfahrung erschließen als auch in ihrer formalen Strenge zur
respektvollen Betrachtung anhalten. Anselm
Reyle (*1970), lebt und arbeitet in Berlin. Die nach Henry Moore und
Hans Arp aussehenden verchromten Bronzeplastiken sind Nachschöpfungen
von Specksteinfigurinen aus Afrika, die wiederum an der
Nachkriegsmoderne orientiert sind - ein doppelter Akt der Übersetzung. Iris Schieferstein (*1966), lebt und arbeitet in Berlin. Ihre Chimären aus in Formalin eingelegten Kadavern sollen an wissenschaftliche Allmachtsphantasien gemahnen, weniger anspruchsvoll lassen sie eher an Wolpertinger denken. Damien Hirst lässt grüßen... Hans
Schüle (*1965), lebt und arbeitet in Berlin. Den Metallarbeiten Schüles
sieht man das Ringen mit dem Material an, das er in filigrane leichte
Formen zwingt. Damit überwindet er Schwere und Widerstand in
schwebenden Dimensionen. Matthäus
Thoma (*1961), lebt und arbeitet in Berlin. Aus "armen"
und gefundenen Materialien, vor allem Holz, arbeitet Thoma großformatige
Figuren, voller Kraft und Energie. Statik und Bewegung finden zusammen
zu einer Dynamik, die jeden Moment die Form auflösen kann. Marcus
Wittmers (*1973), lebt und arbeitet in Berlin. Seine Arbeiten
scheinen der klassischen Statue nahe, stellen sie aber hintersinnig in
Frage und entlarven die Banalität jeden Pathos’. Sein Superman
"Auch Helden haben schlechte Tage" (2005) steht dafür
beispielhaft. Text
© Manfred Wolff 18.02.2007 Die
Macht des Dinglichen. Skulptur heute! Website
der Ausstellung "Die Macht des Dinglichen. Skulptur heute!
>>> Katalog
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