Gefundene Poesie

Mit der Präsentation von Jan Smejkal gibt Vonderbank Artgalleries einen wichtigen Einblick in das aktuelle Kunstgeschehen in Berlin, für das die musealen Großveranstalter nur selten Raum und Zeit haben. Jan Smejkal wurde 1948 in Beroun in der Tschechischen Republik geboren und ist in Prag aufgewachsen, wo er ab 1967 an der Hochschule für Gestaltung Kunst studierte. Im tschechischen Schicksalsjahr 1968 wechselte er an die Städelschule in Frankfurt am Main und beendete dort 1973 seine Ausbildung. Seit 2001 lebt und arbeitet Jan Smejkal in Berlin.

Jan Smejkal: Ohne Titel (Oktober 06), Acryl auf Nessel, 18 x 24 xm. Foto © Manfred Wolff

Jan Smejkal: Ohne Titel (Oktober 06), Acryl auf Nessel, 18 x 24 xm

  Texte ohne Reihenfolge

Im Mittelpunkt der Ausstellung stehen die Arbeiten, die Smejkal die "Schriftbilder" nennt. Sowohl großformatige wie kleinformatige Bildtafeln sind auf monochromen Farbflächen mit einer auf den ersten Blick unverständlichen und sinnfreien Schriftzeichenstruktur bedeckt. Die Arbeiten sind ohne Bildtitel und binden so den Betrachter nicht mit Interpretationsvorgaben. So folgt er den Buchstaben in der gewohnten Leserichtung, wird durch vertikale, verspiegelte Richtungsänderungen geführt, und es erschließt sich ihm ein möglicher Sinn der Sprach- und Textkrümel. Da die Texte, die dem "Schriftbild" zugrunde liegen, nicht einer beabsichtigten Reihenfolge unterliegen, entsteht beim Lesen kein narrativer Vorgang. Vielmehr ordnen sich die Textcluster zu einem poetischen Sprachbild, in das der Betrachter seine eigenen Assoziationen und Bedeutungszusammenhänge einbringt.

 

Jan Smejkal: Ohne Titel, 30.09.98, 1998, Acryl und Goldstift auf Leinwand, 215 x 205 cm. Foto © Manfred Wolff

Jan Smejkal: Ohne Titel, 30.09.98, 1998, Acryl und Goldstift auf Leinwand, 215 x 205 cm

  Worte und Buchstaben

Smejkals "Schriftbilder" sind kein Rätsel, in dem der Autor seine geheimen Gedanken verschlüsselt hat. Der Künstler sammelt Worte und Sätze aus seinem Umfeld. Schlagworte und Straßenschilder, Gesprächsfetzen und Werbetexte werden auf Karteikarten festgehalten und mit Datumsangabe gesammelt, einem Tagebuch gleich, ehe sie dann auf die Leinwand gebracht werden. Die Textsammlung ist sein Skizzenbuch. In der Ausstellung werden Teile davon gezeigt. Das Bild präsentiert die Texte nicht kalligraphisch. Gewöhnliche Blockschrift produziert die Wörter und Buchstaben. Der ästhetische Reiz entsteht aus der Textur, die die Schrift - mit Goldstift, Silberstift oder Farbpinsel aufgetragen - dem monochromen Bild gibt. Der Betrachter schafft dann den Kontext, die Geschichte oder die Stimmung, die sich ihm aus den Buchstabenketten erschließen.

Jan Smejkal: Skizzenbücher (Fragment). Foto © Manfred Wolff

Jan Smejkal: Skizzenbücher (Fragment). Foto © Manfred Wolff

  Linien und Zeichen

Die "Linienbilder" und "Sprühbilder" setzen die Erforschung der Fläche fort. Vor einem monochromen Hintergrund durchziehen verschlungene unendliche Linien die Fläche des Bildes, beschreiben einen Bewegungsprozess, der ohne Anfang und Ende rätselhafte Zeichen schafft, die ohne eigentliche Bedeutung bleiben. Der Betrachter vollzieht die Bewegung nach und füllt die Bedeutungsleere mit seiner Deutung. Die Subjektivität des künstlerischen Prozesses findet ihre Fortsetzung in der Subjektivität der Deutung. Die Betrachtung der Bilder Smejkals gleicht einer Entdeckungsreise. Der Künstler gibt mit den bildnerischen Elementen Größe, Farbigkeit, Schrift, Linie, Rhythmus Landmarken für diese Reise, deren Stationen und Ziel immer beim Betrachter liegen. Er lässt sich nicht so sehr auf den Künstler ein, sondern vor allem auf sich selbst. Das macht diese Bilder so interessant: man erfährt etwas Neues von jemandem, den man doch schon zu kennen glaubte.

Text und Fotos © Manfred Wolff

9.02.2007

Jan Smejkal
19. 01 - 10. 03. 2007
Vonderbank Artgalleries Berlin

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