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Conditions of Humanity Wenn man dieser Tage die große Ausstellung des Spätwerks Andy Warhols im Düsseldorfer Kunstpalast besucht, ist das ja mehr eine Begegnung mit einem "alten Bekannten“, und die intensive Bewerbung Warhols setzt auch auf diese Bekanntheit, die den Besuch zu einem Muss macht. Um so erfreulicher ist dann die Überraschung, quasi als Zugabe mit einem Werk konfrontiert zu werden, das mit ähnlichen Elementen arbeitet wie Warhol, seines kontemplativen Charakters wegen aber weit über Warhol hinausweist. Nachdem diese Arbeiten bereits in zahlreichen, auch europäischen Städten zu sehen waren, unter anderem in Wien, Venedig und Warschau, schließt das Museum Kunstpalast nun den blinden Fleck im Blick auf die aktuelle Kunst. Die erste Einzelausstellung "Conditions of Humanity“ der koreanischen Künstlerin Kim Sooja (geboren 1957 in Taegu, Korea, studierte in Seoul und Paris, wohnt jetzt in New York und wurde von der Andy Warhol Foundation for the Visual Arts und vom Institute of Visual Arts gefördert) in Deutschland im museum kunst palast in Düsseldorf stellt ihre Video-Arbeiten in den Vordergrund, aber das Werk Kim Soojas greift weit über das Genre Video hinaus, ist zugleich auch Plastik, Performance und intime persönliche Meditation. Mit
dem Rücken zur Kamera "A Needle Woman“, entstanden 1999 bis 2001, zeigt an zwei gegenüberliegenden Wänden acht Videos, für die Kim in acht Metropolen gereist ist: Tokyo, London, Mexico City, Lagos, Shanghai, New York, Kairo und Delhi. Sie steht bewegungslos mit dem Rücken zur Kamera inmitten frequentierter Straßen. Die starre Kamera richtet sich auf Kim, die in ein einfaches graues Gewand gehüllt ist. Nur der herabhängende Zopf gibt von einem menschlichen Wesen Zeugnis. Die Menschenmassen strömen an ihr vorbei, manchmal scheint sie dem Betrachter bedroht und er fürchtet um ihre Sicherheit. Dann wieder geht von ihr eine rätselhafte Stärke aus, die ihren Platz inmitten der ziellosen Bewegung der anderen hat. Die Videos verweisen auf das zerbrechliche Verhältnis von Individuum und Massengesellschaft, die Verunsicherung im Fremden, die Schwierigkeit, in einer unstabilen Welt sein Gleichgewicht zu wahren. Kim strahlt dabei Ruhe, Kraft und Gelassenheit aus und ist gleichzeitig Katalysator für die Eigenheiten ihrer jeweiligen Umgebung: die geschäftigen New Yorker, die multiethnischen Londoner mit ihren Handys, die verstohlenen Blicke der Einwohner Shanghais - nur in Lagos drängeln sich die Menschen, vor allem Kinder, um sie, versuchen, sie in ihr Leben einzubeziehen. Anders "A Laundry Woman, Yamuna River“ (2000): Am Yamuna in Delhi stehend schwimmen von links nach rechts Gegenstände an Kim vorbei: Pflanzenreste, Abfälle, Müll, aber der Betrachter denkt an Erinnerungen, Wünsche, Verluste, das ganze Puzzle der Fetzen, die unser Leben ausmachen. Spirituelles
Bettgeflüster Bunte Tücher in allen Farben, bedruckt und bestickt mit phantastischen Mustern, schweben scheinbar vor dem Auge des Betrachters der Installation "A Laundry Woman“ aus dem Jahr 2000. Sie sind mit Wäscheklammern an einer dünnen Leine befestigt, wie zum Trocknen aufgehängt. Ventilatoren unter der Decke versetzen sie in eine verhaltene Bewegung. Dazu ertönen tibetanische Mönchsgesänge aus dem Off. Diese Betttücher - um solche handelt es sich - tragen Bilder von Drachen und Blumen, Früchten und Phoenixen: Symbole des Glücks und der Fruchtbarkeit. Jungvermählte erhalten solche Tücher als Hochzeitsgeschenk. Sie erzählen von Hochzeitsbetten und Leichentüchern, von Geburt und Tod, Liebe und Schmerz, Hoffnung und Verzweiflung, Schlaf und Erwachen - ein umfassender Blick in die Welt einer Frau. Der Betrachter geht durch die Tücher quasi hindurch, ohne eine Spur zu hinterlassen, er begibt sich in ein Bild, das ihn ganz aufnimmt. Der kaum spürbare Windhauch der Ventilatoren erzeugen ein zartes Flattern der Tücher, als habe sie der Atem des Lebens berührt. Die Mantras der tibetanischen Mönche, unterbrochen von den Obertönen der Klangschalen, wehen wie ein spirituelles Bettgeflüster durch die Installation. Hier gelingt Kim Sooja ein anmutiger und liebenswürdiger Ausdruck von Feminismus, gespeist aus der Erfahrung der buddhistischen Gedankenwelt. Kreuzförmige
Nadelstiche Mit
ihrer Hinwendung zur Arbeit mit Textilien, zuerst alten Kleidungsstücken,
in denen nach koreanischer Überlieferung die Seelen ihrer Träger
weiterleben, hat sich Kim Sooja auf den Weg begeben, die Strukturen der
menschlichen Existenz zu erforschen. "Die Nadelstiche haben die
Kreuzform, jeder Stoff ist kreuzförmig gewoben. Das ist die bleibende
Struktur all meiner Arbeiten. Ich habe mich auch theoretisch intensiv mit
dem Zeichen des Kreuzes beschäftigt. Es ist für mich ein archaisches
Zeichen, das als fundamentale Struktur immer da war. Die Kreuzform gibt es
seit ältesten Zeiten auch in der Kunst, in jeder Periode und Kultur,
nicht nur als religiöses Symbol. Es interessiert mich, warum gerade
dieses Symbol so universal vorkommt, von Generation zu Generation in
unterschiedlichsten Kulturkreisen weitergegeben wurde bis hin zu Künstlern
wie Mondrian oder Malewitsch“, sagte Kim Sooja in einem Interview mit
Alois Kölbl. Text
© Manfred Wolff
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