Rudolf Steiner:

Der Demiurg aus eigener Vollkommenheit

Mit der Doppelausstellung "Rudolf Steiner und die Kunst der Gegenwart" und "Rudolf Steiner. Die Alchemie des Alltags" hat das Kunstmuseum Wolfsburg eine große Aufgabe geschultert, die es in Zusammenarbeit mit dem Kunstmuseum Stuttgart und dem Vitra Design Museum in Weil am Rhein und zu lösen versucht. Das Ergebnis dieser Bemühungen ist vom 13. Mai bis zum 3. Oktober in Wolfsburg zu besichtigen. Im Anschluss daran werden beide Ausstellungen vom 5. Februar bis zum 22. Mai 2011 in Stuttgart, schließlich im Herbst 2011 in Weil am Rhein zu sehen sein.

Rudolf Steiner, 1905. © Dokumentation am Goetheanum, Dornach. Foto: Otto Rietmann

Rudolf Steiner, 1905. © Dokumentation am Goetheanum, Dornach. Foto: Otto Rietmann

 Kreativer Denker

Die Alchemie des Alltags (Wessen Alltag? Steiners Alltag? Der Alltag schlechthin?) wird mit 45 Möbelstücken, 46 Architekturmodellen, 18 Skulpturen, 100 Originalzeichnungen und Planskizzen, zahlreichen Briefen an Steiner und Fotos aus dem Leben Steiners beschworen. So sollen Steiners gestalterisches Wirken und seine zeitgenössische Vernetzung dargestellt werden und die Quellen seines Weltbildes offen gelegt werden. So wird nach dem Willen der Ausstellungsmacher das praktische und theoretische Schaffen eines universellen Reformers zur Diskussion gestellt, der mit seinen Anregungen zur Pädagogik, Medizin, Landwirtschaft, Kunst und Wirtschaftspolitik alle Gesellschaftsbereiche im Sinne seiner "sozialen Plastik" reformieren wollte. Die Kunst der Gegenwart wird mit ca. 50 Exponaten auf Verbindungen und Resonanzen untersucht, die zu Steiners Gedankenwelt bestehen. Künstler wie Jan Albers, Joseph Beuys, Tony Cragg, Katharina Grosse, Mario Merz und Olafur Eliasson schließen die oft recht mittelmäßige anthroposophische Kunstidee aus und sollen Steiners ganzheitliches, kreatives Denken reflektieren, in dem die Realität des Geistes und die Präsenz des Unsichtbaren Form und Ausdruck gefunden hat.

Rudolf Steiner: "Der ursprüngliche Zusammenhang zwischen Planeten und Metallen - Heilwirkungen von Metallen in Pflanzen - der Mensch als umgekehrte Pflanze, 10. Februar 1923" , Wandtafelzeichnung, 104 x 154 cm. Rudolf Steiner Archiv, Dornach, Schweiz

Rudolf Steiner: "Der ursprüngliche Zusammenhang zwischen Planeten und Metallen - Heilwirkungen
 von Metallen in Pflanzen - der Mensch als umgekehrte Pflanze, 10. Februar 1923" 
Wandtafelzeichnung, 104 x 154 cm. Rudolf Steiner Archiv, Dornach, Schweiz

  Prophetischer Seher

So weit der Wille der Ausstellungsmacher. Von einer kritischen Auseinandersetzung mit Rudolf Steiner (1861-1925) und seiner künstlerischen wie gedanklichen Arbeit kann jedoch nur sehr eingeschränkt die Rede sein. Gleich am Anfang der "Alchemie" wird der Besucher mit einer Wand von weit über 350 Büchern konfrontiert, die bislang erschienenen Bände seines Gesamtwerks. Daneben sieht selbst Goethe ein bisschen mager aus. Rudolf Steiners Porträts zeichnen sich vor allem durch eines aus: der Denker lacht nicht, nur auf einem Kinderfoto kann er noch herzhaft lachen. Man erfährt, dass er mit 16 Kants Kritik der reinen Vernunft las, nach acht Semestern die Universität Wien ohne Examen verließ, nachdem er ein breit gefächertes Studium Generale absolviert und eine Anstellung als Herausgeber der naturwissenschaftlichen Schriften Goethes erhalten hatte. Alles, was er dann produzierte, wird als wissenschaftliche Leistung, als prophetisches Sehen dargestellt, und das begnügte sich nicht mit den Kleinigkeiten, die die Welt ausmachen. Sein Werk ist immer gleich der Kosmos Rudolf Steiners, an dem sich ein kleinerer Geist natürlich nicht kritisch vergehen darf. Der Reformer Steiner begnügte sich nicht mit einer Reform der Gesellschaft oder auch nur einzelner Aspekte menschlichen Tuns: Der Mensch selbst sollte auf jene höhere Stufe der Erkenntnis entwickelt werden, die er prophetisch vor allen anderen wahrnahm und verkündete. Sein bildnerisches Gestalten, die oft recht unbeholfen wirkenden Zeichnungen oder die Tafelbilder zu den zahllosen Vorträgen, werden zu Kunstwerken erhoben, die an die Seite der großen Künstler seiner Zeit gestellt werden. Die Plastik "Der Menschheitsrepräsentant" ist ein beredtes Zeugnis seiner künstlerischen Fertigkeiten. Auf einer der Wandtafelzeichnungen steht wie eine Offenbarung "In mir ist Gott. Ich bin in Gott. " Und so kümmert sich der Prophet um alles in seiner Welt, von der Verpackungsschachtel für ein Medikament über Schmuckstücke und Beschläge bis hin zum Monumentalbau des Goetheanums und zur Prägung und Entwicklung des Menschen schlechthin. Hier wirkte kein Denker oder Künstler sondern ein Demiurg aus eigener Vollkommenheit.  

Rudolf Steiner bei der Arbeit an der Skulptur "Der Menschheitsrepräsentant", 1919.  © Staatsarchiv Basel-Stadt. Foto: Gertrud von Heydebrand-Osthoff

Rudolf Steiner bei der Arbeit an der Skulptur "Der Menschheitsrepräsentant", 1919.
© Staatsarchiv Basel-Stadt. Foto: Gertrud von Heydebrand-Osthoff

Spiritus movens der Moderne?

Der Versuch, Rudolf Steiner in Verbindung zur Kunst der Gegenwart zu bringen, ihn zum spiritus movens der Moderne zu erheben, hat immerhin eine schöne Ausstellung interessanter Arbeiten zeitgenössischer Kunst ergeben, die anzusehen sich allemal lohnt. Ob man sich dabei unbedingt auch immer die angebotenen Steinerschen Überlegungen zu Eigen machen muss, darf bezweifelt werden. Die Kunstausstellung soll ein Beitrag zur "Entsteinerung" Steiners sein. Angesichts der Fülle des schriftlichen Nachlasses Rudolf Steiners ist natürlich die Versuchung groß, darin einen Steinbruch zu sehen, aus dem man die passenden Stücke bergen kann.

Text © Manfred Wolff

01.06.2010


Rudolf Steiner und die Kunst der Gegenwart
Rudolf Steiner. Die Alchemie des Alltags.
Kunstmuseum Wolfsburg
13.05.-03.10. 2010

 


Kataloge:

Rudolf Steiner und die Kunst der Gegenwart
240 S.
Dumont, 2010
ISBN: 978-3-8321-9277-8
Preis 38 €

Rudolf Steiner. Die Alchemie des Alltags
Vitra Design Museum, 2010
336 S.
ISBN-10: 3931936856
Preis 77,90 €


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Weiter zum Text über die Ausstellung Paul Rascheja: New Works, The Wall Gallery Berlin, 21.05-17.06.2010