|
Dem
Vergessen entrissen “Er wäre einer der besten Maler Deutschlands geworden“, bescheinigte ihm 1950 sein Freund Willi Baumeister. Doch das Schicksal und die Nachwelt meinten es nicht gut mit Hermann Stenner. Durch seinen frühen Tod gleich am Anfang des Ersten Weltkrieges, in den er als Freiwilliger zog, gerieten seine Werke schnell in Vergessenheit und wurden erst Mitte des vorigen Jahrhunderts wieder entdeckt, als ihm 1956 das Städtische Kunsthaus Bielefeld eine Einzelausstellung widmete. Urszula Usakowska-Wolff Der
Kunsthistoriker Gustav Vriesen schrieb damals: “Seine Begabung ist phänomenal
insofern, als wir es mit einem Dreiundzwanzigjährigen zu tun haben,
dessen Werk in rascher Entwicklung einen Reifegrad erreicht hat, der in
keinem Verhältnis zu seinen Jahren steht“.
Produktive
Retrospektive Der
am 12. März 1891 als ältester Sohn unter den acht Kindern eines
Malermeisters in Bielefeld geborene Hermann Stenner war ein außerordentlich
produktiver Künstler. In den nur fünf Arbeitsjahren, die ihm vergönnt
waren, hat er ein umfangreiches, aus fast 300 Ölgemälden - die Hälfte
davon bis heute verschollen, - und über 1500 Arbeiten auf Papier,
vorwiegend Aquarelle und Zeichnungen geschaffen. Leider weitgehend unter
Ausschluss der Öffentlichkeit, denn es vergingen wieder fast vierzig
Jahre, bis ihn seine Heimatstadt mit einer neuen Ausstellung ehrte. Zum
hundertsten Geburtstag von Hermann Stenner - runde Jubiläen sind häufig
ein willkommener Anlass - richtete ihm die Kunsthalle Bielefeld 1991
eine große Einzelpräsentation aus. Nun wartet sie, diesmal nach
knappen zwölf Jahren, mit einer Retrospektive des Künstlers auf, in
der man siebzig seiner zwischen 1909 und 1914 entstandenen Ölbilder
bewundern kann.
Expressionistisch
- Avantgardistisch In der Kunsthalle Bielefeld gilt es jetzt also eine Künstlerpersönlichkeit zu entdecken, die einen Platz in der ersten Reihe der anerkannten Größen der klassischen Moderne verdient und den Vergleich mit Erich Heckel, Ernst Ludwig Kirchner und Alexander von Jawlensky nicht zu scheuen braucht. Wie in Bielefeld unverkennbar zu sehen, befand sich der begabte Maler durchaus auf der Höhe der Zeit und gehörte - nach seiner ersten impressionistischen Phase mit stimmungsvollen, farblich ausgewogenen Ammersee-Landschaften von 1911, bereits zwei Jahre später zu der expressionistischen Avantgarde. Religiöser
Dunst der abstrakten Kunst 1909
verließ der 18-jährige Hermann Stenner Bielefeld und zog nach München,
um an der dortigen Kunstakademie zu studieren. Nach einer anfänglichen
Zeichenausbildung wandte er sich, als Folge eines Sommeraufenthaltes in
Dachau bei Hans von Hayek, der Malerei zu. Er folgte dem Rat seines
Lehrers und setzte 1910 sein Studium
bei Christian Landenberger, dem führenden süddeutschen Spätimpressionisten,
an der Kunstakademie in Stuttgart fort. In der Landenberger-Klasse blieb
er jedoch nur ein knappes Jahr, denn bereits 1912 wurde Stenner als
Meisterschüler in die Komponierklasse von Adolf Hölzel aufgenommen,
was einen Bruch mit dem konventionellen Kunststudium bedeutete. Nachdem
ihm sein Meister eines der begehrten Malerateliers zuwies, gehörte er
zur Elite dieser Akademie und konnte sich, im Einklang mit der Hölzelschen
Lehre, künstlerischen Experimenten widmen. 1912 machte er mit dem
gesamten “Hölzel Kreis“ einen Ausflug in das malerische Städtchen
Monschau in der Eifel, wo er intensiven Kunststudien nachging. Von dort
fuhr er mit seinem Freund, dem Kunsthistoriker Hans Hildebrandt und
dessen Frau Lily nach Paris, wo er vier Wochen verbrachte. Im Frühjahr
1914 arbeitete er zusammen mit seinen Studienkollegen Willi Baumeister
und Oskar Schlemmer am Wandfries für die Werkbundausstellung in Köln,
wobei er in seinen Bildern die Kölner Legende von der Heiligen Ursula
verarbeitete. Im Jahr 1914 trat Hermann Stenner in eine neue Phase
seiner künstlerischen Entwicklung ein: Er griff zunehmend religiöse,
katholische Themen auf, die er in abstrakter, fast monochromer Manier
malte. Seine letzten Bilder erinnern sowohl inhaltlich als auch formell
an Georges Roualt. Doch eine Fortführung und Weiterentwicklung seiner Kunst in die
eine oder andere Richtung der Moderne wurde dem jungen Maler nicht gegönnt:
Im August 1914 meldete sich er sich zusammen mit Oskar Schlemmer als
Kriegsfreiwilliger. Am 3. oder 4. Dezember 1914 ist er an der Ostfront bei Ilow
(Lowitz) in Polen gefallen. “Mit ihm starb einer der hoffnungsvollsten
künstlerischen Begabungen des Nachimpressionismus und
Expressionismus“, ist in der Präambel zur Satzung des 1997 gegründeten
“Freundeskreis Hermann Stenner zu lesen.
Streben
nach dem Großen Wie
August Macke und Franz Marc zählt Hermann Stenner zu den großen,
jungen Talenten, die im ersten Weltkrieg den Tod fanden. Hoffentlich trägt
seine gegenwärtige Retrospektive in der Kunsthalle Bielefeld dazu bei,
dass er dem Vergessen entrissen wird und einen gebührenden Platz in der
Kunstgeschichte des zwanzigsten Jahrhunderts einnehmen kann. Denn, wie
er in sein Skizzenbuch der Jahre 1912/1913 notierte: “Und doch ist es
nur dies Streben nach dem ganz großen Etwas in der Kunst, das mir keine
Ruhe lässt und meine Nerven aufpeitscht!“ Text © Urszula Usakowska-Wolff Fotos © Kunsthalle Bielefeld Hermann
Stenner: Gemälde. Retrospektive 1909 - 1914 1.06
– 31.08. 2003 Kuratorin:
Jutta Hülsewig-Johnen 27.09
– 16.11.2003 Galerie
der Stadt Aschaffenburg, Jesuitenkirche Zur
Ausstellung erscheint das neue, aktualisierte Werkverzeichnis
der Gemälde von Hermann Stenner Konzipiert,
realisiert und bearbeitet von Hrg.
Freundeskreis Hermann Stenner e.V. ISBN:
3-936646-24-4 (Museumsausgabe) ISBN:
3-936646-11-2 (Buchhandelsausgabe) Preis
32 € |