Urszula
Usakowska-Wolff
Künstlerinnen und Künstler sind Menschen, die uns helfen, die Welt mit ihren Augen zu sehen, das heißt, jenes ans Tageslicht zu bringen, was wir häufig übersehen, sei es deshalb, weil es so offensichtlich ist, dass für uns nicht mehr sichtbar, oder so unsichtbar, dass nicht mehr offensichtlich. Sie malen uns das aus, was wir uns selbst nicht ausmalen können, nämlich dass die Vergangenheit von der Gegenwart ständig verdrängt wird und die Gegenwart fortwährend der Zukunft ausweicht, denn, wie die Lyrikerin Mascha Kalekò in einem ihrer Gedichte schrieb: "Heute ist morgen schon gestern." Gestern, heute, morgen - das sind bekanntlich die drei unterschiedlichen Zeiten, in denen wir leben und die die Existenz von uns, Irdischen, bestimmen, die zur Ungleichzeitigkeit verurteilt sind. Im "heute" verwurzelt, sind wir zugleich im "gestern" gefangen, das unser "morgen" beeinflusst. Wie
aus der Einladungskarte leider nicht ersichtlich, habe ich die gegenwärtige
Ausstellung im Stift Obernkirchen "Landschaften der
Erinnerung" genannt, denn die Erinnerung ist es, die die beiden so
unterschiedlichen polnischen Künstler verbindet. Sie haben heute die
einmalige Gelegenheit, eine Vertreterin und einen Vertreter von zwei
verschiedenen Künstlergenerationen Polens zu erleben, wobei Rafał
Strent für die ältere und Małgorzata Dmitruk für die ganz junge
Generation steht. Der Meister und seine Meisterschülerin stellen hier
zum ersten Mal gemeinsam ihre grafischen Arbeiten aus.
Rafał
Strents Geburtsort befindet sich in Wolhynien, das bis zum 17. September
1939 zu Polen gehörte und als Folge des Hitler-Stalin-Paktes von der
Sowjetunion annektiert wurde. Der heutige Ordinarius der Akademie der
Schönen Künste in Warschau und Vorsitzende des Polnischen Künstlerverbandes
kam am 1. Januar 1943 in Józefin, einem Vorort der ehemals
ostpolnischen Stadt Łuck zur Welt. Zwei Jahre später, nach dem
Ende des Zweiten Weltkriegs, als der siegreichen Sowjetunion Ostpolen,
darunter Wolhynien und somit auch Łuck
zugesprochen wurde, war Strents Familie, wie Millionen andere
Polen gezwungen, ihre Heimat zu verlassen. Zu ihrer neuen Heimat wurden
die ehemaligen deutschen Gebiete, aus denen wiederum die deutsche Bevölkerung
vertrieben wurde. Die
aus Wolhynien vertriebene Familie Strent fand eine neue Bleibe im
fremden Schlesien, zuerst in Breslau, das von nun an "Wrocław"
heißen sollte, dann in einem ehemals deutschen Haus im
niederschlesischen Greifenberg, aus dem das polnische "Gryfów"
wurde. Dort, zwischen den nicht zu tilgenden Spuren und Zeugnissen des
deutschen, in diesem Fall - schlesischen Lebens, wuchs der kleine
Wolhynier Rafał Strent auf, der seine Heimat verließ, bevor er sie
bewusst erleben und kennen lernen konnte. Dass
die bildende Kunst, insbesondere Malerei und altmeisterliche Zeichnung
zu seiner späteren, unbestrittenen und unteilbaren Heimat werden,
zeichnete sich jedoch damals noch nicht ab. Nach dem Besuch der
Grundschule in Gryfów wurde Rafał Strent zum Rundfunktechniker
ausgebildet, arbeitete in einem Unternehmen, das Radioempfänger und ...
Panzerfunkgeräte produzierte, verdingte sich als Bau- und
Eisenbahnarbeiter. Parallel dazu lernte er an einem Abendgymnasium in
Legnica, dem ehemaligen Liegnitz, und spielte Banjo in einer
Jazzkapelle. Um seinem Ziel, das in jener Zeit für ihn bereits fest
stand, nämlich dem Studium an der Akademie der Schönen Künste in
Warschau näher zu kommen, zog er in das unweit der polnischen
Hauptstadt gelegene Pruszków, einen kleinen, verschlafenen Ort, der
heute als Sitz der s.g. berüchtigten "Pruszkower Mafia"
einige überregionale Berühmtheit erlangte. In Pruszków
machte Rafał Strent 1963 sein Abitur und begann, am dortigen
Institut für Telekommunikation zu arbeiten, weil er bei der Aufnahmeprüfung
zur Warschauer Kunstakademie durchfiel. Dieser Misserfolg wurde ihm mehr
als reichlich belohnt, denn er lernte damals seine zukünftige Ehefrau
Danuta Niebieszczańska kennen, die aus dem ehemals ostpolnischen,
heute ukrainischen Drohobycz stammte und deren Mutter eine Schülerin
von Bruno Schulz war. Nun konnte der künstlerischen Karriere Rafał
Strents nicht mehr viel im Wege stehen, 1966 bestand er also die
Aufnahmeprüfung zur Warschauer Akademie und begann sein Studium in der
Abteilung für Malerei und Grafik, das er 1972 als Jahrgangsbester und
mit einer Auszeichnung des Kultusministeriums absolvierte. Seitdem
arbeitet er ununterbrochen an der Warschauer Akademie der Schönen Künste,
zuerst als Grafikdozent, seit 1991 als Ordinarius, von 1990 bis 1996 als
Dekan der Grafikfakultät. Damit nicht genug, denn vor zwei Jahren wurde
er zum Vorsitzenden des Polnischen Künstlerverbandes und zum
Stellvertretenden Vorsitzenden des Hochschulrats gewählt und verbringt
seine meiste Zeit mit der scheinbar unmöglichen Aufgabe, seine selten
zufriedenen Kolleginnen und Kollegen etwas
zu befrieden und Promotionsarbeiten zu rezensieren. Ein Wunder,
dass ihm noch Zeit für künstlerische Arbeit bleibt und dass deren
Qualität unter der Fülle der pädagogischen, administrativen und
gesellschaftlichen Aufgaben nicht leidet, vor denen Rafał Strent
nie zurückschreckt. Nicht unerwähnt bleiben darf, dass er Vater des
18-jährigen Łukasz ist, der am kommenden Mittwoch für ein Jahr
als Austauschschüler in die Vereinigten Staaten fliegt. Er ist ferner
seit bald vierzig Jahren mit derselben Danuta verheiratet, in Künstlerkreisen
durchaus keine Selbstverständlichkeit.
Prof.
Rafał Strent gehört zu den bedeutendsten polnischen zeitgenössischen
Künstlern. In den letzten zwanzig Jahren nahm er an über 40 Einzel-
und 200 Gruppenausstellungen in Polen und u.a. in Österreich,
Luxemburg, Bulgarien, Kanada, Kuba, Großbritannien, Finnland,
Frankreich, Ungarn, Italien, Schweden, Portugal und den USA teil. In
Deutschland präsentierte er seine Arbeiten u.a. in Frankfurt am Main,
Bonn, Lindau, Kiel, Herford, Löhne, Gronau, Castrop-Rauxel und Merzig.
Er wurde mit zahlreichen polnischen und internationalen Preisen gewürdigt,
u.a. erhielt er 1972 die Auszeichnung der Grafik-Biennale in Wien und
1979 den Großen Preis für zeitgenössische Kunst in Monte Carlo. Seine
Radierung "Levitation" wurde von der Fürstin Gracia Patricia
für die Kunstsammlung der Fürstenfamilie in Monaco erworben. Weitere
Auszeichnungen wurden ihm 1982 in Paris, 1983 in Landau, 1985 bei der
Internationalen Grafik-Biennale in Krakau und 1991 in Toruń (Thorn)
zuteil. Die
Grafiken, Zeichnungen und Gemälde Rafał Strents, die an die
Technik alter Meister erinnern, vermitteln den Eindruck, als seien sie
mit der Patina der Zeit bedeckt. Seine Radierungen sind bestimmt vom
Farberlebnis und narrativer Formensprache. Sie sind handkoloriert, was
bedeutet, dass die Zinkplatten vor dem Druck mit Tusche oder
Aquarellfarben bemalt werden. Durch diesen Einzeldruck ist also jedes
Blatt ein Unikat und unwiederholbar. Der
Künstler Rafał Strent deckt eine Wirklichkeit auf, in der nichts
so ist, wie es zu sein scheint. Einfache Gegenstände aus dem
Alltagsleben: Körbe, Fahnen, Zuckerdosen, Stoffreste, Stühle, Türen
und Tore, getrocknete Blätter oder skurrile Exponate, verschwommene
Tiersymbole oder Schriftzeichen sind Sinnbilder unserer Existenz, vom
Zerfall und der Vergänglichkeit gezeichnet. Strent zeigt uns, dass
alles vergänglich ist, denn das menschliche Leben, die materielle
Kultur und sogar die Natur hinterlassen nur wenige Spuren im Universum.
Zugleich ist nichts vergänglich, denn der Zerfall hinterlässt immer
Spuren, die sich zu einem neuen Ganzen zusammenfügen. In seinen
sensiblen und meisterhaften Arbeiten versucht Rafał Strent, die
Spuren, Fragmente und Symbole, aus denen unsere Geschichte besteht, vor
dem Vergessen zu bewahren. Er ist ein Meister der Collage, denn in seine
Zeichnungen und Bilder integriert er Fundstücke, vertrocknete Blumen
und Blätter, alte Gardinenstoffe, Glassplitter, Fragmente kaputter,
weggeworfener Gegenstände, die in seinen Werken zum neuen Leben
erwachen. Er schafft eigentümliche Stillleben, Tage- und Traumbücher
der vergehenden Zeit und der vergangenen Zeiten. Er geht auf alte,
verlassene deutsche und jüdische Friedhöfe in Polen oder wohin ihn
auch seine Reisen führen und frottiert Grabsteine oder Grabplatten in
Kirchen und Klostern, die dann zu einem Bestandteil seiner Arbeiten
werden. Das sind die Spuren der Vergangenheit, die von einem, der seiner
eigenen beraubt wurde, festgehalten werden. Indem der Künstler die
gemeinsame Vergangenheit offen legt, unabhängig vom Ort, an dem er sie
aufspürt, wird er zum Hüter des kollektiven Gedächtnisses. Die
meisterhaften Exponate des Künstlers sind eine Art Brief an das
Publikum, dessen Appelle, sanfte ironischen Anmerkungen, subtile
erotische Anspielungen, gedankliche Exkurse und sachliche Beschreibungen
den „Leser“ in den Bann ziehen. “Warum sind wir auf dieser
Welt?“, fragt Rafał Strent. “Warum bauen, malen, zerstören,
lieben und kämpfen wir? Vielleicht sollten wir versuchen, die Welt, die
sich in unserer Reichweite befindet, etwas besser, etwas menschlicher zu
gestalten.“ Der
bildnerischen Gestaltung der Welt, die sich in ihrer Reichweite
befindet, widmet sich auch Małgorzata Dmitruk, eine Meisterschülerin
Rafał Strents, deren Lithografien sie heute bewundern können. Sie
ist ebenfalls eine Pendlerin zwischen “gestern“ und „heute“,
zwischen den Kulturen, zwischen Warschau und Minsk und Bielsk Podlaski,
also zwischen dem Stadt- und dem Landleben, in dem das “heute“ unübersehbare
und untilgbare Spuren hinterlässt. Sie wurde am 17. Juni 1974 in der
ostpolnischen Ortschaft Bielsk
Podlaski in einer weißrussischen Familie geboren. 1993 begann sie ihr
Studium an der Grafikabteilung der Kunstakademie in Minsk (Weißrussland).
1995 setzte sie das Studium der Grafik und Malerei an der Warschauer
Akademie der Schönen Künste fort, die sie 1999 als Jahrgangsbeste
absolvierte. Seit 1995 arbeitet sie in einer experimentellen
Grafikwerkstatt in Minsk. Neben Grafik und Malerei befasst sie sich mit
Bildweberei, Illustration und Modedesign und neulich auch mit der
Gestaltung von künstlerischen ... Haarschnitten. Małgorzata
Dmitruk gehört zu den bedeutendsten jungen polnischen Künstlerinnen.
Sie nahm an sechs Einzel- und über zwanzig Gruppenausstellungen in
Polen, Deutschland, Russland, Weißrussland, Lettland und der Slowakei
teil. Seit 1997 wurde sie mit zahlreichen
Preisen ausgezeichnet, darunter wiederholt mit dem ersten Preis des
Wettbewerbs "Warschauer Grafik."
Małgorzata
Dmitruks Lithografien erzählen von ihrer ostpolnischen Heimat, in der
katholische und orthodoxe Kirchen nebeneinander stehen, wo früher
Synagogen und Moscheen zum Dorfbild gehörten. Diese dörflichen
Gemeinschaften, in denen die Zeit stehen
geblieben ist, leben am Rande der heutigen schnelllebigen Welt, und sind
zum Sterben verurteilt. Małgorzata Dmitruk stellt sie so dar, wie
sie ihr überliefert wurden und wie sie sie zum Teil noch als Kind
erlebt hat. Sie tut das in einer scheinbar naiven Zeichnung,
auf wenige Farben und Formen reduziert. Doch gerade deshalb
entsteht ein um so bunteres Bild dieser Welt, in dem sie uns an den Höhen
und Tiefen des Lebens, an Liebe und Tod, an Glück und Trauer, Hoffnung
und Zufriedenheit teilnehmen lässt. Von der Kunstkritik in Polen wird
Małgorzata Dmitruk, die an eine Figur von Mondigliani erinnert, als
"Chagalls Enkelin" gefeiert, denn Erinnerung und Bewahrung
sind wie bei ihm ihr Thema. Ihre märchenhaften Bilder sind
melancholisch und nostalgisch, manchmal mit einer Prise Humor. Sie malt
die vergessenen und verlassenen ostpolnischen Dörfer, von Polen, Weißrussen,
Ukrainern und Tataren bewohnt, und rettet sie somit vor dem Vergessen.
Und sie zeigt uns, dass die Vergänglichkeit unvergänglich ist. Die
Simplizität, mit der Małgorzata Dmitruk die großen Themen unseres
Lebens: Liebe, Glauben, Verlust und Tod darstellt, ist überwältigend.
“Die Vergangenheit“ - ist
das Porträt ihrer Mutter und ihrer Tante als kleine Mädchen, “Die
Gegenwart“ - das Bild der beiden in die Jahre gekommenen Frauen und
“Die Zukunft“ sind nur
noch zwei leere Stühle an der Wand. Dazwischen geht das
„gesellschaftliche Leben“ der Dorfbewohner, also der „Hiesigen“
scheinbar unverädert weiter. Sie treffen sich vor ihren Häusern zu
einem Plauderstündchen. Sie arbeiten, heiraten und tanzen. Sie sitzen
an einem üppig gedeckten Hochzeitstisch, dann treffen sie sich an
demselben Tisch zum Leichenschmaus. Kein “Creutzfeld“, sondern der
Hirte “Jakob“ spielt für seine Kühe auf der Flöte. “Grabarka“,
der Wallfahrtsort der Griechisch-Orthodoxen in Polen, ist das Gesicht
einer im Gebet vertieften alten Frau, das jedoch streng und verbittert
aus der Menge ragt. Eine Serie der Lithografien von Małgorzata
Dmitruk heißt “Vegetation“, ein Titel, der eigentlich für das üppige
Wachstum und die Unvergänglichkeit der Natur steht.
Doch
auf den Bildern sehen wir altersschwache Holzhäuser, die zum Teil auf
dem Kopf stehen; eine alte Frau sitzt im Fenster und ein alter Mann
schreitet zwischen endlosen Feldern seinem Ende entgegen. Eine andere
Serie der Lithografien der jungen Künstlerin heißt “Zapiski“, was
„Notizen“ bedeutet. Es sind Bilder von Begräbnissen: ein Pferd
zieht einen Leichenwagen, hinter dem die Trauernden ziehen. Die letzte
Ruhestätte des Verstorbenen schmücken rote Blumen. Mit den Toten
sterben auch ihre Häuser, und die verwaisten ostpolnischen Dörfer, in
denen nur noch alte Leute, wie in dem Bild “Warten“, ihrem Ende
entgegen sehen, gehören bald der Vergangenheit an. Vielleicht besinnen
sich irgendwann die Kinder derer, die auf der Suche nach einer besseren
Zukunft in die Städte gezogen sind, ihrer ländlichen Vergangenheit und
bauen die zerfallenen Hüten ihrer Großeltern in schicke Wochenendhäuser
um.
Rafał
Strent hat seine Heimat als Folge des zweiten Weltkrieges verloren, Małgorzata
Dmitruk wird sie auch bald verlieren, denn die dörflichen
Gemeinschaften, unabhängig davon, ob sie aus Weißrussen, Polen,
Russen, Ukrainern oder Tataren bestehen, sind in unserer auf Effizienz
und landwirtschaftliche Massenproduktion ausgerichteten Zeit, zum
leisen, kaum wahrgenommenen Untergang
verurteilt. Rafał Strent und Małgorzata Dmitruk versuchen
also, mit den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln der Kunst die
Erinnerung an ihre Heimat zu bewahren und weiter zu geben.
Und
was Kunst in diesem Zusammenhang bedeutet, veranschaulicht das Gedicht
“Jest i tym“ (“Sie ist auch das“) der 1921 geborenen, polnischen
Lyrikerin Julia Hartwig, das ich extra für die heutige Ausstellung übersetzt
habe:
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