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Der
Stein des Anstoßes Da zeigt die Galerie Nord des Kunstvereins Tiergarten satirische Plakate der dänischen KünstlerInnengruppe Surrend, der Präsident der Akademie der Künste Klaus Staeck, selbst durch satirische Plakate bekannt geworden, erscheint zur Eröffnung: ein eher nebensächliches Ereignis in der munteren Berliner Kunstszene. Aber dann passiert etwas: Eine junge Frau, Muslimin, besucht die Ausstellung und fordert, eines der Plakate sofort abzuhängen, da sie sich dadurch beleidigt fühlt - das Plakat zeigt die Kaaba, das zentrale Heiligtum des Islam, und darüber die Worte "Dummer Stein“. Sie fotografiert das Plakat, verlässt die Galerie, und kurz darauf erscheinen ein paar junge Männer und verlangen ebenfalls entschieden das Abhängen des für sie anstößigen Bildes und drohen: "Sonst fliegen hier Steine“. Die Galerie wird aus Sicherheitsgründen geschlossen. Die sich nun entwickelnde Diskussion über das heikle Verhältnis von Religion und Kunst lässt das eigentliche Thema der Ausstellung in den Hintergrund treten. Schließlich wird nach einer knappen Woche und ausführlichen Beratungen die Galerie wieder eröffnet, und dazu kommt der Innensenator Körting, sicher weniger aus Neugier auf die ausgestellte Kunst, sondern um die Sicherheitslage der Galerie zu begutachten bzw. zu gewährleisten.
Angeblich
blasphemische Kunst Die Ausstellung heißt "Neonazi-Halluzinationen - ZOG“. ZOG steht als Abkürzung für die Verschwörungstheorie der Zionist Occupied Governments. Ein Astronaut hisst auf dem Mond die israelische Flagge, Parolen der Neonazis werden persifliert und dann ist da diese Gruppe von vier Plakaten: neben dem Kaaba-Bild "Dummer Stein“ ein orthodoxer jüdischer Junge mit Hut "Dummer Hut“, eine Gruppe von schwarz Vermummten "Dummer Block“ und das schwarze Quadrat von Malewitsch "Dummer Vegetarier“. Durch die Aufregung um den "dummen Stein“ ist das eigentliche Anliegen in den Hintergrund getrieben. Dabei ist die Empörung über angeblich blasphemische Kunst nichts Neues. Wir erinnern uns an die erst abgesagte Idomeneo-Aufführung in der Deutschen Oper, wo man wegen eines abgeschlagenen Hauptes des Propheten Mohammed gewalttätige Proteste von Muslimen befürchtete. In Warschau hatten Sejm-Abgeordnete eine Plastik von Maurizio Cattelan, die den Papst von einem Meteoriten erschlagen zeigte, zerstört. Im Wuppertaler Von-der-Heydt-Museum wurde von unbekannten Tätern die Plastik "Turkish Delight“ von Olaf Metzel zerstört, weil sie eine nackte Frauengestalt mit Kopftuch zeigte. Die Liste ließe sich beliebig verlängern.
Gemeinsam
gegen die Fanatiker Kunst
will und muss Aufmerksamkeit erregen, das tut sie, indem sie Tabus
bricht, in jedem Neuen ist ein Konflikt angelegt. Sie stört als
Neuerung nicht nur die eingefahrenen Sehgewohnheiten, sondern auch die
vertrauten Gefühle. Beide werden als verletzt empfunden. Es ist
allerdings ebenfalls zu fragen, welcher spirituelle Wert in dem
Kunstwerk verwirklicht wird. Der Konflikt um des Konfliktes willen ist
nur eine schicke Masche, die schnell und zu Recht in Vergessenheit gerät.
Kunst und Religion stehen beide unter dem Schutz des Grundgesetzes und
genießen seine Freiheitsgarantien. Wer meint, dass seine Grundrechte in
einem Kunstwerk verletzt werden, ist damit auf den Rechtsweg verwiesen,
wenn er diese Verletzung abwenden will. Es kann und darf keine
Selbstjustiz für welche religiöse Gruppe auch immer geben, um ihren
Gefühlen Ausdruck zu verleihen. Deshalb ist es richtig, dass die
Ausstellung in der Galerie Nord wieder eröffnet wurde und nun
besonderen Polizeischutz genießt. So kann sich jeder selbst ein Urteil
bilden, wenn er die Ausstellung besucht. Es darf niemandem erlaubt sein
zu entscheiden, was wir sehen dürfen oder nicht. Und es darf erst recht
niemandem erlaubt sein, mit Steinwürfen ein Kunstwerk zu vernichten.
Wir haben in unserer Geschichte die schreckliche Erfahrung gemacht, dass
erst Bücher verbrannt wurden und dann Menschen. Was ist wohl möglich,
wenn es geduldet wird, dass man Bilder steinigt? Nota bene: es wäre
ganz falsch, diese Bilderstürmerei "den Muslimen“ anzuhängen.
Unsere muslimischen Mitbürger sind in der Regel genauso friedlich wie
alle anderen Menschen in dieser Stadt. Sich den wenigen Fanatikern
entgegenzustellen, ist ein gemeinsames Anliegen aller, die unser
multikulturelles Leben schätzen und schützen. Die
Freiheit, selbst ein Kunstwerk zu beurteilen, ist ebenso wichtig wie die
Freiheit des Künstlers, seine Arbeit auszustellen. Gehen wir also hin. Text und Fotos © Manfred Wolff ZOG -
Surrend Öffnungszeiten:
Dienstag bis Samstag 14 bis 19 Uhr Presseschau im netsamurai.de >>> |