Swiss Art: Präzision mit Wahn gepaart

"Das da unten könnte kein Schweizer malen", zitiert Markus Brüderlin, Direktor des Kunstmuseums Wolfsburg, einen helvetischen Kollegen, der zur Ausstellung "Swiss Made“ eine Leihgabe beisteuerte und bei dieser Gelegenheit die große Einzelschau von Neo Rauch (noch bis zum 11. März zu sehen), namhaftester und international begehrtester Vertreter der "Leipziger Schule" besichtigte. Diese anekdotische Aussage bedeutet einerseits: die gegenständliche und narrative Malerei ist die Sache der eidgenössischen Kunst nicht. Andererseits ist sie ein Indiz dafür, dass die Künstlerinnen und Künstler der um sich greifenden Globalisierung trotzen, indem sie in ihren Werken die landestypischen Merkmale tradieren, variieren oder in Frage stellen. "Das Global Village ist ein Missverständnis, denn gerade in Zeiten der Globalisierung wächst das Bedürfnis nach den regionalen Unterschieden, ohne in Heimattümelei oder gar Nationalismus zu verfallen“, sagt der Schweizer Markus Brüderlin, der aus dem kleinen Land mit den großen Bergen und den sprichwörtlich präzisen Uhren stammt, von der Lilakuh ganz zu schweigen, und der nun seit über einem Jahr das erste Kunsthaus am Platz der in den 1930er Jahren aus dem Boden gestampften Stadt Wolfsburg in der norddeutschen Tiefebene leitet, die sich vor dem Zweiten Weltkrieg als Produktionsstätte des "Kraft-durch-Freude-Wagens“ und nach dem Krieg als VW-Autostadt einen Namen gemacht hat. Und nun seit 13 Jahren, dank ihrem Kunstmuseum, im globalen Ausstellungsbetrieb so geschickt agiert, dass sie sich mit den Kunstzentren in nah- und weit entfernten Metropolen messen kann.

Urszula Usakowska-Wolff: Gebührenfreie Information. © Urszula Usakowska-Wolff

Urszula Usakowska-Wolff: Gebührenfreie Information. © Urszula Usakowska-Wolff

Ordnungsfetischisten und Anarchisten

Die neueste zweiteilige Ausstellung im Kunstmuseum Wolfsburg ist der Kunst der Alpenrepublik gewidmet und lässt, unter dem Titel "Swiss Made 1" (3.03. - 24.06.2007) und "Swiss Made 2" (6.07. - 21.10.2007) und dem Untertitel "Präzision und Wahnsinn. Positionen der Schweizer Kunst von Hodler bis Hirschhorn" 42 Künstler, 90 Werke und über 150 Jahre helvetische Kunstgeschichte Revue passieren. Die Gruppenschau heißt nicht ohne Grund "Präzision und Wahnsinn", denn zwischen diesen beiden Polen bewegt sich die Schweizer Kunst, wobei der Verdacht aufkommt, dass der Wahnsinn, dem viele dortige Künstler (Schriftsteller inbegriffen) verfielen, eine Methode war, der Enge der Landschaft, der Liebe zur Geometrie, und der Engstirnigkeit ihrer Landsleute zu entkommen. Auch in anderen Ländern gibt es keine Präzision ohne Wahnsinn und keine Ordnung ohne Chaos, doch nirgendwo liegen sie so nahe wie in dem kleinen Land hinter den sieben Bergen, das einerseits Ordnungsfetischisten, Puristen und Rationalisten wie etwa Ferdinand Hodler und Max Bill und Kunstanarchisten wie Adolf Wölfli, Louis Soutter, Di(e)ter Rot(h), Thomas Hirschhorn oder die leider in "Swiss Made" nicht gezeigten Jean Tinguely, Bernd Luginbühl und Not Vital hervorbringt. Wer die Schweizer Kunst betrachtet, dem bleibt nicht verborgen, dass die dem "Wahnsinn" zugeordneten Künstler auch sehr präzise arbeiten. Es ist eine fantastische, besessene, ausufernde, Konventionen und Rahmen sprengende Präzision mit einem Hang zum Seriellen, das dem zwanghaften Charakter innewohnt. Und noch ein auffallendes Merkmal: Das Klischee besagt, dass die Eidgenossen alles andere als leidenschaftlich sind. Wenn das stimmt, so sind eben die Schweizer Künstler mit ihren, in der "wahnsinnigen" Variante vor Leidenschaft überschäumenden Werken eben jene Ausnahme, die die Regel bestätigt.

Analoge und binäre Dialoge

Der heimliche Schirmherr von "Swiss Made“, die unter der Schirmherrschaft des Botschafters der Schweiz in Deutschland, Dr. Christian Blickenstorfer steht, ist nämlich Robert Walser Der Schriftsteller, der nicht ganz freiwillig 27 Jahre in den psychiatrischen Heilanstalten Waldau und Herisau verbrachte und der seine vielschichtigen Romane, von denen einige erst in letzter Zeit entziffert werden konnten, mit Bleistift in winziger Sütterlinschrift niederschrieb, war u.a. ein leidenschaftlicher Spaziergänger. Deshalb soll, nach den Worten von Markus Brüderlin und seiner Mitkuratorin Julia Wallner, die Ausstellung "Swiss Made" wie ein Spaziergang durch "das schweizerische Kunstgelände", das sich in den zwölf Sälen im ersten Stock des Kunstmuseums erstreckt, führen. Das besondere an der helvetischen Gruppenschau in Wolfsburg ist, dass sie weder chronologisch noch linear konzipiert wurde. Sie ist in zwölf Kapitel gegliedert, in denen alte (u.a. Alexandre Calame, Albert Anker, Ferdinand Hodler, Adolf Wölfli, Louis Soutter, Paul Klee, Alberto Giacometti) und neue oder ganz neue Meister und Meisterinnen (u.a. Di(e)ter Rot(h), Richard Paul Lose, Arnold Odermatt, Urs Lüthi, Martin Disler, Roman Signer, Markus Raetz, Helmut Federle, John M. Armleder, Beat Streuli, Hannah Villinger, Pipolotti Rist) präzise inszenierte Dialoge, konfrontative Gespräche führen. Es gibt viel zu sehen (Möbelinstallationen, Skulpturen, Wandbilder, Zeichnungen, Fotos, Videos, DVD) und viel zu lesen, denn die Titel mancher Kapitel glänzen wie Perlen der Sprachkunst an der Wand, wie etwa: "Die Liebe zur Geometrie und die gepolsterte Moderne“, "Die Architektur der Gebirge und die Geometrie der Gefühle", "Neurose - Hypnose und Extase", "Ready Made - Self Made - Swiss Made", "Der Berg als Drama - der Berg als Körper." Ist die in Wolfsburg gezeigte Schweizer Kunst bloß ein Vorwand für schön bebilderte Behauptungen der Ausstellungskuratoren? Gibt es überhaupt eine "typisch" Schweizer Kunst?

 Das Serielle ist das Essentielle

Der Spaziergang durch den ersten Teil des schweizerischen Kunstgeländes provoziert viele Fragen und zeigt überraschende Verwandtschaften, auch zwischen den Künstlerpaaren, die keine Dialogpartner sind. Für viele eidgenössische Kunstschaffenden scheint die Kunst ein lebensnotwendiges Ritual zu sein. Das mag an der subjektiven Auswahl der Kuratoren liegen, aber man hat den Eindruck, dass die Liebe zur seriellen Inszenierung als Ausdruck einer potenzierten Liebe zur Geometrie, ein Hauptmerkmal von "Swiss Made 1" ist. Ob die (im Kunstmuseum Wolfsburg an den Glaswänden im Treppenhaus angebrachten) Fotos von Beat Streuli mit den aus aller Welt stammenden Menschen auf den Straßen in Brüssel, ob die poetischen und zugleich skurrilen schwarz-weißen und farbigen Bilder von Autounfällen und auf Verkehrssünder lauernden Polizisten, die der heute 82-jährige Arnold Odermatt während seiner Arbeit als Polizeifotograf in der schönen Gebirgs- und Seelandschaft des Kanton Nidwalden gemacht hat, ob die Serie "The Numbergirl" (1973), in der sich Urs Lüthi als er selbst und immer ein(e) andere(r) inszenierte, ob Di(e)ter Rot(h) mit seinem "Flachen Abfall", seinen stundenlangen Videoaufzeichnungen, seinen seriellen Schokoladegüssen: Das sind nur einige Beispiele, die den seriellen Charakter der Schweizer Kunst zeigen und für ihn sprechen. Ein neues Kapitel im "Swiss Made" könnte also lauten: Das Serielle ist die essentielle Räson im Dialog zwischen Wahnsinn und Präzision.

Text © Urszula Usakowska-Wolff

3.03.2007


Swiss Made 1: Präzision und Wahnsinn.
Positionen der Schweizer Kunst von Hodler bis Hirschhorn.
3.03. - 24.06.2006
Kunstmuseum Wolfsburg

Swiss Made 1 -  KünstlerInnen im Dialog:

Max Bill - John M. Armleder; Richard Paul Lohse - Hannah Villinger; Ferdinand Hodler - Urs Lüthi - Beat Streuli; Alberto Giacometti - Markus Raetz; Ferdinand Holder - Helmut Federle; Louis Soutter - Adolf Wölfli - Martin Disler; Paul Klee - Silvia Bächli; Robert Müller - Roman Signer; Albert Anker - Dieter Roth - Arnold Odermatt - Eric Hattan; Robert Zünd - Steiner & Lenzinger; Alexandre Calame - Balthasar Burkhard - Cécile Wick; Ferdinand Hodler - Pipilotti Rist - Christoph Draeger - Ingeborg Lüscher; Ben Vautier - Christoph Büchel

Der Katalog erscheint während der Fortsetzungsausstellung "Swiss Made 2" (6.07. - 21.10.2007)


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