|
Häftling
- Mensch des 20. Jahrhunderts Józef
Szajna sitzt in einem Sessel mitten im düsteren Saal der baufälligen
ehemaligen polnischen Botschaft in Berlin, die seit der Wende auf ihren
Abriss und Neubau an der Vorzeigemeile Unter den Linden der
Bundeshauptstadt vergeblich wartet, und blickt etwas verlegen auf die
Massen, die gekommen sind, um seine Kunst zu sehen. Vierhundert Leute drängen
sich im großen, doch für diesen Auftrieb viel zu kleinen Raum, um den
Künstler, Dramaturgen, Bühnenbildner und Theaterregisseur, der am 13.
März 85 Jahre alt wird, und seine bewegende, von den Erfahrungen des
Todes geprägte Kunst in der von der Botschaft der Republik Polen
ausgerichteten Ausstellung "Hört da noch jemand? Zur condition
humaine nach Auschwitz" zu erleben.
Theaterkulisse
für den Totentanz An diesem 29. Januar, zwei Tage nach dem Holocaust-Gedenktag, hört das Publikum Józef Szajna zu, wenn er Deutsch spricht, eine Sprache, die er im KL Auschwitz, "seiner ersten Lebensuniversität“, gelernt hat: "Mit meiner Kunst zahle ich für mein Leben und meine Freiheit. Während meiner Jugend, die ich in den Lagern Auschwitz und Buchenwald verbrachte, war der Tod allgegenwärtig. Man lebte mit dem Tod, man ging mit dem Tod schlafen, man wusste, dass man vernichtet wird. So etwas bleibt nicht ohne Spuren, fließt in meine Kunst ein. Ich konnte überleben, weil mir andere geholfen haben, die heute zum größten Teil nicht mehr leben. Für mich ist noch nicht die Zeit gekommen, wo nur Rosen blühen, Strauss-Operetten gehen mich noch nichts an“, sagt der Mann, der sich lange Jahre schämte, die Hölle überlebt zu haben. Seine Kunst gleicht einer von Vergänglichkeit, Verwesung und Zerfall gezeichneten Theaterkulisse für die Aufführung "Der Totentanz“ mit verkrüppelten und verkohlten Mannequins, aus deren Köpfen und Mündern Schläuche herausragen, mit Schuhen und anderen Habseligkeiten, die den Kindern, Erwachsenen und Alten vor dem Tod in den Gaskammern abgenommen wurden. Sie stehen für die anonyme nummerierte und vor und nach ihrer Vernichtung recyclete Masse, deren Haare und Fett zu Matratzen und Seife, deren Goldzähne zu Goldbarren verarbeitet wurden: Der seiner Identität beraubte Mensch als Rohstofflieferant im industrialisierten Prozess des Mordens.
Der
Mensch wird zu einer Nummer Der
Zweite Weltkrieg beendete das unbekümmerte Leben des künstlerisch
begabten und Sportbegeisterten phantasievollen Jungen, der in einer behüteten
bürgerlichen Familie in der südostpolnischen Stadt Rzeszów am Rande
des Bieszczady-Gebirges aufwuchs. Was ihm bevorstand, übertraf jede
Phantasie und war ein fünf Jahre anhaltender Albtraum. Mit 17 wurde Józef
Szajna Untergrundkämpfer, betrieb Sabotage gegen die deutschen
Besatzer, flüchtete vor der Gestapo nach Ungarn und wurde auf dem Weg
dorthin 1940 in der Slowakei verhaftet. Nach Aufenthalten in
verschiedenen Gefängnissen "stand ich schließlich im
Angesicht der Welt, die den Namen trug: 'Arbeit macht frei'. Es war das
Konzentrationslager Auschwitz. Hier wurde alles metaphysisch: Gewalt und
Gräueltaten, Heldentum und Aufopferung. Hier zählen nicht die Rassen-
und Klassenunterschiede, politische und religiöse Gesinnungen. Man
erzielt ein Archipel der menschlichen Psychen, wenn der Mensch zu einer
Nummer wird - zu einer nichts bedeutenden Zahl 18729", schreibt er
in einer Broschüre der Stadt Oświęcim. Nach einem
Fluchversuch 1941 wurde er zum Tode verurteilt und in einem fensterlosen
Stehbunker von der Größe 90 x 90 cm gefangen gehalten. Das Todesurteil
wurde jedoch nicht vollstreckt, und Szajna wurde ins KL Buchenwald
verfrachtet. Kurz vor dem Kriegsende, als die Häftlinge in den
Todesmarsch getrieben wurden, konnte er sich durch Flucht retten. Erst
1947 kehrte er nach Krakau zurück, wo er seine "zweite Universität“,
das Studium der Grafik und des Bühnenbildes an der Akademie der Schönen
Künste in Krakau absolvierte. Von Anfang seiner künstlerischen
Karriere an betrachtete er die Kunst als ein Gesamtkunstwerk. Seine
Visionen konnte er auf der Bühne in Form von tableaux vivantes
verwirklichen. Seit Mitte der 1950er Jahre erregte er - zuerst als Bühnenbildner,
dann bis 1966 als Direktor des Teatr Ludowy (Volkstheater) in Nowa Huta
bei Krakau, einer aus dem Boden gestampften sozialistischen Stadt für
die Werktätigen der dortigen Stahlhütte - mit seinen theatralischen
und musealen Inszenierungen, die wir heute Performances nennen würden,
großes Interesse.
Maßstäbliche
Meisterwerke Von
der Kritik wurde Józef Szajna gefeiert und gegängelt, jedoch niemals
gleichgültig aufgenommen. Anfang der 1970er Jahre nahm er eine
Professur an der Akademie der Schönen Künste in Warschau an. Zum
Leiter des Teatr Klasyczny (Klassischen Theaters) im Warschauer
Kulturpalast berufen, änderte er seinen Namen in Teatr Studio und
bescherte ihm eine Blütezeit und ein internationales Renommee. Er war
Dramaturg, Bühnenbildner und Regisseur in einer Person. Vor allem mit
seinen Aufführungen "Replika I", "Replika II" und
"Replika III" sowie mit seinen Inszenierungen, u.a.
"Cervantes" und "Dante", erreichte er großes
Aufsehen und setzte Maßstäbe, die bis heute kaum zu übertreffen sind.
Es waren wortlose oder wortkarge Meisterwerke, die aus bewegten und
bewegenden Bildern bestanden, mit Schauspielern, die wie verkrüppelte
Mannequins aussahen und in einer albtraumhaften Kulisse agierten:
Protagonisten einer Welt unmittelbar vor der Vernichtung oder vom
Untergang nur einen Schritt entfernt.
Reminiszenzen
an die Ermordeten
Die
Würde des Häftlings Puget Das
vergrößerte und vervielfältigte Foto des Häftlings Ludwig Puget, das
Józef Szajna, auch er Auschwitzhäftling und im Lager ebenfalls
heimlich künstlerisch tätig, nach dem Krieg aus dem Archiv des Museums
Auschwitz herausgrub, steht im Zentrum der "Reminiszenzen".
Die klugen und ruhigen Augen des Künstlers und ehemaligen Weltbürgers
Puget blicken unerschrocken und geradeaus an mehreren Stellen der
begehbaren, 100 Quadratmeter großen
Installation. Die gestreifte abgetragene Häftlingsuniform tut der Würde,
die sein edles Gesicht ausstrahlt, keinen Abbruch. Szajna gibt seinem älteren
Künstlerkollegen und vor allem dem Menschen Puget das Individuelle zurück,
holt ihn aus der Anonymität der Millionen von Opfer des
nationalsozialistischen Terrors heraus, die verurteilt waren, als
Nummern gedemütigt, entwürdigt und entmenschlicht zu werden, und als
Nummern, sei es aus Entkräftung, an ansteckenden Krankheiten und Hunger
oder von der Hand der deutschen Herrenmenschen zu sterben. Für den
Auschwitz-Überlebenden Józef Szajna ist der in Auschwitz ermordete
Ludwik Puget eine Metapher, ein Jedermann, dem er sein Gesicht, das heißt
individuelle menschliche Züge, zurückgeben will. "Er ist zu so
etwas wie einem Mahnmal geworden. Hier wird der Mensch des 20.
Jahrhunderts porträtiert. Für mich ist das der Häftling, das Opfer
schlechthin, was übrigens so viel heißt wie: die Nummer, der
uniformierte Mensch. (…) Fatalerweise behalten wir aus der
Zeitgeschichte doch nur die größten Mörder in Erinnerung - Hitler
vergisst man nicht. Wer aber kennt die Opfer? Ich stehe auf der Seite
der Menschen, nicht auf der Seite der Macht und ihrer Repräsentanten;
die Führer dieser Welt gehen mich nichts an", sagte der polnische
Künstler Ingrid Scheurmann, der Mitherausgeberin eines Buchs über ihn.
Die
begehbare Installation „Reminiszenzen“, die das Sammlerehepaar
Johnson aus Essen auf der Biennale von Venedig 1970 erwarb, und die dann
als Leihgabe im Depot des Museums Bochum stand, gehört heute zur
Sammlung der Gedenkstätte Buchenwald.
Hört
da noch jemand? Bitte, seid aktiv! Józef
Szajna ist ein Moralist und ein Mahner, der die Menschen vor den Folgen
des Werteverfalls, des Konsumwahns, des rücksichtslosen Profitstrebens
warnt. Was ihn am meisten besorgt, ist die Allmacht der Werbung und der
Medien, die zu einer globalen Uniformierung der Menschen und zur
Gleichschaltung der öffentlichen Meinung führen. Die auf Profit
ausgerichtete Konsum- und Wegwerfgesellschaft kümmert sich nicht um die
Schwachen, schiebt sie an den Rand, entfernt sie aus ihrem Blickfeld.
Wenn alles zur Ware verkommt, kann alles konsumiert, ausgeschieden und
weggeworfen werden. Die Welt verwandelt sich in einen globalen Müllhaufen,
auf dem die Verlierer ihr Dasein fristen. Um von den drohenden
Konflikten abzulenken, werden die Schwachen gegen noch Schwächere
ausgespielt, rücksichtlose Populisten feiern Triumphe, weil sie genau
wissen, was man den verunsicherten Massen zum Fraß vorwerfen kann: nämlich
einen gemeinsamen Feind, den es mit allen Mitteln zu bekämpfen gilt.
"Hört da noch jemand?", fragt Józef Szajna und seine Frage
bezieht sich nicht nur auf die Erinnerung daran, was im KL Auschwitz im
20. Jahrhundert geschehen war, sondern was heute, morgen und immer
wieder geschehen könnte, wenn wir nicht aufpassen, wenn wir die
Menschen verachten, wenn wir am Hass Gefallen und eine treibende Kraft
finden. "Das Schrecklichste ist der Hass nach dem Hass, der Krieg
nach dem Krieg, die Verachtung nach der Verachtung“, sagt der
polnische Künstler. "Beten und Kerzen anzünden ist zu wenig,
bitte seid aktiv!" Text ©
Urszula Usakowska-Wolff 16.02.2007 Józef
Szajna Empfohlene Lektüre: Józef
Szajna Józef Szajna (1922 - 2008)
Józef
Szajna wurde am 13. März 1922 in Rzeszów (Polen) geboren und starb am
24.Juni 2008 in Warschau. Er gehörte
der polnischen Widerstandsbewegung an, wurde 1940 von der Gestapo
verhaftet und 1941 nach Auschwitz deportiert. Nach einem Fluchtversuch
im Sommer 1943 zum Tode verurteilt, wartete er bis zu seiner Begnadigung
im Oktober 1943 in der Todeszelle auf die Exekution. Im Januar 1944 überstellte
ihn die SS nach Buchenwald, Außenlager Schönebeck, wo er im Junkers
Flugzeug- und Motorenwerk Zwangsarbeit leisten musste. Als die Häftlinge
am 11. April 1945 von der SS auf den Todesmarsch geschickt wurden,
gelang ihm die Flucht. Józef
Szajna studierte an der Akademie der Schönen Künste in Kraków, war
von 1955-1966 als Bühnenbildner, Autor, Regisseur und Intendant am
Teatr Ludowy (Volkstheater) in Nowa Huta tätig, 1971 Direktor des Teatr
Klasyczny (Klassisches Theater) in Warschau, das er zum Teatr Studio (später
Centrum Sztuki) mit Galerie umwandelte, seit 1972 Professor an der
Kunstakademie in Warschau. Aus Protest gegen die Ausrufung des
Kriegsrechts in Polen legte er 1982 seine Professur nieder und gab die
Leitung des Centrum Sztuki ab. Davor und danach zahlreiche Ausstellungen
und Theaterinszenierungen u. a. in Berlin, Osaka, Prag, Warszawa und
Budapest, Teilnahme an den Biennalen in Venedig und Sao Paulo, 2002
Ehrendoktorwürde der Carl-von-Ossietzky-Universität Oldenburg. Józef
Szajna lebt in Warschau. Die letzte Initiative von Józef Szajna war die Errichtung eines Gedenk- und Versöhnungshügels in Oświęcim. |