Häftling - Mensch des 20. Jahrhunderts

Józef Szajna sitzt in einem Sessel mitten im düsteren Saal der baufälligen ehemaligen polnischen Botschaft in Berlin, die seit der Wende auf ihren Abriss und Neubau an der Vorzeigemeile Unter den Linden der Bundeshauptstadt vergeblich wartet, und blickt etwas verlegen auf die Massen, die gekommen sind, um seine Kunst zu sehen. Vierhundert Leute drängen sich im großen, doch für diesen Auftrieb viel zu kleinen Raum, um den Künstler, Dramaturgen, Bühnenbildner und Theaterregisseur, der am 13. März 85 Jahre alt wird, und seine bewegende, von den Erfahrungen des Todes geprägte Kunst in der von der Botschaft der Republik Polen ausgerichteten Ausstellung "Hört da noch jemand? Zur condition humaine nach Auschwitz" zu erleben.

Józef Szajna: "Paniktheater" (Fragment), 1971/72, mix media. Foto © Manfred Wolff

Józef Szajna: "Paniktheater" (Fragment), 1971/72, mix media. Foto © Manfred Wolff

Theaterkulisse für den Totentanz

An diesem 29. Januar, zwei Tage nach dem Holocaust-Gedenktag, hört das Publikum Józef Szajna zu, wenn er Deutsch spricht, eine Sprache, die er im KL Auschwitz, "seiner ersten Lebensuniversität“, gelernt hat: "Mit meiner Kunst zahle ich für mein Leben und meine Freiheit. Während meiner Jugend, die ich in den Lagern Auschwitz und Buchenwald verbrachte, war der Tod allgegenwärtig. Man lebte mit dem Tod, man ging mit dem Tod schlafen, man wusste, dass man vernichtet wird. So etwas bleibt nicht ohne Spuren, fließt in meine Kunst ein. Ich konnte überleben, weil mir andere geholfen haben, die heute zum größten Teil nicht mehr leben. Für mich ist noch nicht die Zeit gekommen, wo nur Rosen blühen, Strauss-Operetten gehen mich noch nichts an“, sagt der Mann, der sich lange Jahre schämte, die Hölle überlebt zu haben. Seine Kunst gleicht einer von Vergänglichkeit, Verwesung und Zerfall gezeichneten Theaterkulisse für die Aufführung "Der Totentanz“ mit verkrüppelten und verkohlten Mannequins, aus deren Köpfen und Mündern Schläuche herausragen, mit Schuhen und anderen Habseligkeiten, die den Kindern, Erwachsenen und Alten vor dem Tod in den Gaskammern abgenommen wurden. Sie stehen für die anonyme nummerierte und vor und nach ihrer Vernichtung recyclete Masse, deren Haare und Fett zu Matratzen und Seife, deren Goldzähne zu Goldbarren verarbeitet wurden: Der seiner Identität beraubte Mensch als Rohstofflieferant im industrialisierten Prozess des Mordens.

Józef Szajna: "Drang nach Osten, Drang nach Westen", 1990, Installation.  Foto © Manfred Wolff

Józef Szajna: "Drang nach Osten, Drang nach Westen", 1990, Installation.  Foto © Manfred Wolff

Der Mensch wird zu einer Nummer

Der Zweite Weltkrieg beendete das unbekümmerte Leben des künstlerisch begabten und Sportbegeisterten phantasievollen Jungen, der in einer behüteten bürgerlichen Familie in der südostpolnischen Stadt Rzeszów am Rande des Bieszczady-Gebirges aufwuchs. Was ihm bevorstand, übertraf jede Phantasie und war ein fünf Jahre anhaltender Albtraum. Mit 17 wurde Józef Szajna Untergrundkämpfer, betrieb Sabotage gegen die deutschen Besatzer, flüchtete vor der Gestapo nach Ungarn und wurde auf dem Weg dorthin 1940 in der Slowakei verhaftet. Nach Aufenthalten in verschiedenen Gefängnissen "stand ich schließlich im Angesicht der Welt, die den Namen trug: 'Arbeit macht frei'. Es war das Konzentrationslager Auschwitz. Hier wurde alles metaphysisch: Gewalt und Gräueltaten, Heldentum und Aufopferung. Hier zählen nicht die Rassen- und Klassenunterschiede, politische und religiöse Gesinnungen. Man erzielt ein Archipel der menschlichen Psychen, wenn der Mensch zu einer Nummer wird - zu einer nichts bedeutenden Zahl 18729", schreibt er in einer Broschüre der Stadt Oświęcim. Nach einem Fluchversuch 1941 wurde er zum Tode verurteilt und in einem fensterlosen Stehbunker von der Größe 90 x 90 cm gefangen gehalten. Das Todesurteil wurde jedoch nicht vollstreckt, und Szajna wurde ins KL Buchenwald verfrachtet. Kurz vor dem Kriegsende, als die Häftlinge in den Todesmarsch getrieben wurden, konnte er sich durch Flucht retten. Erst 1947 kehrte er nach Krakau zurück, wo er seine "zweite Universität“, das Studium der Grafik und des Bühnenbildes an der Akademie der Schönen Künste in Krakau absolvierte. Von Anfang seiner künstlerischen Karriere an betrachtete er die Kunst als ein Gesamtkunstwerk. Seine Visionen konnte er auf der Bühne in Form von tableaux vivantes verwirklichen. Seit Mitte der 1950er Jahre erregte er - zuerst als Bühnenbildner, dann bis 1966 als Direktor des Teatr Ludowy (Volkstheater) in Nowa Huta bei Krakau, einer aus dem Boden gestampften sozialistischen Stadt für die Werktätigen der dortigen Stahlhütte - mit seinen theatralischen und musealen Inszenierungen, die wir heute Performances nennen würden, großes Interesse.

Józef Szajna: "Paniktheater" (Fragment), 1971/72. Foto © Manfred Wolff

Józef Szajna: "Paniktheater" (Fragment), 1971/72. Foto © Manfred Wolff

Józef Szajna: "Paniktheater" (Fragment), 1971/72

Józef Szajna: "Paniktheater" (Fragment), 1971/72

Maßstäbliche Meisterwerke

Von der Kritik wurde Józef Szajna gefeiert und gegängelt, jedoch niemals gleichgültig aufgenommen. Anfang der 1970er Jahre nahm er eine Professur an der Akademie der Schönen Künste in Warschau an. Zum Leiter des Teatr Klasyczny (Klassischen Theaters) im Warschauer Kulturpalast berufen, änderte er seinen Namen in Teatr Studio und bescherte ihm eine Blütezeit und ein internationales Renommee. Er war Dramaturg, Bühnenbildner und Regisseur in einer Person. Vor allem mit seinen Aufführungen "Replika I", "Replika II" und "Replika III" sowie mit seinen Inszenierungen, u.a. "Cervantes" und "Dante", erreichte er großes Aufsehen und setzte Maßstäbe, die bis heute kaum zu übertreffen sind. Es waren wortlose oder wortkarge Meisterwerke, die aus bewegten und bewegenden Bildern bestanden, mit Schauspielern, die wie verkrüppelte Mannequins aussahen und in einer albtraumhaften Kulisse agierten: Protagonisten einer Welt unmittelbar vor der Vernichtung oder vom Untergang nur einen Schritt entfernt.

Józef Szajna: "Silhouetten und Schatten", 1971/72-1997, Installation (Fragment).  Foto © Manfred Wolff

Józef Szajna: "Silhouetten und Schatten", 1971/72-1997, Installation (Fragment).  Foto © Manfred Wolff

Reminiszenzen an die Ermordeten

Spätestens seit Anfang der 1970er Jahre war Józef Szajna ein Kultregisseur und ein international anerkannter Künstler. 1970 zeigte er auf der Biennale von Venedig sein monumentales und erschütterndes Environment "Reminiszenzen", den im KL Auschwitz ermordeten Professoren der Krakauer Kunstakademie gewidmet, unter denen sich Ludwik Puget befand. Puget stammte aus einer französischen Familie, die in der polnischen Adelsrepublik ein neues Zuhause fand und der 1726 das Indigenat verliehen wurde (was die Einbürgerung, Anerkennung der Adelswürde und Aufnahme in den heimischen Adelsstand bedeutete). Der am 21. Juni 1877 in Krakau geborene Baron Ludwik Puget studierte Skulptur und Kunstgeschichte zuerst in seiner Heimatstadt, danach in Paris. Seit 1907 arbeite er mit dem legendären Krakauer Kabarett "Zielony Balonik" zusammen, für das er satirische Texte schrieb, Puppen modellierte und wo er auch als Schauspieler auftrat. Er veröffentlichte Kunstkritiken und publizistische Texte. Von 1918 bis 1925 lebte er in Frankreich, wo er zum Kavalier der Ehrenlegion geschlagen wurde. Nach der Rückkehr nach Polen war er als Kustos des Stadtmuseums in Posen und bis 1939 als Bühnenbildner des Theaters "Cricot" in Krakau tätig. Als Bildhauer, Maler und Zeichner war er vor allem für seine Büsten und Porträts von Künstlern und Schriftstellern, aber auch für seine Tierskulpturen berühmt. Während des Zweiten Weltkriegs arbeitete er als Kellner in einem Krakauer Künstlerrestaurant und war im Untergrund aktiv. Deshalb wurde er verhaftet, ins KL Auschwitz verschleppt und dort am 27. Mai 1942 erschossen. Sein letztes in Auschwitz gemaltes Bild war das Porträt eines Hundes.

Józef Szajna: "Silhouetten und Schatten", 1971/72-1997, Installation (Fragment). Hinten links: Ludwik Puget.  Foto © Manfred Wolff

Józef Szajna: "Silhouetten und Schatten", 1971/72-1997, hinten links: Ludwik Puget.  Foto © Manfred Wolff

Die Würde des Häftlings Puget

Das vergrößerte und vervielfältigte Foto des Häftlings Ludwig Puget, das Józef Szajna, auch er Auschwitzhäftling und im Lager ebenfalls heimlich künstlerisch tätig, nach dem Krieg aus dem Archiv des Museums Auschwitz herausgrub, steht im Zentrum der "Reminiszenzen". Die klugen und ruhigen Augen des Künstlers und ehemaligen Weltbürgers Puget blicken unerschrocken und geradeaus an mehreren Stellen der begehbaren, 100 Quadratmeter  großen Installation. Die gestreifte abgetragene Häftlingsuniform tut der Würde, die sein edles Gesicht ausstrahlt, keinen Abbruch. Szajna gibt seinem älteren Künstlerkollegen und vor allem dem Menschen Puget das Individuelle zurück, holt ihn aus der Anonymität der Millionen von Opfer des nationalsozialistischen Terrors heraus, die verurteilt waren, als Nummern gedemütigt, entwürdigt und entmenschlicht zu werden, und als Nummern, sei es aus Entkräftung, an ansteckenden Krankheiten und Hunger oder von der Hand der deutschen Herrenmenschen zu sterben. Für den Auschwitz-Überlebenden Józef Szajna ist der in Auschwitz ermordete Ludwik Puget eine Metapher, ein Jedermann, dem er sein Gesicht, das heißt individuelle menschliche Züge, zurückgeben will. "Er ist zu so etwas wie einem Mahnmal geworden. Hier wird der Mensch des 20. Jahrhunderts porträtiert. Für mich ist das der Häftling, das Opfer schlechthin, was übrigens so viel heißt wie: die Nummer, der uniformierte Mensch. (…) Fatalerweise behalten wir aus der Zeitgeschichte doch nur die größten Mörder in Erinnerung - Hitler vergisst man nicht. Wer aber kennt die Opfer? Ich stehe auf der Seite der Menschen, nicht auf der Seite der Macht und ihrer Repräsentanten; die Führer dieser Welt gehen mich nichts an", sagte der polnische Künstler Ingrid Scheurmann, der Mitherausgeberin eines Buchs über ihn.

Die begehbare Installation „Reminiszenzen“, die das Sammlerehepaar Johnson aus Essen auf der Biennale von Venedig 1970 erwarb, und die dann als Leihgabe im Depot des Museums Bochum stand, gehört heute zur Sammlung der Gedenkstätte Buchenwald.

Józef Szajna: "Namenlose", 1999, Acryl/Leinwand. Foto © Manfred Wolff

Józef Szajna: "Namenlose", 1999, Acryl/Leinwand. Foto © Manfred Wolff

Józef Szajna: "Namenlose", 1999, Acryl/Leinwand

Józef Szajna: "Spiegelung", 1970, Collage

Hört da noch jemand? Bitte, seid aktiv!

Józef Szajna ist ein Moralist und ein Mahner, der die Menschen vor den Folgen des Werteverfalls, des Konsumwahns, des rücksichtslosen Profitstrebens warnt. Was ihn am meisten besorgt, ist die Allmacht der Werbung und der Medien, die zu einer globalen Uniformierung der Menschen und zur Gleichschaltung der öffentlichen Meinung führen. Die auf Profit ausgerichtete Konsum- und Wegwerfgesellschaft kümmert sich nicht um die Schwachen, schiebt sie an den Rand, entfernt sie aus ihrem Blickfeld. Wenn alles zur Ware verkommt, kann alles konsumiert, ausgeschieden und weggeworfen werden. Die Welt verwandelt sich in einen globalen Müllhaufen, auf dem die Verlierer ihr Dasein fristen. Um von den drohenden Konflikten abzulenken, werden die Schwachen gegen noch Schwächere ausgespielt, rücksichtlose Populisten feiern Triumphe, weil sie genau wissen, was man den verunsicherten Massen zum Fraß vorwerfen kann: nämlich einen gemeinsamen Feind, den es mit allen Mitteln zu bekämpfen gilt. "Hört da noch jemand?", fragt Józef Szajna und seine Frage bezieht sich nicht nur auf die Erinnerung daran, was im KL Auschwitz im 20. Jahrhundert geschehen war, sondern was heute, morgen und immer wieder geschehen könnte, wenn wir nicht aufpassen, wenn wir die Menschen verachten, wenn wir am Hass Gefallen und eine treibende Kraft finden. "Das Schrecklichste ist der Hass nach dem Hass, der Krieg nach dem Krieg, die Verachtung nach der Verachtung“, sagt der polnische Künstler. "Beten und Kerzen anzünden ist zu wenig, bitte seid aktiv!"

Text © Urszula Usakowska-Wolff
Fotos © Manfred Wolff

16.02.2007


Józef Szajna
"Hört da noch jemand?"
Zur condition humaine nach Auschwitz
29.01. - 31.03.2007
Ehemalige polnische Botschaft
Unter den Linden 71-71
10117 Berlin
Dienstag bis Sonntag 11:00 - 18:00 Uhr


Empfohlene Lektüre:

Józef Szajna
Kunst und Theater
Hrg. von Ingrid Scheurmann und Volkhard Knigge
240 S., mit über 170 Abbildungen
Wallstein Verlag Göttingen
2002
ISBN: 3-89244-597-4
Preis 29 €


Józef Szajna (1922 - 2008)

Józef Szajna, 29.01.2007 in Berlin. Foto © Manfred Wolff

Józef Szajna, 29.01.2007 in Berlin. Foto © Manfred Wolff

Józef Szajna wurde am 13. März 1922 in Rzeszów (Polen) geboren und starb am 24.Juni 2008 in Warschau. Er gehörte der polnischen Widerstandsbewegung an, wurde 1940 von der Gestapo verhaftet und 1941 nach Auschwitz deportiert. Nach einem Fluchtversuch im Sommer 1943 zum Tode verurteilt, wartete er bis zu seiner Begnadigung im Oktober 1943 in der Todeszelle auf die Exekution. Im Januar 1944 überstellte ihn die SS nach Buchenwald, Außenlager Schönebeck, wo er im Junkers Flugzeug- und Motorenwerk Zwangsarbeit leisten musste. Als die Häftlinge am 11. April 1945 von der SS auf den Todesmarsch geschickt wurden, gelang ihm die Flucht.

Józef Szajna studierte an der Akademie der Schönen Künste in Kraków, war von 1955-1966 als Bühnenbildner, Autor, Regisseur und Intendant am Teatr Ludowy (Volkstheater) in Nowa Huta tätig, 1971 Direktor des Teatr Klasyczny (Klassisches Theater) in Warschau, das er zum Teatr Studio (später Centrum Sztuki) mit Galerie umwandelte, seit 1972 Professor an der Kunstakademie in Warschau. Aus Protest gegen die Ausrufung des Kriegsrechts in Polen legte er 1982 seine Professur nieder und gab die Leitung des Centrum Sztuki ab. Davor und danach zahlreiche Ausstellungen und Theaterinszenierungen u. a. in Berlin, Osaka, Prag, Warszawa und Budapest, Teilnahme an den Biennalen in Venedig und Sao Paulo, 2002 Ehrendoktorwürde der Carl-von-Ossietzky-Universität Oldenburg. Józef Szajna lebt in Warschau.

Die letzte Initiative von Józef Szajna war die Errichtung eines Gedenk- und Versöhnungshügels in Oświęcim.

Gedenk- und Versöhnungshügel in Oświęcim >>>

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Weiter zum Text über die Ausstellung "Arnold Odermatt - Im Dienst" in der Springer & Winckler Galerie in Berlin, 21.12.06. - 17.03.07