|
Der
polnische Künstler, Dramaturg, Bühnenbildner, Theaterregisseur
und Pädagoge Józef Szajna starb am 24. Juni 2008 im Alter von 86
Jahren in Warschau. |
|||||||||||||||
|
"Beten
und Kerzen anzünden ist zu wenig" Ende Januar 2007 besuchte Józef Szajna Berlin, wo die polnische Botschaft seine Ausstellung "Hört da noch jemand? Zur condition humaine nach Auschwitz" zeigte. Vierhundert Leute drängten sich im großen, doch für diesen Auftrieb viel zu kleinen Saal, um den Künstler und seine bewegende, von den Erfahrungen des Todes geprägte Kunst zu erleben. Das Publikum hörte ihm gebannt zu, als er Deutsch sprach, eine Sprache, die er im KL Auschwitz, seiner ersten Lebensuniversität, gelernt hat: Mit meiner Kunst zahle ich für mein Leben und meine Freiheit. Während meiner Jugend, die ich in den Lagern Auschwitz und Buchenwald verbrachte, war der Tod allgegenwärtig. Man lebte mit dem Tod, man ging mit dem Tod schlafen, man wusste, dass man vernichtet wird. So etwas bleibt nicht ohne Spuren, fließt in meine Kunst ein. Ich konnte überleben, weil mir andere geholfen haben, die heute zum größten Teil nicht mehr leben. Für mich ist noch nicht die Zeit gekommen, wo nur Rosen blühen, Strauß-Operetten gehen mich noch nichts an, sagte der Mann, der sich lange Jahre schämte, die Hölle überlebt zu haben. Seine Kunst gleicht einer von Vergänglichkeit, Verwesung und Zerfall gezeichneten Theaterkulisse für den Totentanz mit verkrüppelten und verkohlten Mannequins, aus deren Köpfen und Mündern Schläuche herausragen, mit Schuhen und anderen Habseligkeiten, die den Kindern, Erwachsenen und Alten vor dem Tod in den Gaskammern abgenommen wurden. Sie stehen für die anonyme nummerierte, vor und nach ihrer Vernichtung recyclete Masse, deren Haare und Fett zu Matratzen und Seife, deren Goldzähne zu Goldbarren verarbeitet wurden: Der seiner Identität beraubte Mensch als Rohstofflieferant im industriellen Prozess des Mordens.
Nichts
bedeutende Zahl Der Zweite Weltkrieg beendete das unbekümmerte Leben des künstlerisch begabten und sportbegeisterten Jungen, der am 13. März 1922 in der südostpolnischen Stadt Rzeszów am Rande des Bieszczady-Gebirges zur Welt kam und in einer behüteten bürgerlichen Familie aufwuchs. Was ihm bevorstand, übertraf jede Phantasie und war ein fünf Jahre anhaltender Albtraum. Mit siebzehn wurde Józef Szajna Untergrundkämpfer, betrieb Sabotage gegen die deutschen Besatzer, flüchtete vor der Gestapo nach Ungarn und wurde auf dem Weg dorthin 1940 in der Slowakei verhaftet. Nach Aufenthalten in verschiedenen Gefängnissen stand ich schließlich im Angesicht der Welt, die den Namen trug: 'Arbeit macht frei'. Es war das Konzentrationslager Auschwitz. Hier wurde alles metaphysisch: Gewalt und Gräueltaten, Heldentum und Aufopferung. Hier zählen nicht die Rassen- und Klassenunterschiede, politische und religiöse Gesinnungen. Man erzielt ein Archipel der menschlichen Psychen, wenn der Mensch zu einer Nummer wird - zu einer nichts bedeutenden Zahl 18729, schrieb er in einer Broschüre der Stadt Oświęcim. Nach einem Fluchversuch im Sommer 1943 wurde er zum Tode verurteilt und in einem fensterlosen Stehbunker von der Größe 90 x 90 cm gefangen gehalten. Das Todesurteil wurde jedoch nicht vollstreckt und im Januar 1944 überstellte ihn die SS nach Buchenwald, ins Außenlager Schönebeck, wo er im Junkers Flugzeug- und Motorenwerk Zwangsarbeit leisten musste. Als die Häftlinge am 11. April 1945 von der SS auf den Todesmarsch geschickt wurden, gelang ihm die Flucht.
Gefeiertes
und gegängeltes Gesamtkunstwerk Erst 1947 kehrte Józef Szajna nach Polen zurück, wo er seine zweite Universität, das Studium der Grafik und des Bühnenbildes an der Akademie der Schönen Künste in Krakau absolvierte. Von Anfang seiner künstlerischen Karriere an betrachtete er die Kunst als ein Gesamtkunstwerk. Seine Visionen konnte er auf der Bühne in Form von tableaux vivantes verwirklichen. Seit Mitte der 1950er Jahre erregte er - zuerst als Bühnenbildner, dann bis 1966 als Direktor des Teatr Ludowy (Volkstheater) in Nowa Huta bei Krakau, einer aus dem Boden gestampften sozialistischen Stadt für die Werktätigen der dortigen Stahlhütte - mit seinen theatralischen und musealen Inszenierungen, die wir heute Performances nennen, großes Interesse. Von der Kritik wurde Józef Szajna gefeiert und gegängelt, jedoch niemals gleichgültig aufgenommen. Anfang der 1970er Jahre nahm er eine Professur an der Akademie der Schönen Künste in Warschau an. Zum Leiter des Teatr Klasyczny (Klassisches Theaters) im Warschauer Kulturpalast berufen, änderte er seinen Namen in Teatr Galeria Studio (später Centrum Sztuki Studio – Kunstzentrum Studio) und bescherte ihm eine Blütezeit und ein internationales Renommee. Er war Dramaturg, Bühnenbildner und Regisseur in einer Person. Vor allem mit seinen Aufführungen "Replika I", "Replika II" und "Replika III" sowie mit seinen Inszenierungen, u.a. "Cervantes" und "Dante" erreichte er großes Aufsehen und setzte Maßstäbe, die bis heute kaum zu übertreffen sind. Es waren wortlose oder wortkarge Meisterwerke, die aus bewegten und bewegenden Bildern bestanden, mit Schauspielern, die wie verkrüppelte Mannequins aussahen und in einer albtraumhaften Kulisse agierten: Protagonisten einer Welt unmittelbar vor der Vernichtung oder vom Untergang nur einen Schritt entfernt. Obwohl Szajna in der Volksrepublik Polen ein angesehener Künstler war, ließ er sich nicht vereinnahmen: so legte er Anfang 1982 aus Protest gegen die Ausrufung des Kriegsrechts seine Professur nieder und gab die Leitung des Centrum Sztuki ab.
Reminiszenzen
der Ermordeten Spätestens seit Anfang der 1970er Jahre war Józef Szajna ein Kultregisseur und ein international anerkannter Künstler. 1970 zeigte er auf der Biennale von Venedig sein monumentales und erschütterndes Environment "Reminiszenzen", den im KL Auschwitz ermordeten Professoren der Krakauer Kunstakademie gewidmet, unter denen sich Ludwik Puget befand. Puget stammte aus einer französischen Familie, die in der polnischen Adelsrepublik ein neues Zuhause fand und der 1726 das Indigenat verliehen wurde, was die Einbürgerung, Anerkennung der Adelswürde und Aufnahme in den heimischen Adelsstand bedeutete. Der am 21. Juni 1877 in Krakau geborene Baron Ludwik Puget studierte Skulptur und Kunstgeschichte zuerst in seiner Heimatstadt, danach in Paris. Seit 1907 arbeite er mit dem legendären Krakauer Kabarett "Zielony Balonik" (Der Grüne Ballon) zusammen, für das er satirische Texte schrieb, Puppen modellierte und wo er auch als Schauspieler auftrat. Er veröffentlichte Kunstkritiken und publizistische Texte. Von 1918 bis 1925 lebte er in Frankreich, wo er zum Kavalier der Ehrenlegion geschlagen wurde. Nach der Rückkehr nach Polen war er als Kustos des Stadtmuseums in Posen und bis 1939 als Bühnenbildner des Theaters Cricot in Krakau tätig. Als Bildhauer, Maler und Zeichner war er vor allem für seine Büsten und Porträts von Künstlern und Schriftstellern, aber auch für seine Tierskulpturen berühmt. Während des Zweiten Weltkriegs arbeitete er als Kellner in einem Krakauer Künstlerrestaurant und war im Untergrund aktiv. Deshalb wurde er verhaftet, ins KL Auschwitz verschleppt und dort am 27. Mai 1942 erschossen. Sein letztes in Auschwitz gemaltes Bild war das Porträt eines Hundes.
Weiterführende Lektüre: Józef Szajna. Kunst und Theater. Hrsg. Von Ingrid Scheurmann und Volkard Knigge. Wallstein Verlag Göttingen. ISBN: 3-89244-597-4. Preis 29 € |