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Taswir
– Das Geheimnis des Bildes Mal ist es ein Seil, an dem entlang der Besucher in chronologischer Ordnung geführt wird, mal das Panorama einer Region, in dem ihm immer wieder neue Merkwürdigkeiten vorgestellt werden, immer aber ist es der Blick aus dem europäischen Haus in eine fremde Welt, die uns in der Regel Ethnologen näher bringen wollen, wenn sie den Orient und die islamische Welt im Museum ausbreiten. Und das Publikum nimmt das alles wahr durch eine Brille, die bis zur Verdunkelung gefärbt ist durch Türkenkriege und Märchen aus tausendundeiner Nacht, Kreuzzüge und Reiseabenteuergeschichten eines Kara Ben Nemsi, Islamisten und Selbstmordattentäter. Der Besucher verlässt solche Ausstellungen verwundert, belehrt, vielleicht nur in seinen Vorurteilen bestätigt, und mit dem unbestimmten Gefühl, eigentlich nichts verstanden zu haben, kein Verständnis gewonnen zu haben. Mit der Ausstellung "Taswir – Islamische Bildwelten und Moderne", die derzeit den Berliner Gropius-Bau bespielt, gehen die Mitglieder der Gruppe "ha’atelier", die sich auch Werkstatt für Philosophie und Kunst nennt, einen anderen Weg. Almut Sh. Bruckstein Çoruh und Hendri Budde öffnen einen Garten, in dem sich alles um das Bild – arabisch Taswir, was auch Täuschung und Illusion bedeutet – und seine Verwirklichung in Kalligraphie, Ornament und Miniatur dreht. Dieses Drehen ist durchaus wörtlich zu nehmen. Der Besucher begibt sich auf einen Rundgang, dessen einzelne Stationen wiederum ihr Thema um- und einkreisen, einen Dialog eröffnen zwischen den kulturhistorischen Exponaten und den Arbeiten zeitgenössischer Künstler aus dem europäischen und dem islamischen Kulturkreis. Es spielt keine Rolle, wo man den Gang durch den Garten beginnt. Sein Anfang ist in jedem Raum greifbar.
Die
Schrift als Spur Der Eingangsraum ist dem Koran gewidmet. Die Kalligraphie als höchste Form der visuellen Künste findet ihre höchste Aufgabe im Schreiben des Korans, des Abbilds des himmlischen Korans, dessen Zeichen Funken des göttlichen Lichts sind. Dem kontrastieren Wolfgang Laibs fünf unbesteigbare Berge aus Haselblütenstaub in lichter schöpferischer Kraft. Picassos Lithografien zu den "Chants des Morts" von Pierre Reverdy zusammen mit andalusischen Koranseiten lassen die Schrift ihren Botschaftscharakter abstreifen und sich in die reine Präsenz der Linie vergeistigen. Ali Buthaynas materialisiert das in seiner Installation "We/Nous/Nahnu". Schrift ist vor allem Spur, die mit der Abwesenheit des Schreibers inspiriert und zur Auseinandersetzung zwingt. Die Sandalen des Propheten bezeugen seine Abwesenheit und Anwesenheit gleichzeitig. Andy Warhol hatte das in seiner Plastik "The Absent Artist" auch aufgegriffen. Kannte er diese islamische Ikonografie? Mona Hatoums Installation "+and-" zeichnet in einer runden Sandfläche konzentrische Kreise, die sich immer wieder auslöschen. Einen weiteren Raum nimmt das Ornament ein. Das Ornament ist nicht allein schmückendes Beiwerk, als das es zu Anfang des 20. Jahrhunderts in Verruf geriet. Es veranschaulicht die Grundstruktur des Kosmos, erklärt in der Sprache der Geometrie und Mathematik.
Sinnenfreude Schließlich
zeigt die Miniaturmalerei aus Persien und dem Mogulreich Indiens die
sinnenfrohe Welt der Menschen, wenn die großen Liebesromane illustriert
werden oder die Reise Mohammeds in die sieben Himmel. Ganz im Gegensatz
zur konsequent das Abbild verbietenden arabischen Tradition wird hier
das Bild des Menschen und sogar des Propheten zum Gegenstand der künstlerischen
Arbeit. Mohammed als vornehmer Mann mit einem Hut portugiesischer
Machart spricht mit seinen Verwandten. Diese Gleichzeitigkeit des
Verschiedenen in der Kunst des 16. Jahrhunderts zeigt die Zeitlosigkeit
des postmodernen Gestus. Die Ausstellung ist ein poetischer Traum,
greift die mystischen Elemente des islamischen Denkens auf und zieht den
Betrachter in den Kreis der Unendlichkeit. Aber sie verliert sich nicht
im Traum. Die Metapher des bunten Lebensbaums kontrastiert mit einer
schwarzweißen Arbeit von Hayv Kahmaran, in der der Lebensbaum zum
Galgenbaum wird, an dem verschleierte Frauen hängen: "Honour
Killings". Text © Manfred
Wolff
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