Dreidimensionaler magischer Realismus

Monsieur Leopold betreibt einen Museumsshop der besonderen Art: im Foyer des MARTa Herford verkauft er vom 16. September bis zum 16. Oktober 2005 bunte Emaille- und glänzende Metalltöpfe in verschiedenen Größen und Formen. Monsieur Leopold ist Kaufmann und stammt aus Kamerun. Seinen kommerziellen Gastauftritt in dem vor einem Vierteljahr eröffneten Museum für Möbel, Kunst und Ambiente in der ostwestfälischen Kreisstadt an der Aa und Werre verdankt er seinem Landsmann, dem Wahlbelgier Pascale Marthine Tayou, einem Künstler, der, wie er selbst sagt "im Paradies lebt, weil er prominent geworden ist.“ Als prominenter belgischer und international gefeierter Künstler fühlt er sich in der Welt zu Hause und kann sich ohne Probleme zwischen Gent, Paris, Berlin, Tokio, New York, Kassel, Venedig und nun auch in Herford bewegen. Dass Monsieur Leopold in Herford eingetroffen ist und dort einen Monat lang als ein Teil der Ausstellung "Rendez-vous“ bleiben kann, war dagegen gar nicht so selbstverständlich. Der Erledigung der Einreise- und Visaformalitäten nahm sich der wissenschaftliche Museumskurator, Dr. Michael Kröger an. Auf diese Weise lernte er das Herforder Ausländeramt und die Einreisebestimmungen für Nicht-EU-Bürger kennen: die reale bürokratische erste Welt drang in die Museumwelt ein, denn dank dem Ausstellungsprojekt „Rendez-vous“ gab sich in Herford die Kunst mit den schwer, aber in diesem Fall erfolgreich bewältigten Problemen des Lebens ein Stelldichein.

Monsieur Leopold iaus Kamerun in MARTa Herford. Foto © Manfred Wolff, 2005

Monsieur Leopold aus Kamerun in MARTa Herford. Foto © Manfred Wolff, 2005

  Poetisches Theater des Alltags

Pascale Marthine Tayou, der ein solches "Rendez-vous“ möglich machte, "weiß nicht, was Kunst bedeutet.“ Das, was er macht, ist "die anthropologische Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit.“ Der einnehmende, sympathische und unprätentiöse Mann mit einem braunen Kopftuch und einem weißen T-Shirt mit der Aufschrift "Ready for 3000“ scheint tatsächlich für ein neues Zeitalter gerüstet zu sein: multimedial und interdisziplinär sind seine raumgreifenden Werke, in denen er verschiedene Materialien und Medien mit Klang, Schrift und Bewegung verbindet. Seine Objekte, Zeichnungen, Fotos, Video-, Licht- und Klanginstallationen bilden ein poetisches Theater des Alltags. "Ich schaffe mentale Skulpturen, die Grundlage meiner Existenz.“ Das, was vor allem in der Arbeitsweise und den Ausdruckformen des 1967 in Yaoundé in Kamerun geborenen Autodidakten Tayou überrascht und begeistert, ist sein absolutes Gespür für den Raum und den Zauber, den darin seine Kunst des Abfalls entfaltet. Er nennt sich selbst "Explorer“ und entdeckt die Schönheit des Weggeworfenen, Kaputten, des auf den Straßen der Welt vagabundierenden Mülls, den diskreten Charme einer globalen Müllhalde. In seinen witzigen, häufig ironischen Objekten, zu denen z.B. riesige Penisse oder wie Nagelfetische anmutenden Skulpturen gehören, macht er sich über die in Bezug auf Afrika bestehenden Klischees lustig. Er schafft es sogar, aus Plastiktüten, den allgegenwärtigen Konsumhüllen, die durch Ventilatoren vor einer wandergreifenden Videoinstallation bewegt werden, sowie aus einem mehlbestäubten Sockenhügel oder kaputten Gürteln magisch-poetische und traumhafte Landschaften zu kreieren. "Ich bin wie eine Plastiktüte“, sagt Pascale Marthine Tayou, "voll und leer zugleich, ... es ist ein Objekt in ständigem Übergang, in Bewegung zu anderen Richtungen... Es ist ein gewöhnlicher Gebrauchartikel, der der ganzen Welt gehört, der Grenzen überschreitet und in seiner Nützlichkeit und Nutzlosigkeit eine universelle Qualität besitzt.“ Andere gewöhnliche Gebrauchsartikel, wie weiße Seidenschals, gruppiert er zu einem weich fließenden "Friedenskreis“, der unschuldig und verletzlich aussieht. Diese Reinheit, "als ob es hier auf Erden nie zuvor eine Schlacht gegeben hätte: dies ist mein Ideal“, sagt Tayou.

Pascale Marthine Tayou: "Import/Export" und "Cercle de Paix", MARTa Herford, 2005. Foto © Manfred Wolff

Pascale Marthine Tayou: "Import/Export" und "Cercle de Paix", MARTa Herford, 2005. Foto © Manfred Wolff

  Menschenfreundlicher Blick

Die Verletzlichkeit der Schönheit, die Schönheit des Hässlichen, das Periphere, also das aus der Sicht des Zentrums an der Rand Gedrängte und Verdrängte sind die Themen, denen Tayou seine Alltagskunst widmet. Er ist zwar ein Künstler mit einem afrikanischen Hintergrund, aber sein Vokabular ist zugleich universal und höchst individuell. Das Individuelle in der globalen Uniformität zu bewahren ist auch eines der Hauptmotive des in Belgien wohnenden Weltbürgers aus Kamerun. Das Sinnbild der globalen obwohl bunten Eintönigkeit ist für ihn die wandfüllende Installation "Wall Street“, die aus vielen Logos international agierender Unternehmen besteht, die nicht nur den Mark in Kamerun beherrschen. Mit einfachsten, um so beeindruckenderen Mitteln zeigt er, dass sich jede(r) von der zur Uniformität verdammten Masse absondern kann: vor zwei in der Ecke stehenden Mehlsäcken ließ er etwas Mehl aufschütteln, so dass das Publikum seine Schuhabdrücke dort hinterlassen kann: vergängliche Spuren des Seins. Auf subtile und erfrischend subversive Weise zeigt er auch die Unterschiede, die die erste von der so genannten dritten Welt trennen: in zwei mehrteiligen Installationen laufen in mehreren Fernsehern und auf zum Teil großformatigen Bildschirmen Werbefilme, die wir aus westlichen Kaufhäusern und anderen Konsumparks kennen, denen die Spontaneität, das Chaos und das bunte Treiben der afrikanischen Märkte entgegengesetzt werden. Der westliche perfekt flimmernde Schein, der zum Konsum verführen soll, erscheint künstlich und exotisch, die Exotik des direkten afrikanischen Handels natürlich. Es ist ein Handel mit menschlichem Antlitz, auch wenn die Straßenverkäufer wandelnden Kleiderständern gleichen. Der anthropologische Blick des Pascale Marthine Tayou ist ein menschenfreundlicher Blick: man merkt, dass er die Menschen respektiert, die er abbildet und filmt. Er hat Respekt vor dem Unspektakulären, vor der Vielfalt des Alltäglichen, vor der Kunst des Lebens und der Lebensfreude, die allen Widrigkeiten trotzen. Unter diesem Aspekt ist die Affinität des Wahlbelgiers Tayou zu dem aus Belgien stammenden und in Mexiko City lebenden Francis Alÿs, der u.a. fliegenden Händlern ein Denkmal setzt und aus dem Abfall kleine Juwelen zaubert, nicht zu übersehen.

Pascale Marthine Tayou: "White Light (Cocaïne)", MARTa Herford, 2005. Foto © Manfred Wolff

Pascale Marthine Tayou: "White Light (Cocaïne)", MARTa Herford, 2005. Foto © Manfred Wolff

  Raumgreifende Kommunikation

Auch wenn das auf den ersten Blick nicht ersichtlich ist, stellt Tayou den allgemein akzeptierten Lauf der Dinge in Frage und kehrt den Warenfluss um. Die nach Kamerun aus dem Westen importierten Waren: Töpfe, uralte Autos, die afrikanische Straßen bevölkern, den Verpackungs- und Haushaltsmüll, exportiert er an ihren Ursprungsort, den Westen und ordnet sie in den geschwungenen asymmetrischen Räumen des Herforder Gehry-Baus zu einer scheinbar chaotischen, jedoch streng durchdachten multimedialen Konstruktion an. Die Waren, oder was von ihnen übrig geblieben ist, zirkulieren um die Welt herum und kennen keine Grenzen im Gegensatz zu den Konsumenten, vor allem, wenn sie in Ländern leben, die nicht der ersten Welt zugerechnet werden. Die Warenwelt ist die wahre Welt, zeigt Tayou in seinen mentalen Skulpturen, ohne zu moralisieren und zu belehren. Mit seinem anthropologischen Blick legt er die Probleme offen, ohne den Anspruch auf eine Lösung zu erheben. Das "Rendez-vous“ mit Tayou im MARTa Herford, die erste Einzelausstellung in diesem Haus nach seiner Eröffnung im Mai, ist ein Glücksfall für das jüngste deutsche Museum. Es ist eine Kunst im Raum, wie sie gelungener nicht sein könnte. Die sparsam in den monumentalen und für konventionelle Kunstwerke eher ungeeigneten Sälen platzierten Arbeiten entfalten ihre volle Kraft, atmen, kommen zur Geltung. Sie sind ein optisches und akustisches Gesamtkunstwerk, das die Fantasie beflügelt und zum Nachdenken anregt: eine poetische und flüchtige Symphonie des Alltags, die zum langen Verweilen einlädt. "Rendez-vous“ ist die Begegnung mit einem dreidimensionalen magischen Realismus. "Es ist die wichtigste Ausstellung meines Lebens“, bekennt Tayou. "Vielleicht werde ich dadurch ein Künstler.“ Was er schon meisterhaft beherrscht, ist die Kunst der raumgreifenden Kommunikation.

Text © Urszula Usakowska-Wolff

Fotos © Manfred Wolff

30.09.2005


Pascale Marthine Tayou
Rendez-vous
16.09. - 16.10.2005
MARTa Herford

Pascale Marthine Tayou, MARTa Herford, 1.09. 2005. Foto © Manfred Wolff

Pascale Marthine Tayou, MARTa Herford, 1.09. 2005. Foto © Manfred Wolff


Katalog
Pascale Marthine Tayou
22x28 cm, 160 Seiten.
Softcover, Deutsch / Englisch / Flämisch.
Koproduktion S.M.A.K. - MARTa Herford, 2004.
Mit einer Einleitung von Jan Hoet und Peter Doroshenko
sowie Texten von Michael Kröger und Susan Snotgrass.
ISBN 90-7567-916-5
Preis: 32,00 €


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