Mit Schreibmaschine, Säge und Schablone

Jung, begabt, gut aussehend, erfolgreich und das gleich doppelt: Die 1973 im rumänischen Braşov (Kronstadt) geborenen Zwillinge Gert und Uwe Tobias sind auf dem besten Weg, in die oberste Kunstliga aufzusteigen. Die Siebenbürger Sachsen kamen zwölfjährig mit ihren Eltern als Spätaussiedler nach Rüsselsheim, studierten an der Kunsthochschule in Braunschweig beim einstigen "Neuen Wilden" und jetzigen Prof. Walter Dahn und leben nun in Köln, wo sie in einem gemeinsamen Atelier arbeiten. Es scheint, dass das Jahr 2007 einen vorläufigen Höhepunkt in der Karriere der 34-jährigen Brüder bedeutet. Sie wurden mit zwei wichtigen Preisen: dem mit 10.000 € dotierten Cologne-Fine-Art-Preis für ihr Engagement um die Druckgrafik und dem mit 25.000 € dotierter HAP-Grieshaber-Preis des Kunstfonds als Erneuerer des Holzschnitts ausgezeichnet. Sie nahmen an der viel beachteten Gruppenschau "Made in Germany" in Hannover teil. Als Sarah Suzuki, Kuratorin des renommierten Museum of Modern Art (MoMa) in New York, den Tobias-Bildern auf der Art Basel begegnete, war sie auf Anhieb begeistert, kaufte drei Arbeiten für die Museumssammlung an und lud die Zwillinge zu einer Einzelausstellung im MoMa ein. Dort lief sie als "Projekts 86" bis Ende Februar 2008. Ein kleiner Ausschnitt aus dem brüderlichen Werk war Anfang des Jahres auch im Projektraum des Deutschen Künstlerbundes in der Bundeshauptstadt zu sehen.

Uwe & Gert Tobias mit Urszula Usakowska-Wolff, Deutscher Künstlerbund Berlin, 7.12.2007.  Foto © Dominique Ecken

Uwe & Gert Tobias mit Urszula Usakowska-Wolff, Deutscher Künstlerbund Berlin, 7.12.2007
 Foto © Dominique Ecken

  Kunst gegen Klischees

Nichts ist erfolgreicher als der Erfolg: Zur Ausstellungseröffnung von Gert & Uwe Tobias in Berlin war Kaspar König, Direktor des Ludwig-Museums in Köln, angereist, um eine Einführungsrede zu halten. Unter den zahlreichen Gästen der Vernissage konnte man viele Prominente sichten, darunter Klaus Staeck, Präsident der Akademie der Künste. Doch die unmittelbar vor der Eröffnung der Berliner Schau aus New York eingeflogenen Zwillinge, wo sie mit wohlwollenden Kritiken überschüttet wurden, scheinen den Ruhm und Rummel mit Fassung zu ertragen. Sie drängen sich den Medien und der Prominenz nicht auf und machen den Eindruck, als ob ihnen so viel Aufmerksamkeit etwas unheimlich wäre. Dabei ist das Unheimliche ihr vordergründiges künstlerisches Anliegen. In ihren großformatigen Holzschnitten, die eher eigenartige Monotypien sind, und ihren meistens kleinformatigen Schreibmaschinenarbeiten setzen sich die Brüder, die ihre Kindheit in Siebenbürgen verbrachten, durch Bram Stokers Horrorroman "Dracula" (1897) und dessen zahlreiche Verfilmungen im Westen besser als Transsilvanien bekannt, mit den Klischees vom blutsaugenden Adligen auseinander. Die Beschäftigung mit dem bekanntesten transsilvanischen Vampir aus der Feder eines irischen Schriftstellers, der nie in Transsilvanien war, brachte den Zwillingen sogar die zweifelhafte Bezeichnung "Draculas Drucker": Ruhm kann manchmal auch etwas bitter schmecken. Dabei weist bereits der Titel ihrer ersten Einzelausstellung "Come and see before the tourists will do. The mystery of Transylvania" in der sie vertretenden Kölner Galerie Michael Janssen (2004) darauf hin, dass sie sich über den im Westen weitverbreiteten Mythos mokieren, an dem Rumänien seit den 1970er Jahren weiterstrickt, um Touristen ins Land zu locken.

  Sehnsucht nach den Wurzeln

Nun lockt die nicht von allen verstandene Entmystifizierung Transsilvaniens und ihres immerwährenden, zum Helden der Popkultur gewordenen Exportschlagers Dracula das Publikum in die Ausstellungssäle: ab dem 5. März 2008 in das Kunstmuseum Bonn, wo über hundert Arbeiten der Tobias-Brüder präsentiert werden. Denn das vom "wahren“, also volkstümlichen Siebenbürgen inspirierte Werk der Zwillinge, die ihre Kindheit in einer multikulturellen Gegend unter Deutschen, Ungarn, Rumänen und Romas verbrachten, verdient es, gezeigt, gesehen und beschrieben zu werden. Sie wuchsen in Criştin (Neustadt), einer ländlichen mittelalterlichen Kleinstadt am Rand der Karpaten auf, sieben Kilometer von der siebenbürgischen Hauptstadt Braşov (Kronstadt) entfernt. Im çeauşescu-Rumänien ließ man den nationalen Minderheiten einigen Spielraum: Sie hatten ihre eigenen Schulen, durften ihre Sprache sprechen, ihre Bräuche pflegen und genossen eine gewisse Freiheit, solange sie das Regime nicht allzu offen in Frage stellten. "Wir hatten eine behütete schöne Kindheit, viel Natur. Wir waren drei Generationen auf einem Bauernhof, also von der Oma bis zum Cousin. Die Situation in Siebenbürgen oder in Rumänien war für uns Kinder eben eine andere als für die Erwachsenen. Wir haben von diesem ganzen kommunistischen System nicht so viel mitbekommen und durften eben auch eine deutsche Schule besuchen“, sagte Uwe Tobias in einem Interview (Deutschlandradio Kultur, 5.12.2007). Sie lebten also in einer von Widersprüchen gekennzeichneten Gesellschaft: mental und familiär waren sie noch dem bäuerlichen Brauchtum verhaftet und vom volkstümlichen Kunsthandwerk umgeben, doch ihre erwachsenen Verwandten arbeiteten als mehr oder weniger spezialisierte Landwirtschaftsarbeiter in den verstaatlichten Gütern. Die bäuerliche Welt, mit ihren von Generation zu Generation tradierten Bräuchen und dem Kunsthandwerk, war, wie überall auf der Welt, dem Untergang geweiht. Sie fiel - in den ehemaligen sozialistischen Ländern etwas später als in Westeuropa - den Modernisierungsprozessen, also der Mechanisierung, Automatisierung und Gewinnmaximierung zum Opfer. Der Massenexodus der Rumäniendeutschen nach Deutschland, wo ihre Kinder es besser haben sollten, tat sein übriges. Ihre Vergangenheit und Geschichte ist in zahlreichen Heimatmuseen zu sehen, die sie bestenfalls als Touristen besuchen. Je mehr der Untergang einer Kultur, vor allem der Volkskunst, fortschreitet, desto größer ist der Bedarf an ihren "authentischen“ Erzeugnissen. Die Folge: Ethnokitsch, nicht selten in China in Massenproduktion gefertigt, als "echte“ Volkskunst gepriesen und von den Touristen gern gekauft, überschwemmt die Welt. Die Sehnsucht nach den Wurzeln, die durch die technische Entwicklung zerstört wurden, treibt seltsame Blüten.

  Verklärte Folklore

Sarah Suzuki, Kuratorin der Ausstellung von Gert & Uwe Tobias im New Yorker MoMa ist der Meinung, dass die beiden Künstler eine vielschichtige Interpretation multikultureller Identität darstellen. Das ist eine mögliche Deutung ihrer Kunst, die sich aus der Vergangenheit einer peripheren europäischen Region speist, in der mehrere Kulturen und Religionen nebeneinander bestanden, sich entwickelten, häufig auch beeinflussten oder bekämpften. Griechisch-orthodoxe Rumänen, katholische Zigeuner und Ungarn, evangelische Deutsche, ferner Slawen, Türken und Juden haben dort ihre Spuren hinterlassen. Das schlug sich alles in der Volkskunst und im Brauchtum nieder, deren Grundlagen, also Erzeuger und Hüter, heute weggefallen sind. Es scheint, dass die Tobias-Brüder vielmehr an einem umfangreichen "Heimatmuseum“ (so der Titel ihrer auf der Art Basel 2007 gezeigten raumgreifenden Installation) arbeiten, das den Untergang der sich in Volkskunst und Brauchtum widerspiegelnden Welt sichtbar machen soll. Diese Welt ist zwar nicht mehr vorhanden, lebt jedoch als verklärte und stilisierte Folklore weiter, mit Mythen, Motiven und Helden der Popkultur durchsetzt, so dass sie selbst zu einem wichtigen Bestandteil der Popkultur wird. Bei der Darstellung dieser untergegangen Welt, deren Bräuche und Artefakte sie aus ihrer Kindheit in Siebenbürgen kennen, bewahren sie sich den kindlich-naiven und unverstellten Blick, mit dem sie ihre heutige Welt sehen. Die Welt der Kindheit, die sie in Form von stark abstrahierten mondgesichtigen Figuren darstellen, wie wir sie aus Kinderzeichnungen kennen, ist eine Welt von einerseits vertrauten, andererseits angsteinflößenden Mysterien. Die Protagonisten ihrer großformatigen Papierarbeiten erinnern an die (in Rumänien colindari genannten) Weihnachtssinger, die mit einem Stern, verkleidet und maskiert von Haus zu Haus ziehend, mit Süßigkeiten und Geld belohnt wurden. Obwohl die Masken von den Tobias-Brüdern sehr spärlich angedeutet werden, meint man auf ihren Bildern Figuren zu erkennen, die eher dem katholischen Brauchtum entspringen. Dazu gehören u.a. der Klapperbock, der Teufel, der Soldat und der angebliche Kindermörder Herodes. Selbstverständlich zieht der Tod auch immer mit, denn er ist ein Teil dieses vorwiegend von Kindern aufgeführten Spektakels. Wir brauchen also keine Angst zu haben, denn es ist alles ein Spiel. Die aus der Zeit, als es noch kein Fernsehen geschweige denn elektronische Medien gab, stammenden Bräuche gehören dazu genauso wie der unsterbliche Medienheld Dracula, der eine mehr oder weniger gelungene Kunstfigur ist: ein Papier- und Leinwandmonster, ein Produkt der Unterhaltungsindustrie. Das Unheimliche, das uns schaudern lässt, ist ein Werk der Kultur, und entspringt - wie Tod und Angst vor dem Unbekannten und Unerklärlichen - dem "wahren“ Leben.

  Antiquierte Medien und inszenierte Räume

Die Kunstwerke der Tobias-Brüder sind auf Gegensätzen aufgebaut. Wenn sich das Imaginäre aus dem Realen speist, so gibt es auch kein Licht ohne Dunkelheit, das Düstere schließt das Heitere nicht aus, das Morbide wirkt lebendig, das Einfache ist raffiniert, und das, was so naiv erscheint, ist in Wirklichkeit sehr professionell konzipiert und ausgeführt. Die auf den ersten Blick wie Kinder- oder Art-Brut-Arbeiten anmutenden Bilder der Zwillinge, die als Team agieren, sind das Ergebnis eines komplizierten und komplexen Prozesses. Zwar werden die Motive ihrer Kunst gescannt und am PC auf die entsprechende Größe gebracht, doch bei der Fertigstellung bedienen sie sich Medien, die als antiquiert gelten. Bereits in ihrer Studienzeit haben sie eine Säge entwickelt, mit deren Hilfe sie Holzschablonen ausschneiden, die dann mit Farbe getränkt, "unter Einsatz des ganzen Körpers", wie Uwe Tobias sagt, auf einzelne, gleich große Papierrechtecke gedruckt werden. Sie fügen sich dann zu einem großen Ganzen zusammen, das wie ein Papiermosaik aussieht. Zwar werden ihre Bilder (von denen sie jeweils nur zwei Stück fertigen) als Holzschnitte bezeichnet, doch sie scheinen, weil ohne eine Druckpresse entstanden, eher mit Monotypien verwandt zu sein. Ein anderes Medium, das die beiden bevorzugen, ist die Schreibmaschine. Sie dient ihnen dazu, figürlich-zeichnerische Arbeiten zu schaffen, der konkreten Poesie nicht unähnlich. Weil die Schreibmaschine aus dem Gebrauch gekommen ist, verbringen sie viel Zeit auf Flohmärkten, um nach Ersatzteilen und Schreibbänder zu stöbern. Bei dieser Gelegenheit finden sie auch mehr oder weniger kuriose Gegenstände, Vasen, Lampen und Nippes, die sie zu räumlichen Kunstwerken, darunter auch Möbel, verarbeiten, mit denen sie ihr neues "Heimatmuseum" ausstatten. Ihre Ausstellungen sind keine bloßen Präsentationen von flachen oder dreidimensionalen Arbeiten. Sie inszenieren Räume wie Kulissen, indem sie Wände, farblich zur Kunst passend oder passend kontrastierend, wie neulich in New York, bemalen. Wenn sich dieser Trend auch außerhalb der Museen durchsetzt, wird es nicht nur das zu jedem Sofa passende Bild, sondern auch die dazu passende Wandfarbe geben. Aber auch auf weißen Wänden und in einem kleinen, engen, von einer Fensterfront und Bücherregalen dominiertem Raum, wie im  Deutschen Künstlerbund in Berlin, wo sie bis zum 26. Februar 2008 ausstellten, kam eine kleine Kunstauswahl der Tobias-Brüder zur Geltung.

Uwe & Gert Tobias: Ohne Titel (v.l.), farbiger Holzschnitt auf Papier, 2006, 200 x 170 cm. In der Mitte: Ohne Titel, 2007, Holz bemalt, 80 x 80 x 180 cm, Ed. 1/3. Deutscher Künstlerbund Berlin. Foto © Urszula Usakowska-Wolff

Uwe & Gert Tobias: Ohne Titel (v.l.), farbiger Holzschnitt auf Papier, 2006, 200 x 170 cm
In der Mitte: Ohne Titel, 2007, Holz bemalt, 80 x 80 x 180 cm, Ed. 1/3. Deutscher Künstlerbund Berlin
Foto © Urszula Usakowska-Wolff

  Von der Wiederholungstat befreit

Ihre großformatigen Papierarbeiten bezeichnen die Zwillinge als Puzzle. Und tatsächlich puzzeln und samplen sie Motive der Volkskunst, also Teile, die an Stickereien und Wandteppiche, Weihnachts- oder Faschingsmasken erinnern, mit Zitaten aus der Kunstgeschichte, mit Buchstaben und Symbolen zusammen. Häufig lassen ihre Figuren an die idealisierten (eher ironischen) Bauernbilder denken, die Kasimir Malewitsch Ende der 1920er und Anfang der 1930er Jahre malte (also zu einer Zeit, wo es in der Sowjetunion keine traditionellen Bauern mehr gab), denn sowohl ihre Farbigkeit als auch ihre auf geometrische Formen reduzierte Erscheinung sind ähnlich. Es gibt auch Anspielungen an die Zielscheiben von Jasper Johns, an die Totenschädel von Andy Warhol, die Zyklopenaugen von Odilon Redon oder die eigenartigen Kompositionen und Porträts des Amerikaners George Condo. Das gemeinsame Werk der Tobias-Brüder ist vielschichtig und speist sich aus vielen Quellen der Moderne, der Popart und der Postmoderne. Deshalb ist es auf der Höhe der Zeit. Die Gebildeten erfreuen sich daran, weil sie meinen, die kunstgeschichtlichen Anspielungen zu verstehen. Die wenig oder gar nicht Kunstbewandten mögen die Figuren, weil sie naiv und ursprünglich wirken. Das Unheimliche ist ja so gekonnt patiniert und strahlt eine wohltuende Harmonie aus. Die "Dracula-Drucker“ sind in Wirklichkeit Vampirjäger. Ihren von der Wiederholungstat befreiten blutsaugenden Opfern verhelfen sie zu einem blutleeren und farbenfrohen Fortleben. Als Papier- und Kunsthelden. Mit dem Rücken zur passenden Wand.

Text © Urszula Usakowska-Wolff

29.12.2007


Gert und Uwe Tobias
5.03. - 12.05.2008
Kunstmuseum Bonn


Gert & Uwe Tobias - Galerie Michael Janssen Köln/Bonn >>>

Gert & Uwe Tobias - Galerie Rodolphe Janssen Brüssel >>>


zu den Kunstnews

Weiter zum Text über die Ausstellung "Emilio Vedova 1919 - 2006" in der Berlinischen Galerie, 25.01. - 20.04.2008