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Beziehungsmöbel
im Lebens-Raum "V + W – Design_Matrix" ist kein Modell des Autokonzerns aus Wolfsburg. Es ist der Titel einer Ausstellung im MARTa Herford, in der gegenwärtig gewohnt, gearbeitet, gekocht und gespielt wird. Für die Dauer von sechs Wochen verwandelt sich das von Frank O. Gehry aus dem kalifornischen Santa Monica entworfene Museum für Möbel, Kunst und Ambiente in der ostwestfälischen Kreisstadt, das Anfang Mai seinen ersten Geburtstag feiert, in eine Heim- und Produktionsstätte des Berliner Designerduo Oliver Vogt (39) und Hermann Weizenegger (42). "Das ist unglaublich, ein absoluter Höhepunkt. Ich fühle mich hier sehr zu Hause", sagt Vogt. "Was wir hier in zwei Jahren geschaffen haben, das hätten wir in Berlin in zehn Jahren nicht geschafft", fügt Weizenegger hinzu. Und Jan Hoet, MARTas künstlerischer Leiter, erklärt: "Dieses Projekt ist eine phantastische Konfrontation mit allem Vorurteilen in Herford. Es ist unsere Antwort auf die Frage: 'Wo bleiben die Herforder?' Und nun partizipiert ganz Herford an MARTa. Das ist ein perfekter Spiegel dessen, was wir machen wollen."
Impulse
für die Region Die ungewöhnliche Ausstellung, eine Mischung aus Hight Tech, Manufaktur und Wohnkultur, in der man den Entstehungsprozess eines Produkts von Anfang an verfolgen, den Designern bei der Arbeit zuschauen und mit ihnen sogar zusammen kochen, essen und diskutieren kann, wurde bis jetzt von über 3.000 Menschen besucht. "Wir haben keine Erwartungen an das Publikum, sondern wollen das Publikum, die Museumskollegen und die Designwelt überraschen", betont Jan Hoet und weist darauf hin, dass das vor zwei Jahren konzipierte und in den letzten sechs Monaten immer wieder veränderte Projekt von Vogt und Weizenegger für MARTa Herford, sozusagen ein Werk im fortwährenden Prozess, aus den Überlegungen entstanden ist, wie das Museum "Impulse in die Region bringen kann? " Das Projekt, dessen Entstehung und vorläufige Ergebnisse zurzeit im MARTa besichtigt und unmittelbar erfahren werden können, ist ein gemeinsames Werk der beiden Designer, die es in Zusammenarbeit mit der regionalen Wirtschaft, mit Fertighaus-, Küchenbau, Textil- und sogar einem Autoproduzenten verwirklicht haben. "Wir haben den Unternehmen den Ball zugespielt", sagt Vogt. "Und die Unternehmen haben etwas gewagt, was sie sonst nicht gewagt hätten", ergänzt Hoet. Unter den spektakulärsten "Wagnissen" befinden sich der 120.000 € teure Prototyp eines Wagens des Autoherstellers Wiesmann aus Dülmen in Westfallen, der in seiner "Manufaktur der Individualisten" so genannte Roadster, also Sportwagen, auf Bestellung der Kunden in Handarbeit und Luxusausstattung fertigt, ferner raumgreifende Erzeugnisse von zwei renommierten Herforder Firmen: das 200 Quadratmeter große Niedrigenergiehaus aus Holz, das manufactum GmbH im "Dom", der größten Museumshalle gebaut hatte, in dem eine weiße, runde und bewegliche Küche von Poggenpohl steht: mit einer Tonne Gewicht vielleicht die schwerste Küche der Welt. Auffallend ist auch der Outfit des MARTa Personals und der Mitarbeiter des Museums, die alle, mit Ausnahme seines künstlerischen Leiters Jan Hoet, von Vogt und Weizenegger entworfene und vom Bekleidungsunternehmen Brax genähte Overalls in sanftem beige und popigen Magenta und auf ihren Füßen dazu passende Nike-Schuhe tragen. Diese Kleidungsstücke können im Museumsshop auch vom Publikum erworben werden: Wenn es reichlich davon Gebrauch macht, kann man sich eine Situation vorstellen, in der man die Besucher vom Museumspersonal nicht mehr unterscheiden kann. Das wäre wirklich eine überraschende Übereinstimmung zwischen dem Design und dem Sein.
Das
Einfache ist kompliziert "V
+ W – Design_Matrix. Ein Projekt von Vogt + Weizenegger für MARTa
Herford" ist in fünf Bereiche ("Die Fabrik der Zukunft",
"Der Lebens-Raum", "Der Raum der Erinnerung",
"Der Index-Raum" und "Der Raum der Imagination")
gegliedert, in denen die Zukunft auf die Gegenwart und die Gegenwart auf
die Vergangenheit trifft. Das hört sich gut an und sieht
dementsprechend aus, obwohl die Ausstattung und Belichtung der Räume
manchmal etwas unterkühlt und wenig haptisch anmutet: halt wie in einer
PC-gesteuerten virtuellen Fabrik, die heute schon keine Zukunft mehr
ist. Es ist ein im Museum sichtbar gemachter wirtschaftlicher Kreislauf,
in dessen Mittelpunkt der kreative Ideengeber, also der Designer und der
risikofreudige Produzent, und an seinem Ende - also im Museumsshop - der
kauffreudige Konsument steht. In diesem Wirtschaftskreislauf, den die
beiden als "postkapitalistische Avantgarde" verschrieenen
Berliner und ihr Team nun in Herford präsentieren, ist für jeden etwas
da: Je nach seinen Bedürfnissen, geschweige denn seinen Möglichkeiten.
Die einen werden sich freuen, wenn sie einen von V + W individuell
gestalteten Roadster mit ausgefallener Karosserie und exquisitem
Sitzkomfort erwerben können. Die anderen werden sich für die
"Beziehungsmöbel", also wandelbare Sitz- und Schlafsofas
entscheiden, auf denen man in allen Lagen eine Beziehung eingehen und
pflegen kann. Es wird sicherlich nicht an solchen fehlen, die sich für
die Poggenpohl-Küche begeistern werden: eine runde Angelegenheit, die
man dank kundenfreundlicher Technik in einen Tisch, eine Bar oder beides
zusammen verwandeln kann. Sie ist der sprichwörtliche und wirkliche
Herd, also Wohn-, Aufenthalts- und Kommunikationsmittelpunkt eines
Hauses, vorausgesetzt, dass ein solcher "Lebens-Raum" über
die richtige Größe verfügt. Weil in die kleinste Küche jedoch
Trockentücher und Schürzen gehören, werden sie im "Raum der
Imagination" nach Entwürfen der Berliner Designer ganz real vor
dem Augen des Publikums von den Mitarbeiterinnen der Bodenschwingschen
Anstalten Bethel, einer Behinderteneinrichtung in Bielefeld, auf über
hundert Jahre alten Webstühlen gewebt. An diesem Beispiel zeigen Vogt +
Weizenegger, die die Entfremdung des Endverbrauchers vom anonymen
weitgehend globalisierten Produktionsprozess beklagen: Hier steht ein
konkreter Mensch vor und hinter seinem Handwerk. Wer die Gegenwart mit
der Vergangenheit spielerisch erfahren und sogar selbst mitmischen möchte,
hat im "Raum der Erinnerung" viel Platz dazu. Dort steht ein
Billardtisch, von dem aus man die Vergangenheit der Designer, die sie in
ihren Videofilmen aus den Jahren 1992 - 2005 dokumentierten, auf die
Wand werfen kann. Das minuziös geplante Spiel ist einfacher als seine
Erklärung: Die Zusammenstöße der Kugel und ihre unterschiedlichen
Funktionen lösen zufällige Filmsequenzen aus, die sich überlagern,
nebeneinander stehen oder ineinander gehen. Sein und Design haben vieles
gemein: Was einfach und zufällig erscheint, ist in Wirklichkeit das
Ergebnis eines komplizierten und wohl kalkulierten Prozesses. Text © Urszula Usakowska-Wolff Fotos
© Manfred Wolff 3.04.2006 V
+ W – Design_Matrix Katalog Webseite von Vogt + Weizenegger >>>
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