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VOM
MOHNFELD ZUM MOHNRAUSCH "Diese Stadt ist echt, und echte Städte die sind selten," hatte Ringelnatz über die Hansestadt Bremen gedichtet und dabei sicher die hanseatische Solidität im Blick gehabt. Wenn man in diesen Tagen in die Hansestadt kommt, scheint sie sich in einem Rausch zu befinden. Nicht der traditionelle Ausnahmezustand Freimarkt hat die Stadt im Griff. Auf Schritt und Tritt begegnet man nur einem Namen: Vincent van Gogh. Im Bahnhof ist er ebenso zur Begrüßung präsent wie in den Schaufenstern der Geschäfte in der Fußgängerzone, Karstadt hat den Niederländer adoptiert, wenngleich auch nur mit einer Ausstellung von Kopien seiner Werke, sogar die Straßenbahn fährt mit einem Van-Gogh-Zug durch die Stadt, und dass der Roland vor dem Rathaus noch beide Ohren hat, verwundert schon fast. Eine durchaus unbremische Aufregung hat die Stadt erfasst. So feiern die Bremer ihre Van-Gogh-Ausstellung in ihrer Kunsthalle.
Streitfeld der Ankaufspolitik "Van
Gogh: Felder. Das Mohnfeld und der Künstlerstreit" ist der Titel
der Ausstellung, die die Kunsthalle Bremen vom 19. Oktober 2002 bis 26.
Januar 2003 zeigt. Mit der Präsentation von 50 Gemälden und
Zeichnungen van Goghs, die ausgehend vom "Mohnfeld" um das
Feldmotiv kreisen, ist der Kunsthalle eine Ausstellungssensation
gelungen, die ihren Ausgang von einer Affäre um eben dieses
"Mohnfeld" genommen hat, als sich in Bremen Widerstand gegen
den Ankauf dieses Bildes eines "ausländischen Irrsinnigen"
regte. So entwickelten Kunsthallendirektor Wulf Herzogenrath und die
Kustodin der Ausstellung Dorothee Hansen eine Dramaturgie, die die
Besucher mit dem Spätwerk van Goghs bekannt macht, um sie dann mit den
Werken der Kritiker zu konfrontieren und schließlich minutiös die
kritisierte Ankaufpolitik deutscher Kunsthallen und Museen
nachvollziehen zu lassen. Ringen um neue Formen Trotz
der zeitlichen Nähe zum im März 2003 anstehenden 150. Geburtstag
des Künstlers haben die Bremer darauf verzichtet, die präsentierten
Bilder im biographischen Zusammenhang zu interpretieren. Vielmehr werden
Arbeiten aus den drei letzten Lebensjahren unter dem Aspekt des künstlerischen
Ringens um neue Ausdrucksformen dargeboten. Neben den Ölgemälden, die
sich mit dem Felder- Motiv auseinandersetzen, zeigen die Zeichnungen -
teils als Arbeitsskizzen vor den Bildern, teils als eigenständige Werke
nach den Bildern - van Goghs Ringen um neue Formen und
Sichtweisen. Das alles gruppiert um das "Mohnfeld", das
einzige Van-Gogh-Bild aus Bremer Besitz. Die übrigen Bilder sind
Leihgaben von Washington bis Moskau, die in dieser Zusammenstellung noch
nie so zu sehen waren. Allein die Sicherungsmaßnahmen verschlangen mehr
als eine halbe Million Euro. Symbolische Landschaften Van
Gogh verarbeitet in den Bildern die Eindrücke seiner wenigen erlaubten
Exkursionen während seines Aufenthalts in St-Rémy, das
"Mohnfeld" ist eines der ersten aus dieser Zeit. Komposition,
Pinselschrift und Farbe treten stärker in den Vordergrund. Der Künstler
geht nicht mehr zur Landschaft, er holt sie zu sich, wie das
"Atelierfenster" dokumentiert, gestaltet sie, statt sie
topographisch korrekt wiederzugeben. Die Landschaft, das Feld werden zum
Symbol. Daneben treten Interpretationen der Vorbilder wie Millets
"Die ersten Schritte". Eigenartige Kunst des deutschen Volkes Wie
anders ist die Welt, die sich dem Besucher bietet, wenn er die Räume
mit den Arbeiten van Goghs verlässt und mit den Bildern konfrontiert
wird, die die Autoren von "Ein Protest deutscher Künstler"
zeitgleich geschaffen haben. Angeführt von Carl Vinnen, einem "Worpsweder",
wandten sich 1911 123 Künstler und 17 Kunstkritiker gegen die
Ankaufpolitik deutscher Museen, Vinnen vor allem gegen den Bremer
Kunsthallendirektor Gustav Pauli. Sie warfen ihnen vor, die Förderung
der deutschen Kunst zu vernachlässigen, und forderten die deutschen Künstler
auf, "die Eigenart unseres Volkes" auszudrücken, da "ein
Volk nur durch Künstler seines Fleisches und Blutes" zur Höhe
gebracht werden könne. Vergessene Größen Fast
alle Namen der Künstler, die sich Carl Vinnen angeschlossen hatten,
sind heute vergessen und ihre Werke füllen die Magazine der Museen,
obgleich sie in ihrer Zeit durchaus zum künstlerischen Establishment
gehörten und zu einem großen Teil an den Akademien lehrten. Ihnen
wurde noch im gleichen Jahr widersprochen. Mit der Denkschrift "Im
Kampf um die Kunst. Die Antwort auf den "Protest Deutscher Künstler"
verteidigten 47 Künstler und 28 Galeristen, unter ihnen Marc,
Kandinsky, Macke und Pechstein von den Expressionisten, Liebermann,
Corinth und Slevogt von der Berliner Sezession, die Kunst und wiesen die
verfälschende Darstellung des Kunstmarktes durch die Vinnen-Gruppe zurück. Heimische Künstler profitieren von knappen Kassen Der
Streit befasste sich nicht mit stilistischen Fragen. Es ging einmal um
Geld - um die Ankaufetats der Museen. In einer detaillierten und
umfangreichen Dokumentation wird in der Bremer Ausstellung nachgewiesen,
dass im Zeitraum um 1910 von 2452 Neuerwerbungen lediglich 236 ausländischer,
überwiegend französischer Herkunft waren. Und es ging um die Umsetzung
des imperialistischen Denkens
auf dem Feld der Kunst, um "einen Platz an der Sonne" für die
deutsche Kunst. Die imperialistische Seite des Protests ist heute
obsolet, aber der ökonomische Aspekt scheint auch heute noch sehr
aktuell zu sein: Angesichts knapper Kassen wird nicht selten bei der
Ausstellungspolitik gerade kleiner und mittlerer Städte a priori den
heimischen Künstlern der Vorrang gewährt und natürlich auch
gefordert. Text © Manfred Wolff Van
Gogh: Felder. Das Mohnfeld und der Künstlerstreit. Mehr Informationen unter: http://www.kunsthalle-bremen.de |