VOM MOHNFELD ZUM MOHNRAUSCH

"Diese Stadt ist echt, und echte Städte die sind selten," hatte Ringelnatz über die Hansestadt Bremen gedichtet und dabei sicher die hanseatische Solidität im Blick gehabt. Wenn man in diesen Tagen in die Hansestadt kommt, scheint sie sich in einem Rausch zu befinden. Nicht der traditionelle Ausnahmezustand Freimarkt hat die Stadt im Griff. Auf Schritt und Tritt begegnet man nur einem Namen: Vincent van Gogh.

Im Bahnhof ist er ebenso zur Begrüßung präsent wie in den Schaufenstern der Geschäfte in der Fußgängerzone, Karstadt hat den Niederländer adoptiert, wenngleich auch nur mit einer Ausstellung von Kopien seiner Werke, sogar die Straßenbahn fährt mit einem Van-Gogh-Zug durch die Stadt, und dass der Roland vor dem Rathaus noch beide Ohren hat, verwundert schon fast. Eine durchaus unbremische Aufregung hat die Stadt erfasst. So feiern die Bremer ihre Van-Gogh-Ausstellung in ihrer Kunsthalle.

Urszula Usakowska-Wolff: Gebührenfreie Information, 2004. © Urszula Usakowska-Wolff

Urszula Usakowska-Wolff: Gebührenfreie Information, 2004. © Urszula Usakowska-Wolff

  Streitfeld der Ankaufspolitik

"Van Gogh: Felder. Das Mohnfeld und der Künstlerstreit" ist der Titel der Ausstellung, die die Kunsthalle Bremen vom 19. Oktober 2002 bis 26. Januar 2003 zeigt. Mit der Präsentation von 50 Gemälden und Zeichnungen van Goghs, die ausgehend vom "Mohnfeld" um das Feldmotiv kreisen, ist der Kunsthalle eine Ausstellungssensation gelungen, die ihren Ausgang von einer Affäre um eben dieses "Mohnfeld" genommen hat, als sich in Bremen Widerstand gegen den Ankauf dieses Bildes eines "ausländischen Irrsinnigen" regte. So entwickelten Kunsthallendirektor Wulf Herzogenrath und die Kustodin der Ausstellung Dorothee Hansen eine Dramaturgie, die die Besucher mit dem Spätwerk van Goghs bekannt macht, um sie dann mit den Werken der Kritiker zu konfrontieren und schließlich minutiös die kritisierte Ankaufpolitik deutscher Kunsthallen und Museen nachvollziehen zu lassen.  

Ringen um neue Formen

Trotz der zeitlichen Nähe zum im März 2003 anstehenden 150. Geburtstag  des Künstlers haben die Bremer darauf verzichtet, die präsentierten Bilder im biographischen Zusammenhang zu interpretieren. Vielmehr werden Arbeiten aus den drei letzten Lebensjahren unter dem Aspekt des künstlerischen Ringens um neue Ausdrucksformen dargeboten. Neben den Ölgemälden, die sich mit dem Felder- Motiv auseinandersetzen, zeigen die Zeichnungen - teils als Arbeitsskizzen vor den Bildern, teils als eigenständige Werke nach den Bildern - van Goghs Ringen um neue Formen und  Sichtweisen. Das alles gruppiert um das "Mohnfeld", das einzige Van-Gogh-Bild aus Bremer Besitz. Die übrigen Bilder sind Leihgaben von Washington bis Moskau, die in dieser Zusammenstellung noch nie so zu sehen waren. Allein die Sicherungsmaßnahmen verschlangen mehr als eine halbe Million Euro.  

Symbolische Landschaften

Van Gogh verarbeitet in den Bildern die Eindrücke seiner wenigen erlaubten Exkursionen während seines Aufenthalts in St-Rémy, das "Mohnfeld" ist eines der ersten aus dieser Zeit. Komposition, Pinselschrift und Farbe treten stärker in den Vordergrund. Der Künstler geht nicht mehr zur Landschaft, er holt sie zu sich, wie das "Atelierfenster" dokumentiert, gestaltet sie, statt sie topographisch korrekt wiederzugeben. Die Landschaft, das Feld werden zum Symbol. Daneben treten Interpretationen der Vorbilder wie Millets "Die ersten Schritte".  

Eigenartige Kunst des deutschen Volkes

Wie anders ist die Welt, die sich dem Besucher bietet, wenn er die Räume mit den Arbeiten van Goghs verlässt und mit den Bildern konfrontiert wird, die die Autoren von "Ein Protest deutscher Künstler" zeitgleich geschaffen haben. Angeführt von Carl Vinnen, einem "Worpsweder", wandten sich 1911 123 Künstler und 17 Kunstkritiker gegen die Ankaufpolitik deutscher Museen, Vinnen vor allem gegen den Bremer Kunsthallendirektor Gustav Pauli. Sie warfen ihnen vor, die Förderung der deutschen Kunst zu vernachlässigen, und forderten die deutschen Künstler auf, "die Eigenart unseres Volkes" auszudrücken, da "ein Volk nur durch Künstler seines Fleisches und Blutes" zur Höhe gebracht werden könne.  

Vergessene Größen

Fast alle Namen der Künstler, die sich Carl Vinnen angeschlossen hatten, sind heute vergessen und ihre Werke füllen die Magazine der Museen, obgleich sie in ihrer Zeit durchaus zum künstlerischen Establishment gehörten und zu einem großen Teil an den Akademien lehrten. Ihnen wurde noch im gleichen Jahr widersprochen. Mit der Denkschrift "Im Kampf um die Kunst. Die Antwort auf den "Protest Deutscher Künstler" verteidigten 47 Künstler und 28 Galeristen, unter ihnen Marc, Kandinsky, Macke und Pechstein von den Expressionisten, Liebermann, Corinth und Slevogt von der Berliner Sezession, die Kunst und wiesen die verfälschende Darstellung des Kunstmarktes durch die Vinnen-Gruppe zurück.  

Heimische Künstler profitieren von knappen Kassen

Der Streit befasste sich nicht mit stilistischen Fragen. Es ging einmal um Geld - um die Ankaufetats der Museen. In einer detaillierten und umfangreichen Dokumentation wird in der Bremer Ausstellung nachgewiesen, dass im Zeitraum um 1910 von 2452 Neuerwerbungen lediglich 236 ausländischer, überwiegend französischer Herkunft waren. Und es ging um die Umsetzung des imperialistischen  Denkens auf dem Feld der Kunst, um "einen Platz an der Sonne" für die deutsche Kunst. Die imperialistische Seite des Protests ist heute obsolet, aber der ökonomische Aspekt scheint auch heute noch sehr aktuell zu sein: Angesichts knapper Kassen wird nicht selten bei der Ausstellungspolitik gerade kleiner und mittlerer Städte a priori den heimischen Künstlern der Vorrang gewährt und natürlich auch gefordert.

Text © Manfred Wolff 


Van Gogh: Felder. Das Mohnfeld und der Künstlerstreit.
Kunsthalle Bremen
19.10.2002 - 26.01.2003

Mehr Informationen unter:

http://www.kunsthalle-bremen.de


zur Ausstellung "Blast To Freeze" im Kunstmuseum Wolfsburg, 2002/2003