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Energie aus einer Batterie In seiner Kindheit zeichnete er Kamele und träumte vom Hüttenbau. In seinem Heimatdorf Sent im malerischen, entlegenen Tal des Unterengadins im Ostteil des Schweizer Kantons Graubünden, fehlte es an Hütten nicht, und Schafe, Ziegen und Kühe gab es, wie in den Alpen üblich, auch zur Genüge. Not Vital, Schweizer Künstler rätoromanischer Herkunft, hatte auch ein Faible für biblische Geschichten und Paraphrasen, wie die vom Goldenen Kalb und darüber, dass es leichter ist, dass ein Kamel durch ein Nadelöhr geht, als dass ein Reicher in das Reich Gottes hineinkommt (Mt 19,24). Der Traum vom Hüttenbau war am einfachsten zu erfüllen, denn jeden Sonntag bauten wir solche Hütten und das war das Aufregendste, was ich in meiner Kindheit erlebte. Weil es aber im eher armen bergigen Engadin nicht einfach war, das Goldene Kalb, geschweige denn ein Kamel zu treffen, brach der 20-jährige Not Vital, dessen Name wie ein Pseudonym klingt, jedoch authentisch rätoromanisch ist, 1968 in die große Welt auf, zuerst nach Paris, dann nach Rom, wo er einen Straßenzirkus unterhielt, um sich Mitte der 1970er Jahre in New York und in Lucca, Hauptstadt der italienischen Provinzhauptstadt Toscana, niederzulassen. Das ist nicht ungewöhnlich, dass ich meine Heimat verlassen hatte. Ein Drittel der Bewohner meines Dorfes tat das auf der Suche nach der Arbeit. Der Weggang Not Vitals aus Sent war jedoch nicht für immer: das abgelegene, heute von 900 Menschen bewohnte Dorf ist neben New York, Lucca und seit sechs Jahren Agadez in Niger eines der Domizile dieses globalen Nomaden und Künstlers, der in der Kunst eine gesellschaftliche Mission sieht. Atelier im Kopf Weil Not Vital gern reist und wegen der Mehrsprachlichkeit der kleinen Schweiz, deren Bewohner Deutsch, Französisch, Italienisch und im Kanton Graubünden, aus dem dieser Weltkünstler stammt, 15 Prozent der Einwohner, also cirka 50. 000 Menschen Rätoromanisch, genannt "Rumantsch Grischun" und seit 1982 Amtsprache, sprechen und darüber hinaus in der Schule Englisch lernen, ist er gut darauf vorbereitet, sich in der großen und kleinen Welt zu bewegen. Er ist auch der Meinung, dass die Kunst mit keinem festen Wohnsitz verbunden sein muss: Mein wahres Atelier befindet sich in meinem Kopf, sagt er. Es ist also immer dort, wo ich mich gerade aufhalte. Und weil er sich in verschiedenen, weit voneinander entfernten Orten aufhält, entstehen dort seine Werke, in denen er seine Begeisterung für die Vitalität des Lebens und des Todes, also für die Kräfte der Natur ausdrückt. Die Kunst ist für ihn eine Art Amulett, das Energie ausstrahlt, die dank dem Künstler auf das Publikum übergeht. Der Künstler ist also ein zeitgenössischer Schamane, der Werke schafft, die zum Leben anregen und die vergessene sinnliche, also tierische Natur des Menschen offenbaren. Die Energie ist ein Ausdruck der Sinne, also des Lebens; der Tod, vor dem die letzte Kumulation der Energie erfolgt, ein Zeichen höchster Ruhe.
Tanz des weißen Kalbes Obwohl der Schweizer Bildhauer todernste Themen behandelt, war seine Kunst nicht immer todernst. Die vergebliche Mühe, das Goldene Kalb zu treffen, beendete er, indem er es 1990 und 2001 selbst fertigte, und zwar im Einklang mit dem biblischen Vorbild aus 18-karätigen Gold. Er stellte es jedoch nicht auf einen Sockel, sondern direkt auf dem Boden der Galerie, so dass das Publikum um den Götzen "tanzen" konnte, ohne den Kopf zu heben. Diese Skulptur hat eine doppelte Symbolik: einerseits weist sie auf Gottes Zorn hin, hervorgerufen durch den Hedonismus der Menschen, der sie auf falsche Wege leitet und bewirkt, dass sie falsche Götter ehren. Andererseits zeigt sie die sinnliche Natur des Menschen, die ihn zu impulsiven Handlungen zwingt. Vaclav Nijinskij (18090 - 1950) stellte er in der Skulptur "L´après-midi de Nijinsky" aus den Jahren 1993 - 1995 in Gestalt eines tanzendes Kalbes aus weißgestrichener Bronze dar. Ihr Titel ist eine Anspielung auf die Aufsehen erregende Inszenierung des Balletts "L´après-midi d´un Faun" von Claude Debussy, 1912 im Pariser Theatre Champs-Elysées aufgeführt, in der dieser legendäre Tänzer und Choreograf eine obszöne Geste vorführte, die dem Spektakel einen riesigen Erfolg bescherte. Das weiße Kalb balanciert elegant auf den Hufspitzen, seine Vorderbeine segeln in der Luft: der Götze, um den die Menschheit tanzt, ist selbst ein Tänzer. Die weiße Skulptur unterstreicht die Künstlichkeit, die klinische Reinheit und Unschuld dieser Darstellung. Der Mensch ist ein zugleich unschuldiges und schuldiges Wesen, denn er versucht, die tierischen Instinkte zu leugnen und sie unter dem Mantel der Kultur zu verstecken. Das Körperliche und Animalische dieser Skulptur stehen im Kontrast zu ihrer tänzerischen Form und zeigen, wie schwer es ist, Kultur mit Natur, also mit den ursprünglichen Instinkten zu verbinden.
Gemeinschaft des Verdauens und Vergehens Dass der Mensch meistens nur zu symbolischen Gesten fähig ist, drückt die Aluminiumskulptur "Hände" (1992) aus, die aus sieben Händen besteht, in denen die verschiedene Gesten vorführenden Finger die Hauptrolle spielen. Not Vital goss seinen Lieblingsphilosophen Friedrich Wilhelm Nietzsche (1844 - 1900) ebenfalls in Aluminium, reduzierte ihn jedoch auf dessen charakteristischen Schnauzer ("Nietzsches Schnauz", 1993). Wie man sieht, ist die menschliche Natur symbolisch. Die anderen Plastiken des Schweizer Bildhauers erinnern an Totems oder wertvolle Jagtrophäen, wie zum Beispiel die phallische Kuhzunge "Tongue" (1993) aus patinierter Bronze, die den allen Lebewesen gemeinsamen Lebens- und Todeszyklus symbolisiert. Von anderen Gemeinsamkeiten, dem Verdauungszyklus und dem Geruchssinn, zeugen die Skulpturen aus der Serie "Cow Dung" (1990 - 2000) und der Bronzeturm "Egyptian noses" (1990). In Murano, der italienischen für ihr Glas berühmten Stadt, goss er daraus Hirschgeweihe. In Lucca schuf er eine Serie von Selbstporträts, auf denen er sich in einen Esel verwandelte. Die architektonische Hauptkonstruktion in dem "Parkin" genannten Park am Rande seines Heimatdorfs Sent ist die "Eselsbrücke", deren Übergang ein großes Erlebnis nicht nur für Leute ist, die unter Schwindelgefühlen leiden. Not Vital ist ein "Halbmensch, Halbtier", was der ihm gewidmete 55-minütige Dokumentarfilm unter dem global verständlichen englischen Titel "Half man, half animal" ausführlich zeigte, gedreht 2000 vom Schweizer Regisseur Hercli Bundi. Es scheint jedoch, dass in dem Metamorphosen liebenden Künstler die menschliche Natur zunehmend die Oberhand gewinnt, denn er behandelt Tiere als Opfer auf dem Altar der Kunst.
Ein Rätoromane im Land der Tuareg Not Vital wurde 2001 international bekannt, als er auf der Biennale von Venedig eine zum Teil unsichtbare Installation präsentierte: in Bronze gegossene Köpfe seiner Lieblingskamele, die am Strand so platziert waren, dass man sie nur bei Ebbe sehen konnte. Während seiner Aufenthalte in Ägypten Ende der 1990er Jahre kaufte der Schweizer, fasziniert vom Mysterium des Lebens, das im Falle der Nutztiere meistens mit einem gewaltsamen Tod endet, in einem Kairoer Schlachthaus Köpfe von Kamelen, die, was ihn besonders beeindruckte, vom Schlächter mit einem einzigen gezielten Schwerthieb geköpft wurden. Jene Köpfe, die er in Bronze oder Gips goss, sind angeblich der Ausdruck seiner Hochachtung für diese tüchtigen, stolzen und sogar nach dem Tode aufrecht stehenden Tiere. 1999 reiste Not Vital in Westafrika herum, wo es, weil sich dort ein Großteil der Sahara befindet, bekanntlich an Kamelen auch nicht mangelt. Aus Mali fuhr er nach Niger, wo er sich in der Stadt Agadez, bewohnt von teilweise sesshaften Nomaden aus dem Volk der Tuareg, richtig verstanden wurde, denn sie haben zwar, ähnlich wie die Rätoromanen, eine eigene Sprache, genannt Tamaschek, sprechen aber, aufgrund dessen, dass die Saharaländer bis Anfang der 1960er Jahre französische Kolonien waren, heute noch Französisch. Agadez, Tausend Kilometer von Niamey, der Hauptstat des Nigers entfernt, ist eine von 80.000 bis 300.000 Menschen bewohnte Stadt in der Ténéré-Wüste (auch "Wüste der Wüsten" genannt) am Rande des Aïr-Bergmassivs und zugleich die Hauptstadt der Tuareg, einer eine Million zählenden, in den Ländern Westafrikas zerstreuten Volksgruppe. Die Tuareg, als "blaue Reiter der Wüste" verschrien, bekennen sich zum liberalen Islam, tragen indigofarbene Gewänder und die Männer verhüllen, im Gegensatz zu den Frauen, ihre Gesichter mit weißen Tüchern. In der Vergangenheit führten sie riesige, aus mehreren Hunderten Kamelen bestehenden Karawanen in die Siedlung Bilma, in der sich Salzgruben befinden. Heute wird das Salz vorwiegend auf LKW transportiert und Karawanen veranstaltet man meistens für Touristen. Die Touareg sind ein Symbol der Freiheit, oft lehnten sie sich gegen die Regierung des Nigers auf, welche die ihnen versprochene Autonomie nie verwirklichte (die vorläufig letzte solche Rebellion brach 1991 aus und endete ergebnislos nach sechs Jahren blutiger Kämpfe). Ihre traditionelle Beschäftigung ist die Zucht von Kühen mit charakteristischen riesigen Hörnern, von Kamelen, Ziegen und Eseln. Sie sind auch hervorragende Silberschmiede, und ihr bekanntestes, unter den Touristen sehr beliebtes Schmuckstück ist ein Silberanhänger, das so genannte "Kreuz von Agadez". Pyramide mit Hörnern Seit sechs Jahren lebt und arbeitet Not Vital zweieinhalb Monate im Jahr in Agadez. Im Unterengadin sagt man, dass wenn du die Berge verlässt, musst du sofort in andere Berge ziehen. Und Agadez liegt unweit vom Aïr-Gebirge. Ich kam dorthin jedoch nicht, um Skulpturen zu machen. Das ergab sich so. Meine Kunst entstand aus Einfachheit, denn dort gibt es nichts, nichts außer Sand, Sonnenuntergängen und Kamelen. Es gibt keine Stühle, man sitzt also auf dem Boden. Gleichzeitig ist dort, im Gegensatz zu den reichen Ländern, alles möglich und nichts scheint ein Problem zu sein. Als ich also während meines ersten Aufenthalts in Agadez einen Silberschmied fragte, ob er eine Silberkugel fertigen könne, in der ein ganzes Kamel Platz fände, sagte er spontan zu. Das war für mich eine Art der Materialisierung der biblischen Paraphrase über das Kamel, das durch ein Nadelöhr geht. Die Anwesenheit des Ankömmlings aus einem der reichsten Länder der Welt in einer ihrer ärmsten Gegenden ist unübersehbar. Im heruntergekommen Viertel am Rande von Agadez baute er sein Stufenhaus "Mekafoni", verziert mit den Kuhhörnern aus dem nahegelegenen Schlachthaus. Wegen dieser Hörner wird er von den Einheimischen Metzger genannt. Jenes Haus in Form einer Pyramide, von wo aus er das Aïr-Gebirge und die an diesem Ort der Erde besonders schönen Sonnenuntergänge bewundern kann, war die Erfüllung seiner Kinderträume vom Hüttenbau, diesmal aus Lehm. In der Nachbarschaft seines Hauses baute er zwei Schulen, die so genannten "Makaranta", in denen über 800 Kinder Französisch, Mathematik, Arabisch und den Koran lernen können. In Niger, wo 80 Prozent der Bevölkerung Analphabeten sind, hat Not Vitals Wirken eine soziale Dimension, denn, wie er sagt: Es war für mich klar, dass ich diese Schulen bauen musste. Ich komme aus der Schweiz, das ist eines der reichsten Länder der Erde, und Niger ist wirklich das ärmste Land. Dieser Austausch ist für mich selbstverständlich. Ich verstehe nicht, warum mehr Leute das nicht auch tun. Denn das, was ich als Gegenleistung bekam, steht in keinem Verhältnis zu dem, was ich gab. Der Gewinn ist auf jedem Gebiet, auch auf dem finanziellen. Darüber hinaus lerne ich sehr viel von den Tuareg. Ich schätze sie besonders dafür, dass sie ein außerordentlich stolzes Volk sind. Sie sprechen nicht sehr viel, denn sie haben nicht sehr viel zu Essen. Sie verbrennen ihre Energie nicht sinnlos. Sie sprechen nicht sinnlos, wie wir. Und sie beurteilen die Menschen danach, was sie machen. Am Anfang ist es nicht leicht, akzeptiert zu werden. Das ist verständlich, denn sie haben von den Europäern viel Böses erfahren. Er wundert sich also nicht, dass erst seine Sammlung alter Koranausgaben und wissenschaftlichen Islamtexte ihm das Wohlwollen der örtlichen Würdenträger brachte. Als sie diese heiligen Bücher besichtigten, die in einem Raum seines "Mekafoni" ausgestellt sind, hörten sie auf, ihn wie einen Fremden zu betrachten. Seine Präsenz ist zudem ein dauerhaftes Bestandteil der Landschaft von Agadez: aus einer Entfernung von 25 Kilometern von der Stadt sieht man die alte Mosche, den Wasserturm die Hörnerpyramide von Not Vital. Bald wird man auch das neue Haus dieses Künstlers mit einer Architektenseele bewundern können, dass nach seinen Entwürfen in der nahegelegen Oase Aladab gebaut wird, damit er dort noch schönere Sonnenuntergänge genießen kann.
Sozialer Konzeptualismus In einem Land, in dem das durchschnittliche Einkommen knappe 1000 USD beträgt und über die Hälfte der Einwohner weniger als einen Dollar am Tag verdienen, ist Not Vital ein Beispiel eines Kunstunternehmers, der den Menschen Arbeit gibt und ihren Kindern eine Schulbildung ermöglicht, der die Tuareg als Bauarbeiter beschäftigt und die dortigen Juweliere mit der Ausführung seiner Silber- und Keramikskulpturen beauftragt. Ein Silberschmied in Agadez verbraucht 2,5 Kilo Silber im Jahr, durch mich ist ihr Verbrauch auf 50 Kilo gestiegen. Ich bin also eine sehr gute Einkommensquelle. Man kann sagen, dass ich Joseph Beuys´ Forderung nach der sozialen Skulptur realisiere, jedoch mit dem Unterschied, dass das, was bei Beuys eine Idee und ein Appell war, bei mir in die Tat verwandelt wurde. Man kann also Not Vital als einen sozialen Konzeptualisten bezeichnen, dessen in der Form minimalistischen Werke der plastischen und architektonischen Kunst von den Tuareg gefertigt werden. Zu seinen Lieblingsformen gehören in letzter Zeit vor allem Silber- und Keramikkugeln, Silberkisten, Türme aus indigofarbenen Plastikbechern, die auf den Märkten in Niger verkauft werden sowie fertige Salzkegel und Salzfladen, die in Bilma produziert und vom Vieh geleckt werden, das, genauso wie die Menschen in der Sahara, vor allem unter akutem Wassermangel leidet. Die einfachen geometrischen Skulpturen Not Vitals sind eine Art Amulett und werden wohl aus diesem Grund von seinen Tuareg-Helfern ohne Vorbehalt ausgeführt. Weil sie an die magische Kraft der Ziegenhufe glauben, haben sie keine Probleme damit, weder eine ganze Ziegenherde zu schlachten, die nach dem Trocknen, was in dem dortigen hitzigen Klima, wie der Künstler erklärt, knappe 48 Stunden dauert, in einer großen Silberkiste unter dem adäquaten Titel "Troupeau" ("Herde") verschlossen werden, noch zwei erwachsene Kamele zu köpfen, die dann in den "Camel" genannten 15 keramischen und 24 silbernen Kugeln in den Genuss eines ewigen Lebens kommen. Von den Tuareg wurden jene mit getrockneten Fleisch gefüllten Plastiken als Konserven verstanden, denn der Silberschmied, der sie fertigte, sagte zu Not Vital: Gib zu, dass du sie zu Hause öffnest und ihren Inhalt isst. Ein dreimonatiges Kamel wurde von ihnen geschlachtet, um von dem Schweizer "Halbmenschen, Halbtier" in der fernen kalten europäischen Stadt Bielefeld künstlerisch begraben zu werden. Seine sozialen Skulpturen und ihre Produzenten finanziert Not Vital aus der eigenen Tasche, das heißt vom Verkauf in den Galerien und Ausstellungen in den Museen der reichen, exotische Kunst liebenden Ländern.
Spaghetti für Agadez Anfang 2005 zog eine Karawane lebendiger Kamele durch die Sahara, beladen mit 21 Tonnen Salz aus Bilma in Niger. Nach 600 Kilometer und 40 Tagen erreichte sie Agadez. Dort wurden die Salzkegel und Salzfladen in einen Container und auf ein LKW geladen, der sie mit vielen Hindernissen in den Hafen Cotonou nach Benin brachte. Von dort wurde die künstlerische Fracht auf dem Seeweg nach
Bremerhaven geschickt und traf dann Anfang März in der Kunsthalle Bielefeld ein. Agadez, also Beispiele sozialer Skulptur, wie sie Not Vital versteht und fertigen lässt, kann man dort noch bis Anfang Juni besichtigen. Das ist, wie der Direktor Dr. Thomas Kellein bemerkte, die bisher zahlenmäßig kleinste, nämlich aus zwölf Exponaten bestehende Ausstellung in der Kunsthalle Bielefeld. Beeindruckend ist dagegen ihre Masse, die das ostwestfälische Museum in ein westafrikanisches Salzlager verwandelt. Und Salz, bekanntlich eine organische Substanz, verhält sich so, wie es sich überall zu verhalten pflegt: es dampft und bildet ein eigentümliches Mikroklima und lässt sich gut sehen in den museal aufgestellten Kegel- und Fladenreihen. Diese gigantische Installation mit dem der Wirklichkeit entsprechenden Titel "21 Tonnen Tissoum" ("Salz") ist wohl das größte, denn aus 24.000 Einzelteilen zusammen gesetzte Ready Made in Bielefeld, vielleicht sogar auf der ganzen Welt. Sie sieht wie eine antike Ausgrabungsstätte mit Resten uralter Kulturen aus, vor allem der aus den im Transport beschädigten Kegeln aufgeschichtete "Salzturm". Der Eindruck zwingt sich auf, im Land einer besonders neugierigen Frau der biblischen Loth zu verweilen, die zur Strafe in Tausende Salzkegel verwandelt wurde. Und weil zwei Wochen vor der Ausstellungseröffnung Not Vital zusammen mit seinem Bruder Duri dreihundert zuvor in Moskau gezeigte Kamelkopfgipsabgüsse gegen eine Wand der Kunsthalle geschleudert hatte, erinnerten ihre Reste daran, dass alles zum Staub wird. Der Eindruck, dass man sich auf einem Friedhof befindet, wurde durch das Wissen verstärkt, dass sich in den runden und eckigen Plastiken Tierkadaver befinden: in der Silberkiste unter dem passenden Titel "Troupeau" ("Herde") gar eine ganze Ziegenherde, in den 15 Keramik - und den 24 Silberkugeln zwei getrocknete Kamele, die auf diese Weise durch das Nadelöhr gingen, um im Reich der Kunst einzugehen, mit kostbaren Sarkophagen geehrt. Das dritte ausgestopfte Kamelbaby wird in Gegenwart des Künstlers am 22. April im Park vor der Kunsthalle Bielefeld begraben.
Man spürt, dass in meinen Skulpturen etwas steckt, es strömt daraus Energie, wie aus einer
Batterie, behauptet Not Vital und es tut ihm nicht leid, dass er für seine Kunst Tiere opfert: Nach ihrem Tod werden sie zu Amuletten, die den Menschen vor den Kräften des Bösen schützen. Die Tuareg, die dem Künstler bei der Fertigung seiner magischen Werke halfen, erhalten als Gegenleistung eine Tonne der von der Kunsthalle erworbenen und dort jetzt ausgestellten Spaghetti, den Gegenwert von 21 Tonnen Salz, denn "Sel", auf Französisch Salz, ist im Niger ein Synonym des Handelsaustausches. Mit dieser Tonne Spaghetti - der sozialen Skulptur ihres Schweizer Wohltäters - können sie sich nach dem Ende der Ausstellung endlich satt essen. Mahlzeit!
Not Vital, Schweizer Künstler rätoromanischer Herkunft, wurde am 15. Februar 1948 in Sent, Kanton Graubünden geboren. 1968 fuhr er nach Paris. Bis 1971 studierte er Kunst an der Université de Vincennes. Danach unterhielt er in Rom einen Straßenzirkus. Seit 1974 wohnt er abwechselnd in Sent, New York , Lucca und Agadez. Seit 1971 nahm er an 55 Einzel- und 77 Gruppenausstellungen, u.a. 2001 an der Biennale von Venedig teil. Mit seinen Aufstellungen in Europa und Nordamerika finanziert er sein soziales Engagement im Agadez in Niger. Er ist vor allem als Bildhauer und Architekt tätig und benutzt traditionelle Materialien wie Bronze, Lehm, Gips, Marmor, Glas, Holz, Gold und Silber sowie Aluminium, Leder, Salz, Schnee und Eis. Das Hauptthema seiner Plastiken, architektonischen Konstruktionen, Zeichnungen, Fotografien und Installationen ist die Natur, vor allem Tiere (Kamele, Esel, Kühe und Ziegen). Er ist Autor monumentaler Skulpturen im Park ("Parkin") seines Heimatortes Sent. Er sammelt darüber hinaus Literatur in rätoromanischer und arabischer Sprache, vor allem alte Korandrucke und wissenschaftliche Texte über den Islam.
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