Das Tier in altmeisterlicher Manier

Das Grauen ist nur leicht, nur beiläufig angedeutet. Es offenbart sich erst beim genauen Hinschauen. Was man auf den ersten Blick sieht, sind große, meistens überlebensgroße Papierbilder unter Glas mit perfekt gemalten Kreaturen: bunte Vögel, einzeln oder in Schwärmen sowie Säugetiere, von denen manche als exotisch gelten. Drei junge Bären fallen zum Beispiel von einem Ast, der sich in der linken Ecke eines der Bilder befindet. Das spielt sich an einem schönen Morgen ab, als die Sonne über dem See aufsteigt: eine Idylle, die keine ist, denn in der rechten Bildecke steht ein Baum in Flammen, umringt vom aufgebrachten Mob, der auf die Baumkrone starrt, wohin sich die Bären geflüchtet haben. Allmählich begreift man, dass der erste Bär in den Tod fällt und die beiden anderen ihm bald folgen werden. Dieses Bild ist wie ein Film komponiert; es vermittelt den Eindruck, aus zwei Filmstills zu bestehen. Der erste zeigt die Nahaufnahme der drei Bären, deren Lage aussichtslos ist, weil sie, was man dem zweiten entnimmt, auf einem Baum hocken, der angezündet wurde, um sie auf die Erde zu holen und zu erschlagen.

Walton Ford: "Scipio and The Bear", 2007. 151.1 x 303.5 cm. Ausstellung "Bestiarium",  Hamburger Bahnhof - Museum für Gegenwart Berlin, 23.01.-06.06.2010.  Foto © Usakowska-Wolff

Walton Ford: "Scipio and the Bear", 2007. 151.1 x 303.5 cm. Ausstellung "Bestiarium"
 Hamburger Bahnhof - Museum für Gegenwart Berlin, 23.01.-06.06.2010
 Foto © Usakowska-Wolff

  Vogeldunst im Dienst der Kunst

Solche Bilder, genauer gesagt: Mischtechniken aus Aquarell, Gouache, Tinte und Bleistift auf Papier, die das Kino in den Köpfen der Zuschauer in Gang setzen, fertigt seit über zehn Jahren der 1960 in Larchmont im Bundesstaat New York geborene Walton Ford, der Filmer werden wollte und sich nach dem Ende seines Kunststudiums (1982) an der renommierten Rhode Island School of Design als Landschaftsmaler versuchte. Was ihm vorschwebte, war Geschichten zu erzählen, die in der Natur spielen. Seit seiner Kindheit interessierte er sich für aufwendig illustrierte naturwissenschaftliche Bücher; für Berichte der Forschungsreisenden, Naturforscher und Abenteurer; für Naturkundemuseen, Dioramen und Tierpräparate. Eine besondere Faszination übte auf ihn der Ornithologe und Zeichner John James Audubon (1785-1851) aus, der als Sohn einer Kreolin und eines französischen Seekapitäns und Sklavenhändlers in Haiti zur Welt kam, in Nantes aufwuchs und als 18-jähriger mit gefälschtem Pass in die Vereinigten Staaten auswanderte. Dort lebte er als Jäger, Händler und Tierpräparator auf einer Farm in der Nähe von Philadelphia. Er unternahm lange Reisen, um die Vogelwelt Amerikas zu erforschen und zu katalogisieren; schoss Vögel mit feinen Schrotkugeln ("Vogeldunst" genannt), befestigte ihre Kadaver mit Drähten auf Ästen, um sie "naturgetreu" zu zeichnen. Das Ergebnis dieser mörderischen ornithologischen Leidenschaft war der vierbändige Atlas "The Birds of America", der, zwischen 1827-1838 veröffentlicht, hundert Kilo wog und sich seitdem einer ungebrochenen Beliebtheit erfreut. Seine Faksimile-Ausgabe erschien 1986 im New Yorker Verlag Abbeville Press (350 Exemplare mit sieben Textbänden) und kostete damals umgerechnet über 20.000 Euro pro Exemplar. John James Audubon wurde nicht nur als Vogelkundler, sondern auch als begnadeter Naturzeichner ein Vorbild für seine Nachfolger.

Walton Ford:" Falling Bough", 2002. 154.3 x 303.5 cm. Ausstellung "Bestiarium",  Hamburger Bahnhof - Museum für Gegenwart Berlin, 23.01.-06.06.2010.  Foto © Usakowska-Wolff

Walton Ford:" Falling Bough", 2002. 154.3 x 303.5 cm. Ausstellung "Bestiarium"
 Hamburger Bahnhof - Museum für Gegenwart Berlin, 23.01.-06.06.2010
 Foto © Usakowska-Wolff

 Kreaturen den Tod ersparen

Eines der ersten Bücher, das Walton Ford seine Eltern schenkten, waren "Die Vögel Amerikas", dessen Illustrationen er immer wieder kopierte. Bis heute hat er ein ambivalentes Verhältnis zu seinem Altmeister, der Hunderte von Vögeln und Tieren tötete, um sie zu zeichnen oder auszustopfen, also um sie, wenn man so will, als Kunstwerke ewig leben zu lassen. Die Auseinandersetzung mit Audubon half ihm, sein künstlerisches Medium zu finden: großformatige Aquarelle auf Papier, das aussieht, als stamme es aus längst vergangenen Zeiten, versehen mit zitterigen handschriftlichen Notizen wie das Werk eines Naturmalers aus dem 19. Jahrhundert. Doch um den darauf abgebildeten Kreaturen den Tod nach Art von John James Audubon zu ersparen, arbeitet Walton Ford nach Vorlagen, die er in alten Büchern und im Internet findet. Das leuchtet auch ein, denn ein zeitgenössischer US-amerikanischer Künstler, der Löwen, Tiger, Panther, Elche, Okapis, Gorillas und andere Affen; Elefanten, Nashörner und Eisbären abbildet, hat wenig Möglichkeiten, sie in freier Wildbahn anzutreffen. Schon gar nicht solche Tiere, die der Mensch ausgerottet hat – wie etwa den Riesenelefantenvogel (Madagaskarstrauß) und den Tasmanischer Tiger, auch Tasmanischer Wolf oder Beutelwolf genannt.

Walton Ford vor seinem dreiteiligen Bild "The Island", 2009 (1. Tafel: 248.9 x 97.8 cm; 2. Tafel 248.9 x 158.8 cm; 3. Tafel 248.9 x 97.8 cm). Ausstellung "Bestiarium",  Hamburger Bahnhof - Museum für Gegenwart Berlin, 23.01.-06.06.2010.  Foto © Usakowska-Wolff, 23.01.2010

Walton Ford vor seinem dreiteiligen Bild "The Island", 2009. Ausstellung "Bestiarium"
 Hamburger Bahnhof - Museum für Gegenwart Berlin, 23.01.-06.06.2010
 Foto © Usakowska-Wolff, 23.01.2010

Bestie vor der Flinte

Die Tiergeschichten, die der US-Amerikaner in seinen altmeisterlichen Papierarbeiten erzählt, sind Geschichten aus zweiter Hand. Dabei lässt er sich von Texten inspirieren, die vor allem im 16., 17., 18. und im 19. Jahrhundert von Menschen geschrieben wurden, welche die Tierwelt der kolonialisierten Länder erforschten, einige Exemplare der dortigen Fauna nach Europa brachten, um ihr Verhalten zu studieren, um sie zu domestizieren, um sie als Haus-, Zirkus- oder später als Zootiere zu halten und zur Schau zu stellen. Empathie für die geschundene Kreatur zeigten früher auch andere Künstler, zum Beispiel Pieter Bruegel der Ältere, dessen aneinander geketteten "Zwei Affen" (1562) auf einem Sims im Mauerbogen sitzen, hinter dem sich eine Seelandschaft erstreckt. Die von Walton Ford gezeichneten Affen sind auch häufig angekettet; sie dienen der Belustigung ihrer Herrchen, wenn sie in menschliche Rollen und manchmal in menschliche Kleidung gezwängt werden, an einem üppig gedeckten Tisch tafeln ("The Sensorium", 2003) oder auf einem weißbezogenen Sterbebett liegen und – was dezent angedeutet wird – onanieren ("Jack On His Deathbed", 2005). Nüchtern, sachlich und mit bitterböser Ironie zeigt Walton die Tiere so, wie Menschen sie behandeln: als Spielzeug und Handelsware; als Objekte der wissenschaftlichen Neugierde, die zu Forschungszwecken angeblich gequält und getötet werden müssen, um der Humanmedizin oder der Biologie zu dienen (der Adler im "Delirium", 2004); als Jagdtrophäen ("Bula Matari", 1998, mit einem Okapi, das an einer Honigwabe leckt und nicht merkt, dass es vor einer Flinte steht); als wilde Bestie, die Angst einflößt und Schrecken verbreitet, auch wenn die Gruselgeschichten, die über sie erzählt werden, häufig nicht stimmen ("Madagascar", 2002; "Thurneysser´s Demon", 2008; "An Encounter with Du Chaillu", 2009; "The Island", 2009). Tiere sind nicht die besseren Menschen – Menschen sind die schlechteren Tiere.

Walton Ford: "Madagascar", 2002; 304.8 x 152.4 cm. Ausstellung "Bestiarium",  Hamburger Bahnhof - Museum für Gegenwart Berlin, 23.01.-06.06.2010.  Foto © Usakowska-Wolff

Walton Ford: "Madagascar", 2002; 304.8 x 152.4 cm. Ausstellung "Bestiarium"
 Hamburger Bahnhof - Museum für Gegenwart Berlin, 23.01.-06.06.2010
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 Expansion ohne Pardon

Menschen kommen auf Fords Bildern selten vor, und wenn, dann als blutrünstiger Mob ("Der Pantherausbruch", 2001; "Scipio and the Bear", 2007) oder als sterbliche Überreste – ein gefundenes Fressen für Wölfe, zu sehen auf dem Bild "Borodino" (2009), benannt nach dem russischen Ort, wo am 7. September 1812 die größte Schlacht des 19. Jahrhunderts stattgefunden hatte, in der die von Napoleon geführte französische Arme gegen russische Truppen unter General Kutusow kämpfte, wonach Leichen von 80.000 Soldaten beider Feldherren, die selbstverständlich mit dem Leben davon kamen, auf dem Schlachtfeld liegen blieben. Walton Ford ist nicht nur ein begnadeter Geschichtenerzähler: er benutzt Tiere auch, um die Gründungsmythen großer Nationen ins rechte Licht zu rücken. Auf dem Bild "Chingado" (1998) vergewaltigt ein weißer spanischer Stier einen mexikanischen Jaguar. "Le Jardin" (2005) zeigt wiederum einen blutenden Büffel, also das Tier der Indianer, Ureinwohner Amerikas, schlechthin, der von einem Rudel weißer Wölfe angegriffen wird und keine Kraft mehr hat, sich zu wehren. Es ist beeidruckend, wie einfach dieser Künstler komplizierte historische Inhalte darstellt: Seine Tierbilder sind Allegorien der Geschichte, der Wahnvorstellung von der menschlichen Allmacht, die vor allem Europäer, deren Nachkommen US-Amerikaner sind, immer wieder dazu verleitet, neue Gebiete zu erobern, die Urbevölkerung zu vertreiben, zu versklaven, auszurotten, deren Leben und Lebensgrundlagen zu zerstören, um dort ihre "überlegene" Zivilisation, – die des weißen Mannes, aufzubauen: Seine Expansion kennt kein Pardon. Wer ist die wahre Bestie: Mensch oder Tier?

Walton Ford: "Lost Trophy", 2005. Ausstellung "Bestiarium",  Hamburger Bahnhof - Museum für Gegenwart Berlin, 23.01.-06.06.2010.   Foto © Usakowska-Wolff

Walton Ford: "Lost Trophy", 2005. Ausstellung "Bestiarium"
 Hamburger Bahnhof - Museum für Gegenwart Berlin, 23.01.-06.06.2010
 Foto © Usakowska-Wolff

 Bestiarium im Gegenwartsmuseum

"Ich betreibe intensive Tierforschung", sagte Walton Ford dem Journalisten Calvin Tomkins vom Magazin The New Yorker. "Aber der Mensch verschafft mir das Entrée. (…) Ich denke, ich lege eine Art Kulturgeschichte dessen, wie Tiere nach Maßgabe menschlicher Vorstellung leben." In der heutigen schnelllebigen Zeit und Kunstwelt, die ständig neue Kunstmoden kreiert und die dazu passenden Künstler lanciert, ist der im Dorf Southfield in Berkshire County (Massachusetts) zurückgezogen lebende Zeichner eine Ausnahmeerscheinung: ein Perfektionist, der seinem Thema und der "altmodischen" Technik des Aquarells treu bleibt. Er arbeitet langsam, bereitet seine Werke gründlich vor und fertigt drei bis vier Bilder im Jahr. Seit Ende der 1990er stellt er in der New Yorker Paul Kasmin Gallery aus. Von den meinungsbildenden Kunstkreisen wird er kaum wahrgenommen, denn kann jemand, der das Tier in altmeisterlicher Manier aufs Papier bannt, ein zeitgenössischer Künstler sein? Seine Kunst ist vor allem ein Geheimtipp bei amerikanischen und britischen Sammlern. Bedeutende Museen richteten ihm bisher keine Einzelausstellungen aus. In Europa ist er nahezu unbekannt. Doch das Jahr 2010 fing für Walton Ford gut an: Seit dem 23. Januar zeigt der Hamburger Bahnhof - Museum für Gegenwart in Berlin das "Bestiarium", seine erste Personale auf dem Alten Kontinent. Die über dem Restaurant Sarah Wiener liegenden Säle, in denen Wechselausstellungen stattfinden, wurden graugrün und weinrot gestrichen, sodass sie den Eindruck vermitteln, als sei man in einer alten Gemäldegalerie.

Walton Ford: "Der Pantherausbruch",  2001; 114.3 x 165.1 cm. Ausstellung "Bestiarium",  Hamburger Bahnhof - Museum für Gegenwart Berlin,  23.01.-06.06.2010.   Foto © Usakowska-Wolff

Walton Ford: "Der Pantherausbruch", 2001; 114.3 x 165.1 cm. Ausstellung "Bestiarium"
 Hamburger Bahnhof - Museum für Gegenwart Berlin, 23.01.-06.06.2010
 Foto © Usakowska-Wolff

  Moritaten von Mordtaten

Beim Betrachten der 25 Bilder des "Bestiariums", von denen viele wie eindimensionale Dioramen aussehen, soll man sich viel Zeit lassen, denn sie sind ein ästhetischer und intellektueller Genuss. Unpathetisch und eher beiläufig zeigen sie, wie verletzlich die Schönheit der Natur ist und welche Schäden der Mensch anrichtet, wenn er sich wie ihr Herr und Gebieter aufführt: indem er alles zerstört, was ihm fremd und unheimlich erscheint, zerstört er die Grundlagen seines Lebens und letztendlich sich selbst. Walton Fords Kunstwerke sind Moritaten von den Mordtaten der Bestie Mensch, die selbst zum Opfer ihrer Tod bringenden Triebe wird. Die neben den Bildern stehenden Texte: Zitate aus englischen, französischen, spanischen und amerikanischen Tagebüchern, Forschungs- und Zeitungsberichten, Gedichten, Biografien und Romanen aus dem 16. bis 20. Jahrhundert (schade, dass die Namen der deutschen Übersetzer nicht genannt werden) haben einen direkten oder indirekten Bezug zum Abgebildeten. Wenn man das "Bestiarium" besichtigt, das nach dem Ende der Berliner Ausstellung in der Albertina (18.06.-10.10.2010) in Wien ausgestellt wird, wundert man sich nicht, dass es sehr schwer war, Walton Fords Sammler zu überzeugen, sich von seinen Werken für zehn Monate zu trennen. In der heutigen oberflächlichen Welt, der das Gefühl für Qualität abhanden gekommen ist, machen die Bilder des amerikanischen Einzelgängers süchtig. Sie sind handwerklich und inhaltlich so perfekt, so raffiniert komponiert: So schön, dass man sich daran nicht satt sehen kann.

Text und Fotos © Urszula Usakowska-Wolff

15.02.2009  


Walton Ford
Bestiarium
23.01.-06.06.2009
Hamburger Bahnhof - Museum für Gegenwart Berlin

18.06.-10.10.2010
Albertina Wien

Dr. Klaus Albrecht Schröder(l.), Direktor der Albertina Wien, Walton Ford  (vor seinem Bild "Le Jardin", 2005; 242.6 x 461.1 cm) und Udo Kittelmann, Direktor der Nationalgalerie am 23.01.2010 im Hamburger Bahnhof Berlin. Ausstellung "Bestiarium", 23.01.-06.06.2010.  Foto © Usakowska-Wolff

Dr. Klaus Albrecht Schröder(l.), Direktor der Albertina Wien, Walton Ford
 (vor seinem Bild "Le Jardin", 2005; 242.6 x 461.1 cm) und Udo Kittelmann, Direktor der Nationalgalerie am 23.01.2010 im Hamburger Bahnhof Berlin. Ausstellung "Bestiarium", 23.01.-06.06.2010oto
 Foto © Usakowska-Wolff

Publikation

Walton Ford
Pancha Tantra

320 Seiten
Deutsch, Englisch, Französisch
TASCHEN, 2009
Preis: 49,99 Euro


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Walton Ford at Paul Kasmin, NYC (Nov 2009), youtube >>>

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