|
Das
Tier in altmeisterlicher Manier Das Grauen ist nur leicht, nur beiläufig angedeutet. Es offenbart sich erst beim genauen Hinschauen. Was man auf den ersten Blick sieht, sind große, meistens überlebensgroße Papierbilder unter Glas mit perfekt gemalten Kreaturen: bunte Vögel, einzeln oder in Schwärmen sowie Säugetiere, von denen manche als exotisch gelten. Drei junge Bären fallen zum Beispiel von einem Ast, der sich in der linken Ecke eines der Bilder befindet. Das spielt sich an einem schönen Morgen ab, als die Sonne über dem See aufsteigt: eine Idylle, die keine ist, denn in der rechten Bildecke steht ein Baum in Flammen, umringt vom aufgebrachten Mob, der auf die Baumkrone starrt, wohin sich die Bären geflüchtet haben. Allmählich begreift man, dass der erste Bär in den Tod fällt und die beiden anderen ihm bald folgen werden. Dieses Bild ist wie ein Film komponiert; es vermittelt den Eindruck, aus zwei Filmstills zu bestehen. Der erste zeigt die Nahaufnahme der drei Bären, deren Lage aussichtslos ist, weil sie, was man dem zweiten entnimmt, auf einem Baum hocken, der angezündet wurde, um sie auf die Erde zu holen und zu erschlagen.
Solche
Bilder, genauer gesagt: Mischtechniken aus Aquarell, Gouache, Tinte und
Bleistift auf Papier, die das Kino in den Köpfen der Zuschauer in Gang
setzen, fertigt seit über zehn Jahren der 1960 in Larchmont im
Bundesstaat New York geborene Walton Ford, der Filmer werden wollte und
sich nach dem Ende seines Kunststudiums (1982) an der renommierten Rhode
Island School of Design als Landschaftsmaler versuchte. Was ihm
vorschwebte, war Geschichten zu erzählen, die in der Natur spielen.
Seit seiner Kindheit interessierte er sich für aufwendig illustrierte
naturwissenschaftliche Bücher; für Berichte der Forschungsreisenden,
Naturforscher und Abenteurer; für Naturkundemuseen, Dioramen und Tierpräparate.
Eine besondere Faszination übte auf ihn der Ornithologe und Zeichner
John James Audubon (1785-1851) aus, der als Sohn einer Kreolin und eines
französischen Seekapitäns und Sklavenhändlers in Haiti zur Welt kam,
in Nantes aufwuchs und als 18-jähriger mit gefälschtem Pass in die
Vereinigten Staaten auswanderte. Dort lebte er als Jäger, Händler und
Tierpräparator auf einer Farm in der Nähe von Philadelphia. Er
unternahm lange Reisen, um die Vogelwelt Amerikas zu erforschen und zu
katalogisieren; schoss Vögel mit feinen Schrotkugeln
("Vogeldunst" genannt), befestigte ihre Kadaver mit Drähten
auf Ästen, um sie "naturgetreu" zu zeichnen. Das Ergebnis
dieser mörderischen ornithologischen Leidenschaft war der vierbändige
Atlas "The Birds of America", der, zwischen 1827-1838 veröffentlicht,
hundert Kilo wog und sich seitdem einer ungebrochenen Beliebtheit
erfreut. Seine Faksimile-Ausgabe erschien 1986 im New Yorker Verlag
Abbeville Press (350 Exemplare mit sieben Textbänden) und kostete
damals umgerechnet über 20.000 Euro pro Exemplar. John James Audubon
wurde nicht nur als Vogelkundler, sondern auch als begnadeter
Naturzeichner ein Vorbild für seine Nachfolger.
Kreaturen
den Tod ersparen Eines
der ersten Bücher, das Walton Ford seine Eltern schenkten, waren
"Die Vögel Amerikas", dessen Illustrationen er immer wieder
kopierte. Bis heute hat er ein ambivalentes Verhältnis zu seinem
Altmeister, der Hunderte von Vögeln und Tieren tötete, um sie zu
zeichnen oder auszustopfen, also um sie, wenn man so will, als
Kunstwerke ewig leben zu lassen. Die Auseinandersetzung mit Audubon half
ihm, sein künstlerisches Medium zu finden: großformatige Aquarelle auf
Papier, das aussieht, als stamme es aus längst vergangenen Zeiten,
versehen mit zitterigen handschriftlichen Notizen wie das Werk eines
Naturmalers aus dem 19. Jahrhundert. Doch um den darauf abgebildeten
Kreaturen den Tod nach Art von John James Audubon zu ersparen, arbeitet
Walton Ford nach Vorlagen, die er in alten Büchern und im Internet
findet. Das leuchtet auch ein, denn ein zeitgenössischer
US-amerikanischer Künstler, der Löwen, Tiger, Panther, Elche, Okapis,
Gorillas und andere Affen; Elefanten, Nashörner und Eisbären abbildet,
hat wenig Möglichkeiten, sie in freier Wildbahn anzutreffen. Schon gar
nicht solche Tiere, die der Mensch ausgerottet hat – wie etwa den
Riesenelefantenvogel (Madagaskarstrauß) und den Tasmanischer Tiger,
auch Tasmanischer Wolf oder Beutelwolf genannt.
Bestie
vor der Flinte Die
Tiergeschichten, die der US-Amerikaner in seinen altmeisterlichen
Papierarbeiten erzählt, sind Geschichten aus zweiter Hand. Dabei lässt
er sich von Texten inspirieren, die vor allem im 16., 17., 18. und im
19. Jahrhundert von Menschen geschrieben wurden, welche die Tierwelt der
kolonialisierten Länder erforschten, einige Exemplare der dortigen
Fauna nach Europa brachten, um ihr Verhalten zu studieren, um sie zu
domestizieren, um sie als Haus-, Zirkus- oder später als Zootiere zu
halten und zur Schau zu stellen. Empathie für die geschundene Kreatur
zeigten früher auch andere Künstler, zum Beispiel Pieter Bruegel der
Ältere, dessen aneinander geketteten "Zwei Affen" (1562) auf
einem Sims im Mauerbogen sitzen, hinter dem sich eine Seelandschaft
erstreckt. Die von Walton Ford gezeichneten Affen sind auch häufig
angekettet; sie dienen der Belustigung ihrer Herrchen, wenn sie in
menschliche Rollen und manchmal in menschliche Kleidung gezwängt
werden, an einem üppig gedeckten Tisch tafeln ("The Sensorium",
2003) oder auf einem weißbezogenen Sterbebett liegen und – was dezent
angedeutet wird – onanieren ("Jack On His Deathbed", 2005).
Nüchtern, sachlich und mit bitterböser Ironie zeigt Walton die Tiere
so, wie Menschen sie behandeln: als Spielzeug und Handelsware; als
Objekte der wissenschaftlichen Neugierde, die zu Forschungszwecken
angeblich gequält und getötet werden müssen, um der Humanmedizin oder
der Biologie zu dienen (der Adler im "Delirium", 2004); als
Jagdtrophäen ("Bula Matari", 1998, mit einem Okapi, das an
einer Honigwabe leckt und nicht merkt, dass es vor einer Flinte steht);
als wilde Bestie, die Angst einflößt und Schrecken verbreitet, auch
wenn die Gruselgeschichten, die über sie erzählt werden, häufig nicht
stimmen ("Madagascar", 2002; "Thurneysser´s Demon",
2008; "An Encounter with Du Chaillu", 2009; "The
Island", 2009). Tiere sind nicht die besseren Menschen – Menschen
sind die schlechteren Tiere.
Expansion
ohne Pardon Menschen kommen auf Fords Bildern selten vor, und wenn, dann als blutrünstiger Mob ("Der Pantherausbruch", 2001; "Scipio and the Bear", 2007) oder als sterbliche Überreste – ein gefundenes Fressen für Wölfe, zu sehen auf dem Bild "Borodino" (2009), benannt nach dem russischen Ort, wo am 7. September 1812 die größte Schlacht des 19. Jahrhunderts stattgefunden hatte, in der die von Napoleon geführte französische Arme gegen russische Truppen unter General Kutusow kämpfte, wonach Leichen von 80.000 Soldaten beider Feldherren, die selbstverständlich mit dem Leben davon kamen, auf dem Schlachtfeld liegen blieben. Walton Ford ist nicht nur ein begnadeter Geschichtenerzähler: er benutzt Tiere auch, um die Gründungsmythen großer Nationen ins rechte Licht zu rücken. Auf dem Bild "Chingado" (1998) vergewaltigt ein weißer spanischer Stier einen mexikanischen Jaguar. "Le Jardin" (2005) zeigt wiederum einen blutenden Büffel, also das Tier der Indianer, Ureinwohner Amerikas, schlechthin, der von einem Rudel weißer Wölfe angegriffen wird und keine Kraft mehr hat, sich zu wehren. Es ist beeidruckend, wie einfach dieser Künstler komplizierte historische Inhalte darstellt: Seine Tierbilder sind Allegorien der Geschichte, der Wahnvorstellung von der menschlichen Allmacht, die vor allem Europäer, deren Nachkommen US-Amerikaner sind, immer wieder dazu verleitet, neue Gebiete zu erobern, die Urbevölkerung zu vertreiben, zu versklaven, auszurotten, deren Leben und Lebensgrundlagen zu zerstören, um dort ihre "überlegene" Zivilisation, – die des weißen Mannes, aufzubauen: Seine Expansion kennt kein Pardon. Wer ist die wahre Bestie: Mensch oder Tier?
Bestiarium
im Gegenwartsmuseum "Ich betreibe intensive Tierforschung", sagte Walton Ford dem Journalisten Calvin Tomkins vom Magazin The New Yorker. "Aber der Mensch verschafft mir das Entrée. (…) Ich denke, ich lege eine Art Kulturgeschichte dessen, wie Tiere nach Maßgabe menschlicher Vorstellung leben." In der heutigen schnelllebigen Zeit und Kunstwelt, die ständig neue Kunstmoden kreiert und die dazu passenden Künstler lanciert, ist der im Dorf Southfield in Berkshire County (Massachusetts) zurückgezogen lebende Zeichner eine Ausnahmeerscheinung: ein Perfektionist, der seinem Thema und der "altmodischen" Technik des Aquarells treu bleibt. Er arbeitet langsam, bereitet seine Werke gründlich vor und fertigt drei bis vier Bilder im Jahr. Seit Ende der 1990er stellt er in der New Yorker Paul Kasmin Gallery aus. Von den meinungsbildenden Kunstkreisen wird er kaum wahrgenommen, denn kann jemand, der das Tier in altmeisterlicher Manier aufs Papier bannt, ein zeitgenössischer Künstler sein? Seine Kunst ist vor allem ein Geheimtipp bei amerikanischen und britischen Sammlern. Bedeutende Museen richteten ihm bisher keine Einzelausstellungen aus. In Europa ist er nahezu unbekannt. Doch das Jahr 2010 fing für Walton Ford gut an: Seit dem 23. Januar zeigt der Hamburger Bahnhof - Museum für Gegenwart in Berlin das "Bestiarium", seine erste Personale auf dem Alten Kontinent. Die über dem Restaurant Sarah Wiener liegenden Säle, in denen Wechselausstellungen stattfinden, wurden graugrün und weinrot gestrichen, sodass sie den Eindruck vermitteln, als sei man in einer alten Gemäldegalerie.
Beim
Betrachten der 25 Bilder des "Bestiariums",
von denen viele wie eindimensionale Dioramen aussehen, soll man sich
viel Zeit lassen, denn sie sind ein ästhetischer und intellektueller
Genuss. Unpathetisch und eher beiläufig zeigen sie, wie verletzlich die
Schönheit der Natur ist und welche Schäden der Mensch anrichtet, wenn
er sich wie ihr Herr und Gebieter aufführt: indem er alles zerstört,
was ihm fremd und unheimlich erscheint, zerstört er die Grundlagen
seines Lebens und letztendlich sich selbst. Walton Fords Kunstwerke sind
Moritaten von den Mordtaten der Bestie Mensch, die selbst zum Opfer
ihrer Tod bringenden Triebe wird. Die neben den Bildern stehenden Texte:
Zitate aus englischen, französischen, spanischen und amerikanischen
Tagebüchern, Forschungs- und Zeitungsberichten, Gedichten, Biografien
und Romanen aus dem 16. bis 20. Jahrhundert (schade, dass die Namen der
deutschen Übersetzer nicht genannt werden) haben einen direkten oder
indirekten Bezug zum Abgebildeten. Wenn man das "Bestiarium"
besichtigt, das nach dem Ende der Berliner Ausstellung in der Albertina
(18.06.-10.10.2010) in Wien ausgestellt wird, wundert man sich nicht,
dass es sehr schwer war, Walton Fords Sammler zu überzeugen, sich von
seinen Werken für zehn Monate zu trennen. In der heutigen oberflächlichen
Welt, der das Gefühl für Qualität abhanden gekommen ist, machen die
Bilder des amerikanischen Einzelgängers süchtig. Sie sind handwerklich
und inhaltlich so perfekt, so raffiniert komponiert: So schön, dass man
sich daran nicht satt sehen kann. Text
und Fotos © Urszula Usakowska-Wolff 15.02.2009 Walton
Ford 18.06.-10.10.2010
Publikation
|