Archiv der zeitlosen Zeit:
Die Holzobjekte des Bildhauers Jan de Weryha-Wysoczański

 

Jan de Weryha-Wysoczanski. Foto © Urszula Usakowska-Wolff

Jan de Weryha-Wysoczański. Foto © Urszula Usakowska-Wolff

Ein Baum wächst sehr langsam und lebt sehr lange: einige zehn, sogar einige hundert Jahre. Im Vergleich zum langsamen Wachstum und der Langlebigkeit des Baumes dauert ein Menschleben nur einen Augenblick. Die Bäume leben und sterben bekanntlich stehend und nach ihrem Tod dauern sie, der Endlichkeit trotzend, in einer anderen Form fort, indem sie das in ihnen durch Jahrzehnte angesammelte Potenzial offenbaren. Das Holz, eines der wunderbarsten und universellsten organischen Materialien, das aus dem gefällten Baum gewonnen wird, erzählt die Geschichte seines Lebens, legt den Rhythmus seines Wachstums offen, den die Sonnenstrahlen in seine Ringe gespeichert hatten. Von einem Künstler, der sich entscheidet, mit Holz zu arbeiten, erzwingt der Prozess dessen Bearbeitung eine besondere Verhaltensweise. Weil das Holz ein ursprüngliches und langsames Material ist, ist die Verwandlung eines Holzstücks in ein Kunstwerk ebenfalls ein langsamer Prozess, der Geduld, Konzentration und Respekt gegenüber dem Material erfordert. Im Rahmen des schöpferischen Akts verwandelt sich Holz, Dokument des Zeitlichen, also des Lebensrhythmus, in eine zeitlose Form, die die Geschichte des Menschen und der Natur in sich trägt. In dem zur Schau gestellten Kunstwerk aus Holz begegnen sich also drei Geschichten: die Geschichte des Baumes, des Künstlers und des Zuschauers, der in Konfrontation mit diesem Werk der Kultur das Zeitliche seines eigenen natürlichen Seins erfährt. Das Holz ist auch Symbol der Sinnlichkeit, denn kein anderes Material ruft so viele gegensätzliche Assoziationen hervor: spröde und glatt, scharf und dumpf, gerade und rund, fest und weich, warm und kalt, federnd und starr, hell und dunkel, laut und leise. Aus diesen Gegensätzen setzt sich der Holzrhythmus zusammen, ein Element der Zeitstruktur. Der Holzrhythmus beeinflusst wiederum dessen Form, die sich wie eine eigentümliche Melodie entfaltet und somit künstlerisches Ausdrucksmittel ist. Die Form ist also ein Ausdruck des Lebens, die Kultur Ausdruck dessen Natur.

Jan de Weryha-Wysoczanski: Ohne Titel, 2001, verschiedene Hölzer, 350 x 106 x 43 cm

Jan de Weryha-Wysoczański: Ohne Titel, 2001, verschiedene Hölzer, 350 x 106 x 43 cm

Spröde Schönheit und strenge Harmonie

Seit dem Ende der 1990er Jahre gehört Holz zum Lieblingsmaterial von Jan de Weryha-Wysoczański. Die Erforschung und Offenlegung der geheimnisvollen Struktur und des Wesens des Holzes wurde für ihn einerseits zum künstlerischen Programm, andererseits zu einer Art zu leben, und im Prinzip fernab vom Leben, also vom lauten, chaotischen, oberflächlichen Alltag und dem kommerzialisierten Kunstmarkt. Die Wahl des Holzes als grundlegendes Mittel des künstlerischen Ausdrucks war ein bewusster Akt der Absage an die ihn umgebende Wirklichkeit, Rettung vor dem ihm vielleicht drohenden, von der Prosa des Lebens erzwungenen sprichwörtlichen Holzweg eines Produzenten künstlerischer Konfektionsware, zum schnellen und lukrativen Verkauf geeignet. Diese Wahl war wohl auch ein Versuch, eine Möglichkeit zu finden, um die Probleme dieser Welt zu ordnen, ein Mittel, um das Chaos zu bewältigen. Dem in einem atemberaubenden Tempo rasenden oberflächlichen Leben stellte Jan de Weryha-Wysoczański einen langsamen, mühseligen und komplizierten schöpferischen Forschungsprozess entgegen, in dem während einer schweren, häufig mehrere Monate dauernden körperlichen und intellektuellen Arbeit Werke entstanden, die durch ihre einfachen Formen und raffinierten Oberflächen zur Meditation anregten, spröde Schönheit und strenge Harmonie ausstrahlten. Die Tatsache, dass Jan de Weryha-Wysoczański sich für die Arbeit mit dem Holz entschied, war sicherlich auch eine Folge seiner Erfahrungen, die er in der Vergangenheit gesammelt hatte. Der 1950 in Gdańsk (Danzig) geborene und seit 1981 in Hamburg lebende Künstler, studierte Bildhauerei an der Staatlichen Kunsthochschule in seiner Heimatstadt an der Motlau. Zu seinen Professoren gehörten zwei namhafte polnische Bildhauer: Alfred Wiśniewski und Adam Smolana, die anthropomorphe, an antike Statuen anknüpfende Holzfiguren schufen. Von der Danziger Hochschule brachte der heutige Hamburger Bildhauer also eine hervorragende theoretische und praktische Vorbereitung und - was in Deutschland nicht sehr häufig anzutreffen ist - perfekte Kenntnisse des künstlerischen Handwerks mit. Weil aber dieser Künstler über eine außerordentliche räumliche Vorstellungskraft verfügt, musste er sich irgendwann Formen zuwenden, die in Riesenräumen wirken. Es genügt nämlich nicht, Jan de Weryha-Wysoczański bloß einen Bildhauer zu nennen: er ist viel mehr ein Bildhauer vom großen Format und ein Architekt, der imstande ist, selbst die immensesten Räume zu gestalten.

Jan de Weryha-Wysoczanski: Ohne Titel, 2000, verschiedene Hölzer, 200 x 200 x 38 cm

Jan de Weryha-Wysoczański: Ohne Titel, 2000, verschiedene Hölzer, 200 x 200 x 38 cm

Symbole des Lebens und der Vergänglichkeit

Im Einklang mit der Natur des von ihm bevorzugten Materials, entstehen die Werke von Jan de Weryha-Wysoczański sehr langsam, an manchen von ihren arbeitet er sogar neun Monate lang, was bedeutet, dass sie wie Wesen behandelt werden können, die in einem künstlerischen Schöpfungsakt geboren wurden. Die aus dem Holzinneren gewonnenen Formen tragen Spuren der von dem Künstler benutzten Werkzeuge: Säge, Axt, Meißel, Hammer. Diese Spuren bleiben dort für immer als seine individuelle Handschrift, denn die Oberflächen seiner Kunstwerke werden weder poliert noch geglättet oder mit Politur „verschönert“: sie dauern also in einer minimal veränderten ökologischen Reinheit fort. Die fertigen Arbeiten in Form von Kuben, Kreisen, Pyramiden, Säulen, Obelisken oder solchen, die daran erinnern, sind nicht narrativ, denn sie erzählen nichts, sie bergen nur ihre Geschichte in sich. Sie sind nämlich von den Spuren des Baumlebens und den Spuren der Künstlerhand gezeichnet und ihre Oberflächen versinnbildlichen ihre Entstehungsgeschichte. Die runden oder eckigen Formen können auch als Symbole der Erde, des Mondes, der Grabhügel und der Grabstelen, also als Symbole des Wachstums, des Lebens und der Vergänglichkeit verstanden werden. Manchmal sengt oder verkohlt Jan de Weryha-Wysoczański einzelne Elemente oder sogar ein ganzes Werk. Diese Prozedur bewirkt, dass das Holz aus dem pflanzlichen in den mineralischen Zustand übergeht: durch die Intervention des Künstlers verwandelt sich eine Pflanze in ein Mineral. Dank den Eigenschaften des Holzes wird die sorgfältig konzipierte und scheinbar leidenschaftslose Kunst in Wirklichkeit zur leidenschaftlichen Kunst, denn der Bildhauer greift in das Holz so ein, dass es von seiner Identität nichts verlieren kann: In der Praxis funktioniert dies durch die Einführung von strengen Regeln, die der Künstler in seiner empirischen Auseinandersetzung mit der Natur aushandeln muss. Es entstehen dann bestimmte Rhythmen, aber auch eine gewisse Monotonie. Diese beiden Erscheinungen thematisiere ich in einer anhaltenden Hervorhebung, welche mit einer pulsierenden Balance überrascht. Parallel dazu führe ich eine bestimmte Geometrie ein, voll von sachlichen Ausdrucksweisen, die mich bei der Minimal Art beeindrucken. Auf der anderen Seite interessiert mich das individuelle unwiederholbare Geflecht von künstlich geschaffenen, aber natürlich wirkenden Holzoberflächen, die kaum erkennbare Spuren der Werkzeugintervention bemerken lassen, sagt Jan de Weryha-Wysoczański, der in seiner Arbeit ausschließlich die vom Sturm entwurzelten Stämme oder solche, die aus forsttechnischen Gründen gefällt werden müssen, benutzt.

Jan de Weryha-Wysoczanski: Hölzerne Tafel, 2001.: Birkenholz, Fichte verkohlt, Nägel.:470 x 214 x 17 cm

Jan de Weryha-Wysoczański: Hölzerne Tafel, 2001.: Birkenholz, Fichte verkohlt, Nägel.:470 x 214 x 17 cm

  Imposante Größe und Qualität

Die Kunst, die dieser Universalkünstler kreiert, ist eine Kunst der Gegensätze. Minimalistisch, also uniformiert und entindividualisiert in der Form, verfügt sie zugleich über maximal diversifizierte individuelle Oberflächen. Sie ist eine Fortsetzung und Bereicherung der Minimal Art, mit der sie vor allem die meisterhafte Nutzung und Beherrschung des Raums verbindet. Die Objekte von Jan de Weryha-Wysoczański treten nämlich in einen Dialog mit dem Raum ein, und wirken so, als ob sie ihn verlängerten, denn sie nehmen manchmal Zeichen auf, die für den Raum, in dem sie aufgestellt, gelegt oder aufgehängt wurden, charakteristisch sind. Einige davon sind mit einem subtilen Gitter bedeckt, das an Ziegelkonturen auf einer weißgestrichenen Mauer erinnert. Seine Wandobjekte unter dem Titel „Holztafeln“ sehen vom Weiten wie wellende Wandteppiche aus, aus der Nähe legen sie den Vergleich zu den Ende des 18. Jahrhunderts gefertigten Holzbibliotheken, s.g. Xylotheken nahe. Sie wirken immer architektonischer und ragen immer mehr in den Raum heraus, sie erinnern an Fenster in den Fachwerkfassaden, Tore in den Bauerngehöften oder Balkone in Wohnhäusern. Sie regen die Fantasie an, indem sie überraschende Assoziationen hervorrufen. Jan de Weryha-Wysoczański ist ein außerordentlich kreativer Künstler, mit einer fast übermenschlichen Tüchtigkeit gesegnet: in den letzten acht Jahren schuf er über hundert Kunstwerke von einer imposanten Größe und Qualität. Hundert Werke aus einigen zehn oder sogar einigen hundert Tausend Stücken und Stückchen Holz zusammengesetzt, die einige hundert Jahre alt sind! Ein einzigartiges Archiv der zeitlosen Zeit.

Vorwort zum Katalog der Ausstellung
Jan de Weryha-Wysoczański: "Holz-Archiv”in der Galerie PATIO in Łódź, Polen

Text
© Urszula Usakowska-Wolff

Fotos © Jan de Weryha-Wysoczański


Jan de Weryha-Wysoczański
Holz-Archiv
7.01. - 15.02.2005
Galeria PATIO
Hochschule für Humanistik und Ökonomie WSHE
ul. Sterlinga 26
PL 90-222 Łódź

Öffnungszeiten:
Mo 13.00 - 20.00 Uhr, Di - Fr 9.00 - 20.00 Uhr,
Sa   9.00 - 16.00 Uhr, So - 9.00 - 14.00 Uhr

Eröffnung am Freitag, den 7. Januar 2005, 19:00 Uhr. Der Künstler ist anwesend.

Jan de Weryha-Wysoczański 

Jan de Weryha-Wysoczañski: Hölzerne Tafel, 2004, Holzwandobjekt, patinierte Fichte, 320 x 40 x 6,5 cm

Jan de Weryha-Wysoczański: Hölzerne Tafel, 2004, Holzwandobjekt, patinierte Fichte, 320 x 40 x 6,5 cm

Jan de Weryha-Wysoczanski: Ohne Titel, 2000, Eiche verkohlt, 220 x 60 x 58 cm

Jan de Weryha-Wysoczański: Ohne Titel, 2000, Eiche verkohlt, 220 x 60 x 58 cm

Jan de Weryha-Wysoczanski: Ohne Titel, 2000, Weidenholz, 220 x 58 x 58 cm

Jan de Weryha-Wysoczański: Ohne Titel, 2000, Weidenholz, 220 x 58 x 58 cm

Jan de Weryha-Wysoczanski: Ohne Titel, 1999, Lindenholz , 299 x 241 x 26 cm

Jan de Weryha-Wysoczański: Ohne Titel, 1999, Lindenholz , 299 x 241 x 26 cm

Jan de Weryha-Wysoczanski:Ohne Titel, 1999, Lärchenholz, 210 x 63 x 60 cm

Jan de Weryha-Wysoczański:Ohne Titel, 1999, Lärchenholz , 210 x 63 x 60 cm

Jan de Weryha-Wysoczanski: Ohne Titel, 2004, verschiedene Hölzer teilweise verkohlt, 284 x 39 x 20 cm

Jan de Weryha-Wysoczański: Ohne Titel, 2004, verschiedene Hölzer teilweise verkohlt, 284 x 39 x 20 cm

Jan de Weryha-Wysoczanski: Ohne Titel, 2004, verschiedene Hölzer, 106 x 32 x 20 cm

Jan de Weryha-Wysoczański: Ohne Titel, 2004, verschiedene Hölzer, 106 x 32 x 20 cm

zu den Kunstnews

zum Text über die Ausstellung "Minimale Konzepte. Werke aus der Sammlung des Kunstmuseums Wolfsburg" im Kunstmuseum Wolfsbburg