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Blick
in versperrte Tiefen "Als Kind war ich oft einsam und habe viel geträumt. Fremdes, Seltsames, Geheimnisvolles, aber auch Buntes und Glitzerndes haben mich stets gereizt... Mit verwitterten Holzstückchen und seltsamen Elbkieseln beschäftigte ich mich stundenlang. Heidelbeersaft, zu Pinseln gekaute Birnenstiele und nicht zuletzt die Finger waren meine ersten Malmittel. Je fleckiger und dreckiger die Papierfetzen wurden - meist blaue oder braune Einkaufstüten - , desto begeisterter verlor ich mich in solches Malen.“ Einsamkeit und Träume prägen das Leben Woldemar Winkels und verleihen seiner Kunst einen geheimnisvollen, magischen Ausdruck. Seltsame totemartige Plastiken aus gefundenen Gegenständen, Collagen in Glaskästen, mit Goldpuder wie mit der Patina der Zeit bedeckt, figürlich-florale Bilder in gedämpften Pastelltönen: sein fantastisches und schwer zu beschreibendes Universum ist "beflügelt und magisch blinkend“, wie der Titel seiner Arbeit aus dem Jahr 1995 anzudeuten scheint. Schnörkellose
Extase Mit 101 Jahren gehört der am 17. Juni 1902 in Mügeln bei Dresden geborene Woldemar Winkler, der seit 1950 in dem Dorf Niehorst bei Gütersloh arbeitet und lebt, zu den ältesten deutschen Künstlern. Seine Kunst ist zeitlos und grenzenlos: Sie trägt die einzigartige Handschrift des Künstlers, eines überzeugten Einzelgängers, der es immer verweigerte, dem Zeitgeist zu frönen und den gängigen Moden zu folgen, obwohl er dafür einen hohen Preis bezahlen musste: "Nach dem Krieg habe ich unter innerem Zwang und mit größter Intensität gemalt und gestaltet, dabei aber in der Enge der westfälischen Kleinstadt stets kontaktlos wie im luftleeren Raum gelebt.“ Die Anerkennung, die er verdient hat, wurde ihm nicht zuteil, denn - obwohl als bedeutender Künstler vor allem anlässlich seiner runden Geburtstage gefeiert, ist er für die mondäne Kunstwelt und deren Macher keiner vom Rang eins. Vielleicht deshalb, weil er "keine geschwätzige Schnörkel, die das Wichtigste verschweigen“ produziert, so der Titel seines Bildes von 1996. Seine Werke enthalten Botschaften aus einer verborgenen Welt, aus der inneren Emigration. Es sind dreidimensionale Träume, Gefühle und Empfindungen eines Unangepassten, der sich seine eigene Welt zusammen reimt und sie abbildet, um sie vor der äußeren Welt zu retten, denn " Ich suche nicht nach ästhetischen Gesetzen. Es liegt mir nicht daran, Kunst oder schöne Bilder zu machen. Das Atmen in unserer Welt, die sich mit ihren besonderen Eigenheiten ständig bedrohlicher formiert, zwingt mich zu immer neuen Reaktionen in meiner Sprache. Die Versuche, mit allen Fasern meines Seins in einer intuitiven Wachheit in Farbe, Form und Material zu kriechen, die Dinge nicht nur an der Oberfläche zu behandeln, sondern sie zu durchdringen, zu durchweichen, zu durchstechen und dabei Löcher in die Logik zu stoßen, bringen mich zu schöpferischer Ekstase.“ Trip
ins Labyrinth Woldemar Winkler ist ein Dichter, der sich der Sprache der Malerei, der Zeichnung und der Plastik bedient. Die Vorstellungskraft ist Ausgangspunkt, Inhalt und Wirkung seiner Bilder, Collagen und Skulpturen und deshalb wird er der imaginativen Kunst zugeordnet. Er schafft magische Objekte, die der polnischen, 1913 geborenen Künstlerin und Lyrikerin Erna Rosenstein verwandt sind, obwohl man annehmen kann, dass die beiden voneinander nichts wissen. Es ist derselbe Geist, die ihre Kunst durchdringt: ein freier, kreativer Geist, der das Innere an die Oberfläche kehrt in einer Zeit, die an der Oberfläche klebt und sie zum Maß aller Dinge erklärt. Indem der Deutsche und die Polin gegen den Zeitgeist arbeiten und sich nicht scheuen, ihrer Imagination zu folgen und sie in stillen Seelenlandschaften zu bannen, sind sie ihrer Zeit weit voraus. Sie decken Verborgenes auf, um das Offensichtliche, das Grelle, Schnelllebige und Fassadenhafte zu entlarven, denn, wie Woldemar Winkler sagt: "Wer sich mit meinen Bildern einlässt, dürfte gezwungen sein, durch mein Fenster zu fliegen und einen 'Trip’ in das Labyrinth einer neuen Landschaft zu machen. So wird er sich, aus dem Bedürfnis unserer Zeit nach Mystischem heraus, der harten Realität mit ihren Ängsten bewusst werden und ihr durch schöpferischen Nachvollzug in einem Rausch entfliehen.“ Leise
Kammerstücke des Geistes Den
schöpferischen Rausch, der Woldemar Winker seit über 80 Jahren beflügelt,
kann man gegenwärtig im Herforder Daniel - Pöppelmann- Haus
nachvollziehen. Bis zum 25. Januar werden dort 271 Arbeiten des betagten
Künstlers gezeigt, der an der Ausstellungseröffnung in seinem
Rollstuhl teilnahm. Das ist nur ein Bruchteil seines Gesamtwerks, von
dem bisher 5.000 Arbeiten erfasst sind. "Insgesamt sind es aber
sicherlich an die 7.000 Werke“, sagt sein Sohn Christoph. Dennoch ermöglicht
die vom Herforder Kunstverein ausgerichtete Retrospektive einen tiefen
Einblick in die fantastische künstlerische und handwerklich äußerst
präzise Welt seines Vaters. In Herford ist auch ein Teil jener Werke zu
sehen, die noch bis vor kurzer Zeit als verschollen galten: Von den
Nazis wurde Winkler als "entarteter Künstler“ diffamiert, so
dass seine Arbeiten in den städtischen Gebäuden Dresdens 1938 zerstört
wurden. Damit nicht genug, denn bei der Bombardierung seiner Heimatstadt
im Februar 1945 durch die Alliierten wurde ein Großteil seiner
Kunstwerke vernichtet. Erst vor drei Jahren wurden in Winklers
Elternhaus zahlreiche Bilder aus seiner Dresdner Zeit gefunden.
"Ein bescheidener Anfang ohne großes Wollen ist es zumeist, der
mich zur Gestaltung treibt. Dabei spielt der Zufall nicht selten eine
große Rolle“, sagt Woldemar Winkler. Mag der Zufall im
Entstehungsprozess seiner Werke von Bedeutung sein, auf seinem künstlerischen
Weg überließ der Große Magier nichts dem Zufall. Konsequent und gegen
den Trend bewahrte er sein einzigartiges gestalterisches Vokabular vor
den Verlockungen der oberflächlichen Welt und setzte ihr seine
Seelenlandschaften entgegen: Leise Kammerstücke des Geistes, der in
Winklers Schöpfungen so überzeugend verweilt, weil er einen
"Blick in versperrte Tiefen“ (so der Titel seines Bildes aus dem
Jahr 1995) ermöglicht. Text © Urszula Usakowska-Wolff 13.12.2003
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