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Heinrich
Zille und sein Milljöh Motto:
Ridentem dicere verum
(Horaz) Die Wahrheit wird nicht gern gehört, erst recht nicht, wenn sie unangenehm ist, auf Unerträgliches hinweist. Da ist der Autor gut beraten, sie in ein heiteres Gewand zu hüllen, um um so deutlicher zu enthüllen, was ihn schmerzt. Das war nicht nur der Weg, den Horaz ging, um der römischen Gesellschaft den Spiegel vorzuhalten - dieses Element der Satire fand und findet immer wieder Anwendung in der Kunst. Aber es ist ein gefährliches Instrument, dessen sich der Autor dabei bedient. Das Publikum greift gern die heitere Seite auf und übersieht noch lieber die Missstände, auf die es hingewiesen werden soll. Der Künstler wird zum Clown, zum possierlichen Unterhalter, und er lässt sich von seinem Publikum unterhalten, denn er lebt ja davon, und läuft so letztlich Gefahr, zum Verräter an seiner eigenen Sache zu werden.
Unauffälliges
Leben ohne Skandale Auch
Heinrich Zille sah sich diesem Vorwurf ausgesetzt, und die Verwerter
seiner Arbeiten haben sich reichlich bedient, aus ihm einen gemütlichen
Schilderer berlinischer Folklore zu machen, die sich dann auf
mannigfaltigste Art kommerziell ausbeuten ließ. Sicher, er war nicht
ganz schuldlos daran, denn seine Arbeit als Illustrator in bürgerlichen
Unterhaltungsblättern war nicht gerade dazu angetan, den
Sozialrevolutionär herauszukehren. Auch für Heinrich Zille ging die
Kunst nach Brot. Schon als Kind hatte er erfahren, was es bedeutet, wenn
es am Brot mangelt. Heinrich Zille wurde am 10. Januar 1858 in Radeburg bei Dresden geboren. Die Familie lebte in armen Verhältnissen und floh vor den sächsischen Gläubigern 1867 nach Berlin, wo der Vater erst 1869 Arbeit bei Siemens und Halske fand. Heinrich Zille besuchte die Volksschule und begann 1872 eine Ausbildung als Lithograph. Über seine Arbeit als Reproduktionstechniker bei der Photographischen Gesellschaft in Berlin ab1877, unterbrochen durch den Militärdienst 1880 bis 1882, bekommt Zille Kontakt zu Berliner Künstlern. 1883 heiratet er Hulda Frieske, eine Lehrerstochter aus Fürstenwalde, mit der er drei Kinder hat. Er zieht in eine Mietwohnung in der Sophie-Charlottenstraße 88, wo er bis zu seinem Lebensende wohnen wird. Ein unauffälliges Leben ohne Skandale und Affären, in das er auch durch Selbstzeugnisse kaum Einblicke gewährte. Zilles
Werdegang 1901
werden in der IV. Kunstausstellung der Berliner Secession erstmals
Zeichnungen von Heinrich Zille gezeigt, 1903 bringt der Simplicissimus
die ersten Arbeiten von ihm. Im selben Jahr wird Zille auch Mitglied der
Berliner Secession. Nun reißen die Veröffentlichungen seiner
Zeichnungen nicht mehr ab: in Zeitschriften (Der liebe Augustin, Jugend,
Lustige Blätter, Ulk), Bücher (Kinder der Straße 1908, Mein Milljöh
1914, Zwanglose Geschichten 1919, Hurengespräche 1921, Berliner
Geschichten und Bilder 1924) und zahlreiche Mappen. 1924 wird Zille auf
Vorschlag Max Liebermanns Mitglied der Preußischen Akademie der Künste
und erhält den Professorentitel. Schließlich beginnt er mit dem Film
zu arbeiten: 1925 "„Die Verrufenen. Der fünfte Stand", 1927
"Schwere Jungen - leichte Mädchen", 1929 "Großstadtkinder"
und posthum "Mutter Krausens Fahrt ins Glück". 1910 erhält Zille
den Menzelpreis des Ullsteinverlages und zu seinem 70. Geburtstag
richtet das Märkische Museum eine Retrospektive "Zilles Werdegang"
aus. Am 9. August 1929 stirbt Heinrich Zille und erhält ein Ehrenbegräbnis auf dem Stahnsdorfer Friedhof. 2000 Menschen geben ihm das letzte Geleit, darunter Käthe Kollwitz, Erich Mühsam und der Oberbürgermeister Gustav Böß. Empathie
für die Armen Die Ausstellung "Heinrich Zille. Kinder der Straße" in der Berliner Akademie der Künste greift weit über das Klischee des Berliner Markenzeichens hinaus. Sie stellt den Künstler als Zeichner, Grafiker und Fotografen vor. Während die industriellen Verwerter nur den "jemüthlichen Vata Zille" oder den "Pinselheinrich“ in den Vordergrund rücken, wo dann seine Bilder vor allem komisch zu sein haben, um die Leute zu unterhalten, unterstreicht Matthias Flügge, Kurator der Ausstellung, den gesellschaftskritischen Ansatz der Zilleschen Kunst. Weil Zille am eigenen Leibe erfahren hatte, was es bedeutete, zu den Ausgegrenzten der Gesellschaft zu gehören, hatte er sich ein Leben lang die Empathie für die Armen bewahrt und sie auf eine liebenswerte Art in seiner Kunst ans Licht der Gesellschaft geführt, ohne sie der Lächerlichkeit preiszugeben. So wurde er zwar nicht zu einem Künstler des Mainstreams, wohl aber zu einer der wichtigsten Künstlerpersönlichkeiten seiner Zeit in Berlin. Kunst
klagt die Gesellschaft an Heinrich
Zille kolportiert den Humor aus der Welt der Armen, er leuchtet sie mit
seinen Zeichnungen aus, macht sie für das Bürgertum sichtbar. Das
"Milljöh"
wird nicht anklagend gegen seine Akteure auf die Bühne gezerrt. Das
Milljöh-Theater Zilles klagt die Gesellschaft an, die so etwas möglich
macht und zulässt. Berlin war im Anfang des 20. Jahrhunderts ein
besonders krasses Beispiel solcher Zustände. Und es ist auf einer Bahn
heute, die Ähnliches wieder möglich macht. Darauf will neben der
kunsthistorisch-akademischen Retrospektive die Akademie der Künste mit
ihrer Ausstellung ebenfalls aufmerksam machen. Text © Manfred
Wolff 13.01.2007
Weiter Stationen: Lindenau-Museum
Altenburg Städtische
Galerie Villingen-Schwenningen
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