Wie ein Schatten hinter den Menschenautomaten

Artur żmijewski vermittelt einen zwiespältigen Eindruck. Er ist freundlich und distanziert, in sich gekehrt und wachsam, abwesend und präsent, wortkarg, doch immer bereit, auf eine Frage mit einer Gegenfrage zu antworten. Frage ich ihn, wie es ihm gelingt, das Vertrauen der Menschen, mit denen er arbeitet, zu gewinnen, entgegnet er: "Muss ich das?" Artur żmijewski verliert wenig Worte: was er zu sagen hat, zeigt er auf seinen bewegten und häufig bewegenden Bildern. Er ist ein Bildhauer, der als Fotokünstler und Filmemacher berühmt wurde: 2005, mit 39 Jahren, wurde er zur Biennale von Venedig eingeladen, wo er im polnischen Pavillon seinen Film "Repetition" zeigte. In diesem Jahr wird er durch die Teilnahme an der documenta 12 in Kassel geadelt. Der Stoff, aus dem seine Kunst ist, sind Menschen, die selten im Scheinwerferlicht stehen: Behinderte, Todkranke, chronisch Leidende, Obdachlose und in letzter Zeit auch Niedriglohnarbeiterinnen und -arbeiter, die an den Rand der Gesellschaft gedrängt, im Verborgenen ihr meist tristes Dasein fristen. Weil Artur żmijewski Bildhauer ist, der von 1990 - 1995 bei Prof. Grzegorz Kowalski an der Warschauer Akademie der Schönen Künste sein Handwerk lernte, hat er ein Interesse am Körper, am real existierenden menschlichen Körper, den er jedoch nicht schnitzt oder meißelt, sondern mit fotografischen und filmischen Mitteln in Szene setzt und aus dem Schatten der Bedeutungslosigkeit ans Licht bringt. Sein Kunststoff ist also eine Art ready made: Der vorgefundene menschliche Körper, häufig nackt, behindert und alternd, vom gängigen Schönheitsideal weit entfernt. Mit dem kühlen und schonungslosen Blick eines Anthropologen beobachtet er die Gesellschaft, entblößt ihre Tabuzonen, Rituale und Zwänge. Er ist ein Künstler, dem es gelingt, mit minimalen Kontextverschiebungen neue Kontexte zu schaffen und zu zeigen, dass das Leben eine ständige Wiederholung, eine Repetition ist.

Urszula Usakowska-Wolff: Gebührenfreie Information. © Urszula Usakowska-Wolff

Urszula Usakowska-Wolff: Gebührenfreie Information. © Urszula Usakowska-Wolff

 Nackte Soldaten sind frei

In seinen früheren Arbeiten aus den Jahren 1998 - 2003 ging żmijewski der Frage nach: Was ist die Norm und wie wirkt sich die Abweichung von der Norm auf die genormte Gesellschaft aus? In der Fotoserie "Eye for an Eye" " leihen" körperlich unversehrte Menschen den Amputierten ihre Gliedmassen und verschmelzen dadurch zu einer scheinbar intakten Einheit. "Haschen" ist eine Videoarbeit, in der nackte, vom Alter und Armut gezeichnete Obdachlose in einem klaustrophoben kahlen Raum diesem Spiel nachgehen. Diese Arbeit verletzt das Tabu auch in einer anderen Hinsicht: Das nackte offensichtlich unbeschwerte Treiben wurde in der Gaskammer im KZ Auschwitz aufgenommen, was den "Genuss" dieser Bilder fast unerträglich macht. Im Video "Das Wachbataillon" filmte der Künstler die Soldaten dieser polnischen Elitetruppe, die bei allen feierlichen Anlässen vor den polnischen Volksvertretern und ihren Gästen paradieren: uniformierte Statisten und Befehlsempfänger der Macht, deren automatisiertes und dressiertes Auftreten die Herzen der Herrschenden erfreut und ihnen das Gefühl militärischer Größe vermittelt. In diesem Film nimmt er die Soldaten des Wachbataillons dabei auf, was sie immer tun: auf Befehl marschieren und salutieren, nur dass er sie mit der Zeit dazu bringt, sich der einzelnen Uniformteile zu entledigen, sodass sie am Ende nur mit der rechteckigen Mütze, der "rogatywka" nackt dastehen und sich vor Lachen schütteln. Ein nackter Soldat macht die Macht, die ihn - unabhängig vom Dienstgrad - zu einem uniformierten gedankenlosen Befehlsempfänger degradiert, lächerlich. Erst die Nacktheit macht die Soldaten zu freien Menschen und führt zugleich die Verkleidung ihrer Vorgesetzten vor: Eine umgekehrte Variante des Märchens "Des Kaisers neue Kleider".

 Zehn kurze Filme über die Unterschicht

Der 1966 in Warschau geborene Artur żmijewski ist ein Künstler, der bewusst mit Tabubrüchen arbeitet und dem Erstaunliches gelingt: In seinen neueren Filmarbeiten ("The Singing Lesson, 2001/2003 und "80064") bringt er gehörlose Jugendliche aus Warschau und Leipzig zum Singen und einen ehemaligen KZ-Häftling dazu, sich seine verblichene Häftlingsnummer am Arm erneut zu tätowieren. Die "Repetition", sein Beitrag zur letzten Biennale von Venedig, ist eine Wiederholung des Experiments von Prof. Philip Zimbardo, der 1971 eine Gruppe von nichtbestraften Menschen ins Gefängnis steckte. Der polnische Künstler teilte "seine" Gruppe auch willkürlich in Gefangene und Wärter ein, sperrte sie in ein Gefängnis ein und filmte sie zehn Tage mit mehren Kameras. Er griff in die Handlung aktiv ein, indem er Maßnahmen verordnete, die das Leben der Eingesperrten erschwerten und zeigte, dass in extremen Situationen die Grenze zwischen den Bewachern und Bewachten fließend ist: die Bewachten verwandeln sich in Bewachte. Es ist nicht zu übersehen, dass der filmende Bildhauer aus Warschau für eine "angewandte Gesellschaftskunst" plädiert, die gesellschaftliche Normen und Hierarchien erforscht und "eine Reaktion auf die Probleme dieser Gesellschaft" ist. "Diese Gesellschaft" reduziert Artur żmijewski jedoch nicht nur auf sein Heimatland, denn ihre Probleme sind global. So nahm er seine letzte, zehnteilige Arbeit über "Ausgewählte Arbeiten" in Polen, Italien, Mexiko und Berlin auf. Er begleitete mit seiner Kamera sechs Frauen und vier Männer, die eins verbindet: Der einzige Grund, einen Film über sie zu drehen, ist, dass es keinen Grund gibt, das zu tun. Es sind Menschen, die die meiste Zeit einer schlecht bezahlten, körperlich anstrengenden und abstumpfenden Arbeit nachgehen, die sie automatisch verrichten: zwei Reinigungskräfte (Ursula aus Birkenwerder in der Nähe von Berlin, Aldo aus dem sizilianischen Syrakus), eine Büglerin (Halina aus Falenica bei Warschau), eine Kassiererin (Dorota aus der Gegend von Wyszków unweit von Warschau), eine Arbeiterin in einem Wodkaabfüllbetrieb (Danuta aus dem Warschauer Vorort Rembertów), zwei Fastfood-Verkäuferinnen (Patricia aus Berlin und Yolanda aus einem Slum im Vorort der mexikanischen Stadt Juarez), zwei Bauarbeiter (Dieter aus Berlin und Salvatore aus Syrakus), ein Mechaniker (Giuseppe aus Syrakuz). Kurzum: es sind Menschen, die früher als Proletariat bezeichnet wurden und die man heute Unterschicht nennt. Der polnische Künstler folgte ihnen 24 Stunden lang wie ein Schatten (manchmal alleine, manchmal mit einer Assistentin oder einem Assistenten) und filmte ihren unspektakulären Alltag. Das Ergebnis sind zehn kurze (14- und 18minütige) Filme über die Unterschicht, über die unerträgliche Automatik und Routine des Alltags: Aufstehen, Zähne putzen, Essen vorbereiten und essen, die Familie versorgen, lange Zeit mit den öffentlichen oder eigenen Verkehrsmitteln fahren, eine monotone und schlecht bezahlte Arbeit verrichten, nach Hause fahren, Essen vorbereiten und essen, die Familie versorgen, putzen, einkaufen, fernsehen oder vor dem PC sitzen und spielen, Zähne putzen, ins Bett gehen, schlafen, am nächsten Morgen aufstehen und wieder alles von vorne. Die Gefilmten, die meistens durch Zeitungsinserate gefunden wurden, bekamen eine Aufwandsentschädigung und eine Kopie des Films, mussten jedoch auf sämtliche Urheberrechte verzichten und sich verpflichten, den Film nicht an Dritte zu verkaufen.

 Ursula auf und vor dem Bildschirm

Die drei Filme, die in Berlin Anfang 2007 entstanden (Dieter, Patricia und Ursula), sind eine Koproduktion mit dem Neuen Berliner Kunstverein und werden zusammen mit den sieben anderen Filmen und drei älteren Videoarbeiten in der Ausstellung "Artur żmijewski - Ausgewählte Arbeiten" gegenwärtig in der Chausseestraße128/129 gezeigt. Die Gefilmten wurden zur Ausstellungseröffnung eingeladen, doch nur Ursula ging - zusammen mit ihrer ältesten Tochter - auf dieses Wagnis ein. Den Neuen Berliner Kunstverein kennt sie zwar, denn sie hat dort häufig schon geputzt, in einer Vernissage war sie dagegen zum ersten Mal. Obwohl sie auf dem Bildschirm selten was sagt und eher verschlossen und grimmig erscheint, wirkt sie in Wirklichkeit viel fröhlicher, gelöster und erzählt mir gern über ihre Erfahrungen als Objekt einer 24-stündigen Kameraüberwachung. "Ich komme aus Polen, aus einem Dorf in der Nähe von Oppeln, wohne seit fünfzehn Jahren hier, ich spreche Polnisch und ich glaube, dass sie mich deshalb genommen haben, denn sie brauchten keinen Dolmetscher. Mein Mann war zuerst dagegen, dass ich mich filmen lasse, doch ich sagte ihm, dass er sowieso die meiste Zeit auf der Arbeit ist (er arbeitet bei Siemens), da war er einverstanden. Ich arbeite meistens zwei - drei Stunden am Abend, denn wir haben uns ein Haus gebaut, und putze Büros in Berlin. Artur żmijewski folgte mir wie ein Schatten, wenn er hinter mir ging, war es nicht so schlimm, das merkte ich gar nicht. Gestört hat es mich etwas, als er mich in der U-Bahn filmte, da saß er mir gegenüber, dann machte ich die Augen zu und tat so, als ob ich schlafen würde, damit die Leute nicht merken, dass man mich gefilmt. Mein Mann war etwas böse als er sah, dass Artur und seine Assistentin uns beim Schlafen filmen wollten, aber weil er immer früh aufstehen muss, schlief er die ganze Nacht durch. Ich konnte nicht so richtig schlafen, machte aber die Augen zu und wartete, dass die Nacht herum ist. Als ich die Augen einmal aufmachte, erschrak ich, denn Artur stand vor mir und filmte mich aus der Nähe. Seine Assistentin ist vor Müdigkeit eingeschlafen und ich warf ihr eine Decke über, damit sie nicht friert. Jetzt warte ich darauf, dass sie mir eine Kopie des Films geben, damit ich ihn in meinem Dorf zeigen kann." Urszula - wie sie auf Polnisch heißt - kann gut reden und sich auf dem Bildschirm wie im Leben sehen lassen. Sie weiß: wenn Reality gefilmt wird, gehört immer etwas Show dazu. Und etwas Fiction.

Text © Urszula Usakowska-Wolff
Fotos © Artur żmijewski

27.05.2006


Artur żmijewski
Ausgewählte Arbeiten
Selected Works
19.05. - 24.06.2007
Neuer Berliner Kunstverein
Kuratorin: Kathrin Becker


Katalog
Artur żmijewski
Ausgewählte Arbeiten
Selected Works
Mit einem Vorwort von Alexander Tolnay
und einer Einführung von Katharina Becker,
mit zwei Interviews mit und einem Text von Artur żmijewski,
einem Essay von Richard Sennett
sowie Beiträgen über alle Heldinnen
und Helden der "Ausgewählten Arbeiten"
240 S., zahlreiche Farbreproduktionen
Deutsch/Englisch
Revolver - Archiv für aktuelle Kunst, 2007
ISBN: 978-3-86588-389-6


zu den Kunstnews

Weiter zum Text über die Ausstellung "Swiss Made 1. Präzision und Wahnsinn" im Kunstmuseum Wolfsburg, 3.03. - 24.06.2007